Oracle-Aktie: Wette auf Milliarden-Umbau

Oracles Rechenzentrums-Investitionen steigen auf bis zu 95 Milliarden Dollar. Der Markt prüft, ob der Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar den Cash-Verbrauch deckt.

Die Kernpunkte:
  • Investitionsausgaben explodieren auf 55,7 Milliarden
  • Freier Cashflow rutscht ins Minus
  • Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar
  • Aktie technisch überverkauft bei RSI 28,7

Oracle-Aktien notieren bei 117,06 Euro, ein Plus von 1,05 Prozent am Tag. Trotzdem bleibt der Kurs nur knapp über dem 52-Wochen-Tief von 113,86 Euro, das im Februar erreicht wurde. Auf Jahressicht steht ein Minus von 29,90 Prozent zu Buche, über zwölf Monate sind es sogar 40,42 Prozent. Für Anleger stellt sich damit eine binäre Frage: Wandelt Oracles beschleunigter Ausbau der Rechenzentren schneller in Cashflow um, als das Unternehmen Kapital verbrennt? Oder wächst die Finanzierungslücke weiter, bevor das gelingt?

Die entscheidende Kennzahl: Kapazität gegen Cash-Verbrauch

Eine Zahl wird Oracles nächsten Schritt bestimmen: wie schnell vertraglich gesicherte Cloud-Kapazität tatsächlich ans Netz geht und abrechenbaren Umsatz erzeugt. Dem steht eine explodierte Investitionsbasis gegenüber.

Im Geschäftsjahr 2026 stiegen Oracles Investitionsausgaben auf 55,7 Milliarden Dollar, im Vorjahr waren es noch 21,2 Milliarden Dollar. Für das Geschäftsjahr 2027 rechnet der Konzern laut seinem Ende Juni bei der SEC eingereichten Jahresbericht mit Ausgaben zwischen 90 und 95 Milliarden Dollar. Ob dieses Tempo mit einer entsprechenden Beschleunigung bei tatsächlich gelieferten Gigawatt mithält — nicht nur versprochenen —, ist der Angelpunkt, an dem sich Bullen- und Bärenlager derzeit die Waage halten.

Das optimistische Szenario: Auftragsbestand wandelt sich in Umsatz

Die Wende-Argumentation stützt sich auf die schiere Größe von Oracles Auftragspipeline und erste Anzeichen einer beschleunigten Kapazitätslieferung. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 baute Oracle rund 400 Megawatt an Rechenzentrumskapazität zu. Im ersten Quartal 2027 soll fast ein Gigawatt hinzukommen, während der Konzern Cloud-Regionen weltweit ausbaut und GPU-Cluster für große KI-Trainingslasten errichtet.

Auf der Finanzierungsseite hat das Management zudem Zurückhaltung signalisiert. Finanzchefin Hilary Maxson erklärte, Oracle plane für das Kalenderjahr 2026 keine zusätzliche Schuldenaufnahme. Der Großteil der Finanzierung für das Geschäftsjahr 2027 soll demnach über Eigenkapital und Cashflow laufen, nicht über neue Kredite.

Auf der Nachfrageseite verweisen Analysten auf die Größe des noch nicht verbuchten Auftragsbestands. Oracles offene Leistungsverpflichtungen (RPO) liegen bei 638 Milliarden Dollar, ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz in der Cloud-Infrastruktursparte wuchs um 93 Prozent. Bank of America geht davon aus, dass rund 12 Prozent des RPO-Bestands in den kommenden zwölf Monaten in Umsatz umgewandelt werden. Mit einem RSI von 28,7 gilt die Aktie zudem als technisch überverkauft — ein Niveau, das manche Trader als Vorbedingung für eine Erholungsrally werten, sollte sich die Stimmung nur leicht stabilisieren.

Das Risiko-Szenario: Cash-Abfluss und Ausführungsrisiko

Das Gegenargument: Die Finanzierungslast läuft dem Ertrag weiter davon. Im Geschäftsjahr 2026 rutschte der freie Cashflow auf minus 23,7 Milliarden Dollar ab, während die Investitionsausgaben um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden Dollar sprangen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht — Oracles aggressiver KI-Rechenzentrumsausbau dürfte den freien Cashflow bis ins Geschäftsjahr 2029 negativ halten. Ein für 2027 geplantes Finanzierungsprogramm über 40 Milliarden Dollar nährt zusätzlich Verwässerungssorgen bei Aktionären.

Das Ausführungsrisiko ist keine graue Theorie. Oracle benennt es in eigenen Pflichtmitteilungen direkt: Der Jahresbericht listet Baustellenverzögerungen, GPU- und Stromengpässe, Kreditrisiken bei Kunden sowie regulatorische Hürden als Gefahren für das OCI-Geschäft, das laut Unternehmen „erhöhte Rechenkapazität“ sowie „erhebliche Kapital- und Betriebsausgaben“ erfordert. Unabhängige Analysen der Branche haben ähnliche Engpässe bestätigt — ein spürbarer Anteil der für 2026 geplanten Rechenzentrumsprojekte könnte sich demnach verzögern.

Hinzu kommt ein Konzentrationsrisiko. Ein Großteil des RPO-Auftragsbestands hängt an einer einzigen Kundenbeziehung. Sollte dieser Partner bei seinen eigenen Finanzierungsplänen ins Wanken geraten — jüngste Berichte deuten auf eine mögliche Verzögerung des Börsengangs dieses Partners hin — würde das eine der tragenden Säulen der optimistischen Backlog-These entfernen.

Ausblick: Der Markt wartet auf den Beweis

Solange Oracle konkrete, tatsächlich angeschaltete Megawatt und einen sichtbaren Umwandlungstempo von RPO in abgerechneten Cloud-Umsatz vorweisen kann, gewinnt das Stabilisierungsargument an Gewicht. Das gilt besonders vor dem Hintergrund, dass die Aktie weit unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 164,96 Euro und ihrem 52-Wochen-Hoch von 280,70 Euro notiert. Fällt die Kapazitätslieferung hingegen weiter hinter die Investitionsprognose von 90 bis 95 Milliarden Dollar für 2027 zurück, oder zwingt der Finanzierungsbedarf zu zusätzlicher Aktienausgabe über das bereits Angekündigte hinaus, dürfte das Risiko-Szenario mit anhaltend negativem Cashflow bis 2029 die Stimmung weiter belasten.

Der nächste konkrete Test kommt mit den Quartalszahlen im September 2026. Dann dürfte Oracle Details zu neu ans Netz gegangener Kapazität, zum Tempo der Backlog-Umwandlung und zur genauen Finanzierungsmischung aus Eigenkapital, Cashflow und Schulden liefern. Bis dahin entscheidet weniger die Größe des Auftragsbestands über die Kursrichtung als die Frage, ob die versprochenen Gigawatt tatsächlich pünktlich ans Netz gehen.

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