Oracle im freien Fall, AMD auf Jahreshoch — KI-Sektor zwischen Rekord und Risiko

AMD und Broadcom glänzen operativ, während Oracle und SoftBank unter Schuldenlast und OpenAI-IPO-Verschiebung leiden.

Die Kernpunkte:
  • Oracle mit schwerster Handelswoche seit 25 Jahren
  • AMD-Aktie steigt seit Jahresbeginn um 140 Prozent
  • Broadcom präsentiert neuen Custom-Chip Jalapeño
  • SoftBank leidet unter verschobenem OpenAI-Börsengang

Die Rechnung für den KI-Boom wird präsentiert. Während AMD seit Jahresbeginn über 140 % zugelegt hat und Broadcom mit seinem neuen Custom-Chip „Jalapeño“ für Aufsehen sorgt, kämpfen Oracle und SoftBank mit den Schattenseiten aggressiver KI-Investitionen. Oracle verzeichnete die schlimmste Handelswoche seit einem Vierteljahrhundert, SoftBank brach zweistellig ein. Der Juni 2026 zeigt in aller Deutlichkeit: Operative Stärke und finanzielle Tragfähigkeit sind zwei verschiedene Dinge.

Nvidia: Dominanz mit geographischem Gegenwind

Nvidia bleibt der unangefochtene Platzhirsch im KI-Chip-Markt. Im ersten Fiskalquartal 2027 erzielte der Konzern einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar — eine Zahl, die noch vor zwei Jahren als Fantasie abgetan worden wäre.

Die Debatte hat sich verschoben. Niemand zweifelt mehr an der Nachfrage nach KI-Beschleunigern. Stattdessen rückt China in den Fokus: Das US-Handelsministerium hat Anfang Juni ein Schlupfloch geschlossen, über das Nvidias Rubin- und Blackwell-Chips über Offshore-Töchter chinesische KI-Firmen erreichten. Der strukturelle Umsatzverlust in China lässt sich kurzfristig auch durch steigende Hyperscaler-Nachfrage nicht vollständig kompensieren.

Aktuell notiert die Aktie bei 170,48 €, rund 16 % unter ihrem 52-Wochen-Hoch vom Mai. Der RSI von 40,5 signalisiert eine leichte Überverkaufssituation. 58 Analysten vergeben im Schnitt ein „Strong Buy“-Rating mit einem Kursziel von rund 300 Dollar — das entspräche über 50 % Aufwärtspotenzial. Die entscheidende Frage bleibt, ob Konkurrenz durch Huawei und die zunehmende Verbreitung hauseigener Chips bei Hyperscalern Nvidias Preissetzungsmacht langfristig erodiert.

SoftBank: Wenn der größte Deal zur größten Last wird

Kein anderer KI-Wert wurde in der vergangenen Woche so hart getroffen. Am 26. Juni brach die SoftBank-Aktie um über 12 % ein, und zum Wochenstart setzte sich der Abverkauf fort. Der Kurs ist heute auf 32,57 € gefallen — ein Minus von fast 5 % allein am Montag und über 20 % im Monatsverlauf.

Der Auslöser: OpenAIs verschobener Börsengang. Die geplante IPO wurde auf 2027 vertagt, und damit gerät SoftBanks gesamte Finanzierungsarchitektur unter Druck. Ein Versuch, mindestens 6 Milliarden Dollar über ein Margin-Darlehen zu mobilisieren — besichert durch die OpenAI-Beteiligung —, scheiterte an der Zurückhaltung der Kreditgeber. Zusätzlich lastet ein 40 Milliarden Dollar schwerer Brückenkredit auf der Bilanz, fällig im März 2027.

  • Umsatz Fiskaljahr 2026: 7,8 Billionen Yen (+7,7 % ggü. Vorjahr)
  • Gewinn: 4,98 Billionen Yen (+339 %)
  • Deutsche Bank: Downgrade auf „Hold“, Kursziel 8.700 Yen
  • Volatilität (30 Tage): 115,65 % — mit Abstand der höchste Wert unter den fünf betrachteten KI-Aktien

Trotz des Gegenwinds investiert SoftBank weiter offensiv. Gespräche mit dem deutschen Robotik-Start-up Agile Robots deuten darauf hin, dass Masayoshi Son seinen Expansionskurs in humanoide Robotik fortsetzt — ungeachtet der angespannten Liquiditätslage.

Broadcom: Custom-Chips als Wachstumsmaschine

Broadcom hat sich als führender Entwickler maßgeschneiderter KI-Beschleuniger positioniert. Die Ankündigung des „Jalapeño“-Chips zusammen mit OpenAI untermauert diese Strategie. Neben Google zählen nun auch Anthropic und OpenAI zum Kundenstamm — eine Verbreiterung, die dem Unternehmen erhebliche Preissetzungsmacht verleiht.

Die Zahlen sprechen für sich: Im zweiten Fiskalquartal 2026 kletterte der KI-Halbleiterumsatz auf 10,8 Milliarden Dollar — ein Plus von 143 % im Jahresvergleich. Für das dritte Quartal erwartet das Management einen Gesamtumsatz von rund 29,4 Milliarden Dollar bei einem KI-Halbleiterumsatz von 16 Milliarden Dollar.

Die Aktie notiert bei 324,70 € und damit fast ein Viertel unter dem 52-Wochen-Hoch von Anfang Juni. Ein autorisiertes Aktienrückkaufprogramm über 10 Milliarden Dollar und die fünfzehnte Dividendenerhöhung in Folge senden zwar aktionärsfreundliche Signale. Der Markt reagiert dennoch verhalten — wohl auch aus der Sorge heraus, ob die Margen im Custom-Silicon-Geschäft langfristig mit denen standardisierter Chipverkäufe mithalten können. 48 Analysten bewerten die Aktie im Schnitt mit „Strong Buy“ bei einem Kursziel von rund 524 Dollar.

AMD: Der stille Gewinner des Jahres

Die beeindruckendste Kursentwicklung unter den fünf KI-Werten liefert AMD. Ein Plus von knapp 143 % seit Jahresbeginn katapultierte die Aktie von einem Nischendasein im KI-Segment an die Spitze der Halbleiter-Performer.

Treiber ist das Rechenzentrumsgeschäft. Im ersten Quartal 2026 wuchs dieses Segment um 57 % auf 5,8 Milliarden Dollar und dominiert inzwischen die gesamte Equity-Story. CEO Lisa Su hob den adressierbaren Gesamtmarkt für Server-CPUs von rund 60 Milliarden Dollar auf über 120 Milliarden Dollar an — getrieben durch die Explosion agentischer KI-Workloads.

Auch operativ übertrifft AMD die Erwartungen. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 1,37 Dollar gegenüber einer Konsensschätzung von 1,29 Dollar. Der Umsatz von 10,25 Milliarden Dollar übertraf die Analystenprognosen ebenfalls.

Als nächster Katalysator gilt das „Advancing AI 2026″-Event am 22. und 23. Juli in San Francisco. Lisa Su wird dort voraussichtlich die MI450-Beschleuniger der nächsten Generation und EPYC-Prozessoren mit „Zen 6″-Architektur vorstellen. Citi und UBS haben ihre Kursziele jeweils auf 670 Dollar angehoben — deutlich über dem aktuellen Niveau von 463,15 €. Mit einem RSI von 57,8 befindet sich die Aktie in einem neutralen Bereich, die Dynamik wirkt trotz der jüngsten Korrektur intakt.

Oracle: Rekordumsatz, Rekordschulden, Rekordverluste

Oracle lieferte in der vergangenen Woche das dramatischste Kapitel. Ein Wochenverlust von über 19 % markiert die schlimmste Performance seit dem Platzen der Dotcom-Blase. Der Kurs liegt bei 135,50 € — mehr als die Hälfte unter dem Allzeithoch vom September 2025.

Die Ursache liegt im aggressiven Ausbau der KI-Infrastruktur. Die Investitionsausgaben im Fiskaljahr 2026 beliefen sich auf 55,7 Milliarden Dollar und übertrafen damit sogar die ohnehin ambitionierte eigene Prognose von 50 Milliarden Dollar um fast 6 Milliarden. Das Ergebnis: ein negativer Free Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar trotz operativer Zuflüsse von 32 Milliarden.

Oracle hat 43 Milliarden Dollar an Fremdkapital und 5 Milliarden an Eigenkapital aufgenommen — und plant für das Fiskaljahr 2027 weitere 40 Milliarden Dollar an Finanzierungen. Im Zentrum der Kritik steht der KI-bezogene Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar, der großteils schuldenfinanziert ist. Als die OpenAI-IPO-Verschiebung bekannt wurde, traf der Schock Oracle fast ebenso hart wie SoftBank — die Abhängigkeit von einem einzelnen Großkunden wird zur existenziellen Achillesferse.

Operativ bleibt das Bild robust: Der Q4-Umsatz stieg um 21 % auf 19,2 Milliarden Dollar, der Cloud-Umsatz legte um 47 % zu. Für das Gesamtjahr wuchs der Umsatz um 17 % auf 67,4 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat Oracle seine Belegschaft um 13 % auf 141.000 Mitarbeiter reduziert. 42 Analysten bewerten die Aktie weiterhin mit „Buy“ bei einem durchschnittlichen Kursziel von rund 253 Dollar — ein Aufwärtspotenzial von etwa 70 %, das aber die erheblichen Bilanzrisiken einpreisen muss.

KI-Sektor am Scheideweg zwischen Wachstum und Verschuldung

Die letzte Juniwoche hat eine tektonische Bruchlinie im KI-Sektor offengelegt:

  • Operative Gewinner: Nvidia, AMD und Broadcom profitieren von explodierender Nachfrage nach KI-Hardware — ihre Fundamentaldaten sind historisch stark
  • Finanzielle Risikokandidaten: Oracle und SoftBank setzen massiv auf Fremdfinanzierung und konzentrieren ihre Wetten auf wenige Gegenparteien, allen voran OpenAI
  • Gemeinsames Risiko: Die Proliferation von Custom-Silicon und geopolitische Handelsbeschränkungen könnten selbst bei den Chipgrößen die Margen unter Druck setzen

Die nächsten Wegmarken sind klar: AMDs Quartalsbericht am 4. August, Broadcoms Q3-Zahlen und jede Neuigkeit zur OpenAI-IPO-Timeline werden die Richtung vorgeben. Oracles nächster Ergebnistermin am 14. September dürfte zum Lackmustest für die schuldenfinanzierte KI-Strategie werden. Der Aufbau der KI-Infrastruktur ist in vollem Gange — aber wer die Rechnung am Ende bezahlen kann, entscheidet darüber, welche dieser fünf Aktien das Jahr 2026 als Gewinner beendet.

Anzeige

Nvidia-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Nvidia-Analyse vom 29. Juni liefert die Antwort:

Die neusten Nvidia-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Nvidia-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 29. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Nvidia: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu Nvidia