Oracle vor der Bewährungsprobe: Kann das Backlog die Schuldenlast rechtfertigen?

Oracle belastet ein hoher Fremdkapitalbedarf, während das Cloud-Geschäft wächst. Das Backlog steigt stark, doch Zinsen erhöhen den Finanzierungsdruck.

Die Kernpunkte:
  • Oracle-Aktie verliert seit Jahresbeginn 27 Prozent
  • Verbindlichkeiten steigen auf 218,7 Milliarden Dollar
  • Cloud-Auftragsbestand wächst auf 638 Milliarden Dollar
  • Stellenabbau bleibt in Umfang und Termin offen

Ausgangslage

Oracle steckt in einer der heftigsten Kurskorrekturen seiner jüngeren Geschichte. Der Schlusskurs von gestern, Dienstag, lag bei 121,74 Euro – ein Tagesminus von 5,1 Prozent.

Seit Jahresbeginn hat die Aktie rund 27 Prozent verloren, auf Zwölfmonatssicht sogar 37 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 294,85 Euro, erreicht im September 2025, trennen das Papier inzwischen 59 Prozent.

Der Auslöser liegt nicht allein bei Oracle: Ein globaler Ausverkauf an den Anleihemärkten drückt Technologiewerte mit hohem Schuldenhebel besonders stark nach unten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf ein Niveau, das seit Januar 2025 nicht mehr erreicht wurde, während dreißigjährige Titel den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten markierten.

Für Oracle ist das kein Nebenschauplatz: Der Konzern hat im laufenden Umbau seines Cloud-Geschäfts Verbindlichkeiten von 218,7 Milliarden Dollar aufgebaut, nach 147,4 Milliarden zuvor.

Allein im Geschäftsjahr 2026 nahm Oracle 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden auf, weitere rund 40 Milliarden sollen folgen. Der freie Cashflow ist mit minus 23,7 Milliarden Dollar tief negativ – Folge eines Investitionsprogramms, das die Kapitalausgaben von 21,2 auf 55,7 Milliarden Dollar hochschnellen ließ.

Parallel dazu bereitet Oracle laut mehreren Berichten eine neue Entlassungswelle vor, die bis zu 10.000 Stellen weltweit betreffen könnte, davon rund 3.000 in Indien. Bereits im Geschäftsjahr 2026 schrumpfte die Belegschaft um 21.000 auf 141.000 Mitarbeiter, verbunden mit Restrukturierungskosten von bislang 1,8 Milliarden Dollar bei einem geplanten Gesamtvolumen von bis zu 2,1 Milliarden.

Warum das jetzt zählt: Steigende Zinsen verteuern genau die Refinanzierung, auf die Oracle für seinen KI-Ausbau angewiesen ist – zu einem Zeitpunkt, an dem der Markt ohnehin an der Tragfähigkeit des Wachstumsplans zweifelt.

Die entscheidende Frage

Im Zentrum steht eine einzige Kennzahl: das Auftragsbacklog (Remaining Performance Obligations). Es kletterte binnen eines Jahres um 363 Prozent auf 638 Milliarden Dollar. Diese Zahl ist das Fundament jeder Bullen-These – sie soll belegen, dass die massiven Vorleistungen in Rechenzentren und Chips durch feste künftige Cloud-Umsätze gedeckt sind.

Die entscheidende Frage lautet: Wandelt sich dieses Backlog planmäßig in Umsatz und Cashflow um, bevor die Schuldenlast und die steigenden Zinskosten das Unternehmen unter Druck setzen? Die Cloud-Infrastruktur wuchs zuletzt um 77 Prozent, für das kommende Quartal werden 58 bis 64 Prozent erwartet – eine Verlangsamung, die genau beobachtet werden dürfte.

Bullisches Szenario

Befürworter verweisen auf die operative Dynamik: Der Gesamtumsatz stieg im Geschäftsjahr 2026 um 17 Prozent auf 67,4 Milliarden Dollar, der Cloud-Umsatz um 39 Prozent auf 34 Milliarden.

Citi-Analyst Tyler Radke bekräftigte seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 330 Dollar und sprach von Panikverkäufen, die sich technisch wieder auflösen könnten – ein Kursrückgang von mehr als 50 Prozent binnen 30 bis 40 Tagen sei statistisch ein Extremereignis.

Auch TD Cowen bleibt trotz gesenktem Kursziel von 240 Dollar bei Kaufen und verweist auf das 638-Milliarden-Backlog als Absicherung. Oracle hat zudem in den vergangenen beiden Quartalen die Gewinnerwartungen übertroffen, zuletzt um 7,65 Prozent. Sollte sich dieser Trend bei den Q1-Zahlen fortsetzen, könnte das dem Kurs Stabilität geben.

Bärisches Szenario

Die Kehrseite ist ebenso konkret. Der negative freie Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar bedeutet, dass Oracle seinen Ausbau vollständig über Fremdkapital und Kapitalmarktemissionen finanziert – in einem Umfeld, in dem die AI-Hyperscaler zusammen bereits 220 Milliarden Dollar an Anleihen begeben haben, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.

Steigen die Zinsen weiter, verteuert sich jede neue Anleihe, während das Eigenkapital mit 42,5 Milliarden Dollar im Vergleich zu den Verbindlichkeiten von 218,7 Milliarden schmal bleibt. Hinzu kommt regulatorischer Gegenwind: Die EU-Kommission sammelt Informationen zu Oracles Lizenzpraktiken, ähnlich dem im Juli beigelegten SAP-Fall – noch keine formelle Untersuchung, aber ein Präzedenzfall zeigt, dass am Ende Zugeständnisse oder Strafen von bis zu 10 Prozent des globalen Umsatzes drohen können.

Die angekündigten Stellenstreichungen sind zudem bislang unbestätigt in Umfang und Zeitpunkt – Mitarbeiter berichteten, dass die erwartete Kündigungswelle zum 1. September ausblieb, ein genauer Termin steht offenbar noch nicht fest.

Ausblick

Solange das Backlog von 638 Milliarden Dollar sich weiter in Cloud-Umsatzwachstum von deutlich über 50 Prozent übersetzt und die Gewinnprognosen erneut übertroffen werden, dürfte die Bullen-These intakt bleiben, auch wenn die Aktie kurzfristig unter den Anleiherenditen leidet.

Kippt jedoch das Cloud-Wachstum spürbar unter die avisierten 58 Prozent oder verteuert sich die Anschlussfinanzierung der geplanten weiteren 40 Milliarden Dollar Schulden merklich, würde die Verschuldungsstory an Glaubwürdigkeit verlieren.

Der nächste konkrete Prüfstein sind die Quartalszahlen zum ersten Geschäftsquartal 2027, die für die Zeit um den 11. September erwartet werden, gefolgt vom Investorentag Ende Oktober – beide Termine dürften zeigen, ob Oracles KI-Wette Substanz oder nur Schulden produziert.

Anzeige

Oracle-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Oracle-Analyse vom 2. September liefert die Antwort:

Die neusten Oracle-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Oracle-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 2. September erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Oracle: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu Oracle