Oracles Milliardenloch, Morgan Stanleys Datenpanne und die Nanny im VC-Fonds
Birminghams Oracle-Projekt verteuert sich, Morgan Stanley verschickt vertrauliche Deal-Daten und eine SEC-Klage beleuchtet Fondsfehlverhalten.

- Birmingham kalkuliert mit 144,4 Millionen Pfund
- Morgan-Stanley-Banker mailt vertrauliche Deal-Übersicht
- SEC klagt wegen mutmaßlicher Fondsveruntreuung
- Krypto-Firmen entwickeln neue Sicherheitswerkzeuge
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
144,4 Millionen Pfund. So viel zahlt der Stadtrat von Birmingham am Ende für ein ERP-Projekt, das ursprünglich mit 20 Millionen Pfund veranschlagt war – Faktor sieben. Es ist ein Lehrstück, das sich am Donnerstag gleich mehrfach wiederholt: Nicht die Strategie, sondern die Kontrolle im Maschinenraum entscheidet über Kosten. Eine Kommune verzockt sich an einer Softwareumstellung, eine Investmentbank verschickt ihre Deal-Pipeline an Kunden, ein Wagniskapitalgeber vertraut sein Backoffice der Kinderfrau des Gründers an. Wer heute in Finanz- und Technologiewerte investiert, sollte solche operativen Risiken nicht als Fußnote behandeln.
Oracle: Birminghams teures Erwachen
Der Prüfer Grant Thornton rechnet für den Birmingham City Council mit sogenannten Disclaimer Opinions – verweigerten Testaten – für gleich drei Geschäftsjahre: 2025/26, 2026/27 und 2027/28. Grund sind historische Datenprobleme aus dem gescheiterten Oracle-Projekt, die bis heute nachwirken. Ein uneingeschränktes Testat erwartet die Kommune frühestens für 2028/29.
Die gute Nachricht zuerst: Die Neuimplementierung von Oracle Fusion im August 2026 verlief laut Auditor weitgehend reibungslos. Kritische Tickets sind keine mehr offen – im September 2025 standen beim Altsystem noch 311 offene Tickets und zwei Major Incidents zu Buche. Die schlechte Nachricht ist die Rechnung: Aus ursprünglich geschätzten 20 Millionen Pfund werden voraussichtlich rund 144,4 Millionen Pfund Gesamtkosten. Forscher taxieren den Schaden inklusive entgangener Effizienzgewinne sogar auf bis zu 216 Millionen Pfund; allein für manuelle Behelfslösungen flossen über fünf Millionen Pfund.
Für Oracle-Aktionäre bleibt Birmingham vorerst ein Reputationsproblem, kein Bilanzposten – doch das Papier braucht ohnehin keine zusätzlichen Belastungen. Die Aktie notiert im laufenden Handel gut vier Prozent tiefer bei 121,56 Euro, hat seit Jahresbeginn 27 Prozent verloren und steht auf Zwölfmonatssicht mit 54 Prozent im Minus. Vom 52-Wochen-Hoch aus dem Oktober 2025 bei 275,80 Euro ist der Kurs weit entfernt; das Tief von Juli bei 100,76 Euro liegt deutlich näher.
Morgan Stanley: Die Pipeline im Kunden-Postfach
Ähnlich unschön, nur anderer Ursprung, zeigt sich das Kontrollproblem bei Morgan Stanley. Ein Banker des Hauses hat laut Reuters versehentlich die vertrauliche Asia-Deal-Pipeline der Bank per E-Mail an Kunden verschickt, Stand 21. September. Das Dokument listete rund 60 aktive Transaktionen – IPOs, M&A, Block Trades – in Greater China, Südkorea, Südostasien, Indien und EMEA, dazu über 50 Deals in der Pitching-Phase und knapp 30 pausierte Vorhaben. Betroffen sind überwiegend von Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds gestützte asiatische Unternehmen.
Detaillierte Einzeltransaktionsdaten fehlten, einige Deals waren ohnehin schon öffentlich, und die Bank zog die Mail zurück und bat um Löschung. Ein Kapitalmarktschaden ist damit nicht belegt. Ein Vertrauensschaden im margenstarken Asien-Geschäft aber schon: Kunden, die für Diskretion zahlen, merken sich solche Pannen. Die Aktie liegt aktuell 1,4 Prozent tiefer bei 171,85 Euro, seit Jahresbeginn steht ein Plus von zwölf Prozent, auf 30-Tage-Sicht ein Minus von 7,4 Prozent; das 52-Wochen-Hoch bei 204,40 Euro stammt vom 15. Juli.
Wenn die Nanny das Backoffice führt
Noch drastischer zeigt sich das Kontrollproblem in Montana. Die US-Börsenaufsicht SEC hat am 18. September Klage gegen Ellen Polcari erhoben – eine frühere Nanny des Fondsgründers, die zur Controllerin zweier Venture-Capital-Firmen aufstieg. Die Fonds sammelten zwischen April 2023 und März 2025 rund 28,7 Millionen Dollar von mindestens 85 Investoren ein.
Polcari soll etwa 1,28 Millionen Dollar zweckentfremdet haben, darunter 131.000 Dollar für Online-Glücksspiel. Aus einem Einzelfonds mit 1,34 Millionen Dollar Volumen flossen rund 768.000 Dollar an sie; rund 456.000 Dollar soll sie aus vier anderen Fonds verschoben haben, um Lücken zu decken, zudem verkaufte sie über ihre Firma Forks Up LLC unbefugt Portfolioaktien für 56.000 Dollar. Am 30. März 2025 gestand sie dem Fondseigentümer Teile der Vorwürfe.
Für Anleger in kleine Fonds ist die Lehre simpel und wird doch ständig ignoriert: Ein Vier-Augen-Prinzip und eine unabhängige Fondsadministration sind kein Kostenfaktor, sondern Kapitalschutz. Wer in einen Fonds mit weniger als 30 Millionen Dollar Volumen investiert, sollte genau danach fragen.
Dass Kapital der Branche trotzdem vertraut, zeigt der Fall Confido: Der 2022 gegründete Softwareanbieter für Konsumgüterhersteller sichert sich 55 Millionen Dollar in einer Series B unter Führung von Insight Partners, die Gesamtfinanzierung steigt auf 77 Millionen Dollar. Umsatz und Bewertung haben sich seit der Series A jeweils verfünffacht; mehr als 250 Marken, darunter Unilever, steuern über 30 Milliarden Dollar Einzelhandelsplanung über die Plattform. Gutes Backoffice zahlt sich eben auch aus – im positiven Sinn.
Anthropic: Exportkontrolle im Modell trifft auch Amazons Chip
Ein technisches Detail mit politischer Sprengkraft: Anthropic hat am 22. September Claude Opus 5.5 veröffentlicht – mit einem eingebauten Classifier, der bei Kernel-Entwicklung für bestimmte KI-Beschleuniger automatisch auf das ältere Modell Opus 5 zurückschaltet. Betroffen sind laut Tests Huaweis Ascend-950DT-Chip, aber auch Amazons Trainium3 mit seinem AWS-NKI-Layer.
Hintergrund sind präventive Exportbeschränkungen nach dem temporären Fable-5-Shutdown im Juni, einem 19-tägigen weltweiten Ausfall bis zum 1. Juli. Dass ein US-Modellanbieter den Chip seines größten Cloud-Partners in dieselbe Schublade steckt wie Huawei, ist bemerkenswert – und zeigt, wie tief die Sorge vor unkontrolliertem Chip-Zugriff inzwischen in die Produktarchitektur eingezogen ist. Für Amazon-Aktionäre bleibt das vorerst folgenlos: Die Aktie notiert im Verlauf 1,1 Prozent tiefer bei 216,55 Euro, seit Jahresbeginn liegt sie aber 9,9 Prozent vorn.
Krypto: Sicherheit wird zum Geschäftsmodell, Spekulation bleibt Risiko
Drei Meldungen vom Donnerstag zeigen, wie viel Kapital inzwischen in die Absicherung der Krypto-Infrastruktur fließt. CertiK tritt der Linux-Foundation-Initiative LF Decentralized Trust bei, nachdem das Unternehmen fünf Schwachstellen im Ethereum-Client Besu aufgedeckt hatte, die am 27. Juli in Version 26.7.1 gepatcht wurden. Das ist mehr als ein Detail für Entwickler: Die US-Clearingstelle DTCC nutzt Besu für den AppChain-Handel mit Russell-1000-Aktien, ETFs und US-Treasuries, gemeinsam mit über 50 weiteren Firmen.
Elliptic launcht das KI-Tool „Pulse“, das Ermittlern sekundenschnelle Klartext-Zusammenfassungen zu Wallet-Adressen liefern soll. Das Londoner Unternehmen deckt nach eigenen Angaben über 65 Blockchains ab und sammelte Anfang 2026 120 Millionen Dollar ein, unter anderem von Nasdaq und der Deutschen Bank. Und Feedzai bringt mit „Farol“ einen KI-Agenten in Banken, der die Alert-Bearbeitung um rund 20 Prozent beschleunigen und Verdachtsmeldungen bis zu zwölfmal schneller entwerfen soll. Die Deutsche Bank selbst notiert aktuell 1,5 Prozent tiefer bei 31,06 Euro; auf 30-Tage-Sicht steht ein Minus von sieben Prozent, das 52-Wochen-Hoch bei 35,84 Euro vom 8. September ist noch nicht weit entfernt.
Auf der Entwicklerseite hat Uniswap v4 die Marke von 500 registrierten Custom Hooks überschritten – wobei ein registrierter Hook noch kein geprüfter, liquider Markt ist. Sicherheit wird zum Geschäft, die Prüfung bleibt aber Handarbeit.
Weniger Vertrauen erweckt der Blick auf Solana-Schatzkammern: Brera Holdings (Solmate Infrastructure) beziffert in einer 6-K-Meldung den unrealisierten Marktwert seiner rund 1,24 Millionen SOL per 21. September auf etwa 146,7 Millionen Dollar – rund 67 Prozent mehr als die etwa 88 Millionen Dollar im Juli. Verkauft wurde nichts. Die Börse honoriert das bislang nicht: Die Aktie schloss am Mittwoch 7,3 Prozent tiefer bei 4,01 Dollar, das 52-Wochen-Tief bei 2,97 Dollar stammt erst vom 18. September, die Marktkapitalisierung liegt bei rund 38 Millionen Euro – ein Bruchteil des ausgewiesenen SOL-Bestands. Solana selbst notiert bei 116,24 Dollar, in den letzten Tagen um 1,9 Prozent gefallen, hat auf 30-Tage-Sicht aber 18 Prozent zugelegt; auf Jahressicht bleibt ein Minus von 46 Prozent, das Tief von Juni lag bei 60,13 Dollar.
Eine Warnung am Rande für Kleinanleger: Die Aktie von Apimeds Pharmaceuticals (APUS) sprang im Tagesverlauf um bis zu 148,95 Prozent auf 5,70 Dollar, bei 3.211-fachem Relativvolumen und einer Tagesspanne von 1,92 bis 8,74 Dollar. Auslöser war ein zwölfmonatiger Blockchain-Vertrag der Tochter MindWave mit AQUAE Holdings, vergütet mit Entwicklungsgebühren plus 20 Prozent der ausgegebenen ALCI-Credits. Bei einer Marktkapitalisierung von 8,60 Millionen Dollar ist das ein Micro-Cap-Feuerwerk, kein Investment-Case.
Was diese Meldungen zwischen Kommune, Bank, VC-Fonds, Chip-Sektor und Krypto eint: Bewegung entsteht heute selten dort, wo man sie erwartet, sondern sektorübergreifend und oft überraschend. Genau für dieses Problem hat Carsten Müller einen Ansatz entwickelt, den er im Live-Webinar „Die Cash-Rallye | 20 Cash-Trades in 10 Wochen“ am 27.09.2026 um 18:00 Uhr vorstellt. Sein Cash-Alarm scannt fortlaufend deutsche Aktien, US-Tech, Indizes, Rohstoffe, Währungen und Kryptos und schlägt dort an, wo gerade die größte Bewegung entsteht – unabhängig davon, ob es um Rüstung, Energie, Banken oder Chips geht. Zu den bisherigen Treffern zählen laut Webinar-Ankündigung Rheinmetall mit +136,5 Prozent, Siemens Energy mit +96,9 Prozent und Commerzbank mit +51,2 Prozent, quer durch sechs verschiedene Branchen. Wer sein Depot nicht von einem einzigen Thema abhängig machen möchte, kann sich hier ansehen, wie ein systematischer, branchenübergreifender Scan funktioniert. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
Am Rande: Neue Prüfungsordnung, alte Betrugsmasche
Für deutsche Unternehmer gilt seit dem 10. September die neue Allgemeine Verwaltungsvorschrift für die Außenprüfung (ApO), der der Bundesrat bereits am 10. Juli zugestimmt hatte. Sie ersetzt die BpO 2000, setzt Änderungen des DAC7-Umsetzungsgesetzes von Dezember 2022 um und soll Prüfungen beschleunigen: Sie sollen zeitnah nach Ablauf des letzten Veranlagungszeitraums beginnen, für kleinere Unternehmen gelten verkürzte Prüfungszeiträume. Wichtig: Die ApO bindet nur die Finanzämter, nicht Steuerpflichtige oder Finanzgerichte.
Und eine Warnung mit ähnlicher Stoßrichtung, nur analog statt digital: Das Polizeipräsidium Freiburg meldet eine Zunahme von Schockanrufen mit falschen Ärzten in den Kreisen Lörrach, Waldshut und Breisgau-Hochschwarzwald. Am Montag verlor eine 90-Jährige in Steinen Wertgegenstände im Wert mehrerer zehntausend Euro, nachdem Täter eine lebensgefährliche Erkrankung einer Angehörigen vorgetäuscht hatten. Auch das ist Vermögensschutz – und ein Gespräch, das sich mit den eigenen Eltern lohnt.
Der globale Kompass
Der gemeinsame Nenner des Donnerstags ist unbequem: Ob Kommune, Investmentbank oder Zwei-Personen-Fonds – überall dort, wo Kontrolle fehlt, zahlen am Ende Anleger, Bürger oder Investoren die Zeche. Birmingham braucht bis 2028/29 für ein sauberes Testat, Morgan Stanley muss um das Vertrauen seiner asiatischen Kunden bangen, und ein VC-Investor lernt gerade, dass 28,7 Millionen Dollar Kapital ohne Vier-Augen-Prinzip fahrlässig verwaltet sind. Gleichzeitig zeigt die Kryptobranche, wie man es besser macht: CertiK, Elliptic und Feedzai verdienen inzwischen gutes Geld genau damit, jene Kontrolllücken zu schließen, die anderswo noch offenstehen. Für die kommenden Tage zählt weniger die nächste Kursmarke als die Frage, ob aus den Kontrollpannen bei Morgan Stanley und im VC-Sektor auch regulatorische Konsequenzen folgen – und ob Oracle das Birmingham-Kapitel mit der inzwischen stabil laufenden Neuimplementierung tatsächlich hinter sich lassen kann. Die Aktie hat dafür jedenfalls noch viel Boden gutzumachen.
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