Palantir, Micron und Oracle: KI-Aktien mit gegensätzlichen Signalen

Palantir und Tesla stehen unter Bewertungsdruck, Micron kämpft mit Streikplänen, während Oracle hohe Aufträge mit starkem Kapitalbedarf verbindet.

Die Kernpunkte:
  • Palantir nähert sich 440 Milliarden Dollar
  • Micron sieht Streikabstimmung in Taiwan
  • Oracle plant weitere 40 Milliarden Dollar
  • Tesla wirbt für EU-Zulassung

Ausgerechnet in der Woche, in der Palantir-Chef Alex Karp eine persönliche Wette auf ukrainische Verteidigungstechnologie eingeht, nähert sich die Bewertung seines eigenen Unternehmens der Marke von einer halben Billion Dollar. Fast zur gleichen Zeit kollidieren Micron Technologys Rekordgewinne mit einer Streikdrohung in Taiwan. Fünf KI-Werte, fünf unterschiedliche Geschichten – und doch drehen sich alle um dieselbe Frage: Wie viel Vertrauensvorschuss verträgt der Sektor noch?

Palantir: Karps Wette auf ukrainische Verteidigungstechnik

Der ehemalige ukrainische Digitalminister Mykhailo Fedorov gründet ein neues Verteidigungstech-Unternehmen. Karp steigt dort als erster Leitinvestor ein. Zu den frühen Prioritäten zählen Kampfroboter, jetgetriebene Abfangdrohnen und günstige, KI-gesteuerte Raketen.

Der Schritt fällt in eine Phase, in der Palantirs Wachstumsstory ungebrochen wirkt: Der Umsatz kletterte im vergangenen Quartal um 93 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Marktbewertung nähert sich 440 Milliarden Dollar. Genau hier setzt allerdings die Skepsis an: Palantir gilt als eine der meistdiskutierten Aktien im Verteidigungssektor, doch Kritiker verweisen darauf, dass der Titel für Enttäuschungen kaum noch Puffer lässt.

An der Börse zeigt sich diese Nervosität bereits. Die Aktie fiel heute um 3,9 Prozent und schloss gestern bei 155,32 Euro. Der Rückgang folgt auf eine kräftige Rally – binnen 30 Tagen hatte das Papier zuvor noch 37 Prozent zugelegt, zum Rekordhoch von 179,98 Euro fehlen inzwischen 17 Prozent.

Baird-Analyst William Power bestätigte nach einer Technologiedemonstration seine Kaufempfehlung mit Kursziel 200 US-Dollar. Der breitere Analystenkonsens liegt bei rund 192 US-Dollar – mit einer ungewöhnlich großen Spanne, die genau diese Bewertungsdebatte widerspiegelt.

Micron Technology: Rekordgewinne treffen auf Streikdrohung in Taiwan

Microns blendender KI-Speicherzyklus prallt derzeit auf einen Arbeitskonflikt. Gewerkschaften in Taoyuan und Taichung fordern ein überarbeitetes Bonussystem und eine größere Gewinnbeteiligung. Sie vertreten den Großteil der rund 15.000 Mitarbeiter des Unternehmens in beiden Städten, mehr als 80 Prozent der Befragten stimmten in einer internen Umfrage für einen Streik.

Micron hält dagegen und verweist darauf, dass die Bonuszahlungen in diesem Jahr die höchsten der Firmengeschichte seien. Ein Streik wäre besonders schmerzhaft, weil Taiwan der weltweit größte Fertigungsstandort für DRAM- und HBM-Chips des Konzerns ist. Nach taiwanischem Recht sind Arbeitsniederlegungen erst nach gescheiterter Schlichtung möglich – entsprechende Termine sind für Ende August und Mitte September angesetzt.

Trotz der Spannungen läuft das Aktiengeschäft blendend: Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdreifacht, binnen zwölf Monaten liegt das Plus bei 694 Prozent. Getrieben wird das vor allem von der strukturellen Verknappung bei DRAM- und HBM-Speicherchips, die kaum Anzeichen einer Entspannung zeigt.

Zum Rekordhoch von 1.103,80 Euro fehlen dem Titel nach der jüngsten Konsolidierung noch 27 Prozent, der RSI von 50,6 signalisiert keine Überhitzung. Bernstein-Analyst Mark Li vergab am Sonntag ein Kaufrating mit Zwölfmonatsziel von 1.300 US-Dollar und begründet dies mit anhaltend hohen HBM-Preisen bis 2027. Der breitere Konsens aus 48 Analysten fällt mit „Strong Buy“ und einem Durchschnittsziel von 1.513 US-Dollar noch optimistischer aus.

Oracle: Rekordauftragsbestand, aber wachsender Kapitalhunger

Oracles KI-Cloud-Geschichte bleibt ein Spannungsfeld zwischen explodierender Nachfrage und den Kosten, sie zu bedienen. TD Cowen senkte sein Kursziel von 300 auf 240 US-Dollar, behielt aber die Kaufempfehlung bei und macht den Oktober-Analystentag zur entscheidenden Bewährungsprobe für glaubwürdige Cloud-Wachstumsziele.

Nachdem die Aktie infolge der Zielsenkung stark nachgegeben hatte, zeigt sie sich diese Woche wieder etwas fester: Der Kurs legte heute um 3,1 Prozent auf 125,50 Euro zu, nach einem Schlusskurs von 121,74 Euro gestern.

Die Dimension der Wachstumsgeschichte bleibt trotzdem beeindruckend. Oracle wies zum Ende des Geschäftsjahres 2026 einen Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar aus – nahezu das Vierfache des Vorjahreswerts. Der Preis dafür: Der freie Cashflow rutschte auf minus 23,7 Milliarden Dollar, weil der Konzern in enormem Tempo Rechenzentren hochzieht.

Zur Finanzierung nahm Oracle im vergangenen Geschäftsjahr 43 Milliarden Dollar an Fremdkapital und weitere 5 Milliarden Dollar an Eigenkapital auf. Für das laufende Jahr sind rund 40 Milliarden Dollar zusätzlich geplant. Ratingagentur S&P Global reagierte bereits mit einer Herabstufung auf BBB- – nur noch eine Stufe über Ramschniveau.

Die Analystenlager sind entsprechend zerstritten: Guggenheim sieht weiterhin 400 Dollar als fair, Bernstein 325 Dollar, während CLSA mit einem Kursziel von 145 Dollar eine Hold-Einstufung vergibt. Im Durchschnitt liegt das Kursziel bei rund 248 Dollar.

Tesla: Lobbyarbeit in Brüssel für autonomes Fahren

Tesla verstärkt seinen Vorstoß für eine europaweite Zulassung des Full-Self-Driving-Systems. Der Konzern verweist auf eigene Daten: In den fünf Ländern, in denen die Technologie bereits erlaubt ist, ereigneten sich 4,1-mal weniger Kollisionen als bei manuell gefahrenen Tesla-Fahrzeugen, gestützt auf mehr als 100 Millionen gefahrene Kilometer zwischen April und August.

Die Niederlande erteilten im April als erstes europäisches Land eine vorläufige Zulassung, Belgien, Dänemark, Estland und Litauen folgten. Für eine EU-weite Freigabe braucht es jedoch die Zustimmung Deutschlands, Frankreichs oder Italiens – bislang hat sich keines der drei Länder bewegt. Schweden blockiert zusätzlich: Die Verkehrsbehörde erklärte, ihr Vertreter werde nur zustimmen, wenn Tesla die Geschwindigkeitsfunktion entfernt.

An der Börse gab die Aktie heute um 1,0 Prozent auf 303,90 Euro nach, nachdem sie in den vorangegangenen sieben Tagen noch 2,4 Prozent gewonnen hatte. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Minus von 23 Prozent, zum Rekordhoch von 424,10 Euro fehlen 28 Prozent.

Die Wachstumsgeschichte in Europa bleibt zudem holprig. In Spanien brachen die Tesla-Verkäufe im August im Jahresvergleich um 78,8 Prozent ein. Morgan Stanley-Analyst Andrew Percoco hält an seiner neutralen Einschätzung fest, der breitere Analystenkonsens sieht dagegen weiterhin ein Kursziel von rund 390 US-Dollar.

Alphabet: Neue Gemini-Modelle und Waymos Stadtoffensive

Alphabet treibt seinen KI-Vorsprung an zwei Fronten voran. Google DeepMind bereitet ein aktualisiertes Coding-Modell namens Gemini 3.8 Flash mit deutlich verbesserten Programmierfähigkeiten vor. Parallel expandiert die Robotaxi-Tochter Waymo weiter: Der Dienst startete zuletzt öffentlich in Denver, San Diego und Tampa und ist damit inzwischen in 14 US-Städten kommerziell aktiv.

An der Börse legte die Aktie heute um 0,6 Prozent auf 290,45 Euro zu, nach einem vierten Verlustmonat in Folge – binnen 30 Tagen hat der Titel noch 11 Prozent verloren. Der Rückgang wirkt vor allem technisch bedingt, an der fundamentalen KI-Positionierung hat sich wenig geändert.

Der RSI von 42,7 deutet auf eine gewisse Verkaufsmüdigkeit hin, dennoch bleibt der Kurs binnen zwölf Monaten satte 60 Prozent im Plus. Von 64 Analysten kommt im Schnitt weiterhin ein „Strong Buy“, das Kursziel liegt bei rund 428 US-Dollar.

Sektordynamik: Cash-Könige gegen Wachstumswetten

Die fünf Werte zeigen einen Sektor, der sich entlang der Linie Cash-Generierung versus Cash-Verbrauch spaltet:

  • Cash-Könige: Alphabet und Micron sind beide profitabel, handeln zu vertretbaren Bewertungen und surfen auf greifbarer Nachfrage – Gemini-Adoption und Waymo-Expansion auf der einen, der KI-Speicherengpass auf der anderen Seite.
  • Wachstumswetten: Palantir und Tesla stehen für hoch bewertete Geschichten, deren Narrativ – Verteidigungstech-Ökosystem hier, Autonomie-Pivot dort – den bereits eingepreisten Erwartungen ständig hinterherlaufen muss.
  • Sonderfall Oracle: Die Nachfrage steht außer Frage, doch die Finanzierungsstrategie steht unter intensiver Beobachtung – belegt durch Kreditherabstufung und die weite Streuung der Analystenziele.
  • Neue Reibungspunkte: Microns Taiwan-Konflikt zeigt, wie der KI-Profitboom neue Spannungen mit der Belegschaft schafft, die die Hardware baut. Teslas EU-Lobbying macht deutlich, dass regulatorische Zulassung zum echten Flaschenhals für autonomes Fahren wird. Palantirs Ukraine-Engagement signalisiert, wie eng KI- und Verteidigungskapital auf Führungsebene inzwischen verwoben sind.

KI-Sektor zwischen Bilanzstärke und Vertrauensvorschuss

Oracles Quartalsbericht und der Analystentag im Oktober werden zeigen müssen, ob sich Cloud-Wachstum und Cashburn wieder in die richtige Richtung bewegen. Microns Schlichtungsgespräche bis Mitte September entscheiden, ob der Taiwan-Konflikt in einer echten Streikabstimmung eskaliert oder vorher beigelegt wird. Teslas EU-Zulassungsprozess bleibt offen, solange nordische Regulierer blockieren.

Bei Palantir dürfte die Aufmerksamkeit auf weiteren Details zu Karps Ukraine-Investment liegen und darauf, ob das kommerzielle Geschäft die Staatsaufträge tatsächlich überholt. Alphabet muss zeigen, ob sich der Infrastrukturvorsprung bei agentenbasierten KI-Tools und der Waymo-Expansion nach mehreren schwachen Monaten endlich wieder in Kursmomentum übersetzen lässt.

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