Pharma-Woche der Extreme: BioNTech stürzt, Sellas explodiert

BioNTech beendet Krebsstudie vorzeitig, während Sellas stark zulegt. Ocugen finanziert sich, Redcare wächst und Pentixapharm bleibt unbeeinträchtigt.

Die Kernpunkte:
  • BioNTechs Krebsstudie vorzeitig beendet
  • Sellas erzielt 302 Prozent Jahresplus
  • Ocugen erhält 130 Millionen Dollar
  • Redcare steigert Umsatz und Prognose

Selten lagen Erfolg und Rückschlag in der Biotech-Welt so nah beieinander wie in dieser Woche. Während BioNTech eine gescheiterte Krebsstudie mit einem Kursrutsch bezahlte, feierten Anleger bei Sellas Life Sciences einen Kurssprung auf Jahressicht von über 300 Prozent. Dazwischen: ein Chefwechsel bei Redcare, frisches Kapital für Ocugen und ein Schatten über der deutschen Radiopharma-Branche, der ausgerechnet Pentixapharm streift, ohne es direkt zu betreffen.

BioNTech: Rückschlag bei individualisierter Krebstherapie

BioNTech und Genentech haben eine Phase-2-Studie zu autogene cevumeran (BNT122) bei Darmkrebs-Patienten vorzeitig beendet. Der Grund: Ein unabhängiges Kontrollgremium sah keine realistische Chance mehr, die Wirksamkeit der individualisierten Krebsimpfung nachzuweisen. Bereits im Oktober 2025 hatte die Studie eine kritische Erfolgsschwelle gerissen.

Sicherheitsbedenken spielten bei der Entscheidung keine Rolle. Co-Gründerin und scheidende Medizinchefin Özlem Türeci räumte ein, das Ergebnis entspreche nicht den Erwartungen an mRNA als Monotherapie bei Darmkrebs, lieferte aber wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zu immuntherapie-resistenten Tumorarten. BioNTech halte an mRNA als zentraler Säule der Onkologie-Strategie fest.

Der Markt reagierte hart: Die Aktie brach am Freitag um 7,7 Prozent ein, auch Moderna geriet mit einem Minus von rund 6 Prozent in Mitleidenschaft. Analysten von BMO sprachen von einem klaren Rückschlag für die individualisierte Neoantigen-Plattform, sahen die Auswirkungen auf das separate Pankreaskrebs-Programm aber als begrenzt an.

Auf Wochensicht summiert sich der Verlust bei BioNTech auf 12 Prozent, während die Aktie auf Monatssicht mit einem Plus von 8,6 Prozent noch im grünen Bereich notiert. Vom 52-Wochen-Hoch bei 105,80 Euro liegt der Titel derzeit 17 Prozent entfernt. Belastend kommt hinzu: Im zweiten Quartal brach der Umsatz um 59 Prozent auf 106 Millionen Euro ein, und das Management senkte die Jahresprognose auf eine Spanne von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro—rund ein Fünftel unter dem bisherigen Zielkorridor.

Sellas Life Sciences: Analysten erhöhen Kursziele vor Schlüsseldaten

Kaum ein Sektor-Titel bewegte sich in den vergangenen Wochen so wild wie Sellas Life Sciences. Positive Studienfortschritte trieben den Kurs zeitweise um mehr als 10 Prozent nach oben, nachdem Alliance Global sein Kursziel von 25 auf 35 Dollar angehoben und die Kaufempfehlung bekräftigt hatte. Grund war das Multi-Krebs-Potenzial des CDK9-Wirkstoffs SLS009.

Zusätzlichen Rückenwind lieferten starke Melanom-Impfstoffdaten von Moderna, die als positives Signal für Sellas‘ eigenen Kandidaten galinpepimut-S gewertet wurden. Maxim bestätigte daraufhin seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 30 Dollar. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht jedoch die pivotale Phase-3-Studie REGAL bei Leukämie-Patienten in Remission nach einer Salvage-Therapie zweiter Linie. Sobald das 80. vorab definierte Ereignis eintritt, folgen Datenbanksperre und entblindete Auswertung—zuletzt stand der Zähler bei 78 von 80 Ereignissen.

Trotz der jüngsten Euphorie zeigte die Aktie am Freitag deutliche Nervosität und verlor 13 Prozent, auf Wochensicht summiert sich das Minus auf 14 Prozent. Der Blick auf die längere Frist relativiert das: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 302 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 595 Prozent zu Buche. Finanziell bleibt das Unternehmen mit einem Verlust von 0,05 Dollar je Aktie im Rahmen der Erwartungen, bei einer Kassenposition von 138,3 Millionen Dollar. Institutionelle Investoren bauten ihre Position zuletzt aus—State Street erhöhte seinen Bestand um 54,8 Prozent, BlackRock stockte ebenfalls auf.

Ocugen: Finanzierung sichert Spielraum bis 2028

Während andere Namen im Sektor für Schlagzeilen sorgten, arbeitete Ocugen leise an seiner Bilanz. Eine Wandelanleihe über 130 Millionen Dollar mit einem Zinskupon von 6,75 Prozent brachte netto rund 112,5 Millionen Dollar ein. Ein Großteil davon, etwa 32,7 Millionen Dollar, floss in die vollständige Tilgung teurerer Verbindlichkeiten bei Avenue Capital—die Barreserven reichen nun bis 2028.

Klinisch kam Bewegung in die Pipeline: Die FDA gab grünes Licht für die Phase-3-Studie ArMaDa3 zu OCU410 bei geografischer Atrophie, gestützt auf Zwölfmonatsdaten aus Phase 2, die eine statistisch signifikante Reduktion des Läsionswachstums um 31 Prozent bei der geplanten Phase-3-Dosis zeigten. Zusätzlich wurde eine beschleunigte Zulassungsdesignation gewährt, Einreichungen bei den Behörden sind für 2028 anvisiert. Parallel wurde die Rekrutierung für die zulassungsrelevanten Studien zu OCU400 bei Retinitis pigmentosa und OCU410ST bei Morbus Stargardt abgeschlossen.

Finanziell verfügte Ocugen zum Ende des zweiten Quartals über liquide Mittel von 100,4 Millionen Dollar, bei einem Nettoverlust von 24,9 Millionen Dollar. Die Aktie bewegt sich mit 1,16 Euro nahe ihrem 50-Tage-Durchschnitt und liegt 51 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Analysten bleiben trotz der Kursschwäche konstruktiv gestimmt, mehrere Häuser empfehlen den Titel weiterhin zum Kauf.

Redcare Pharmacy: Rekordwachstum trifft geplanten Chefwechsel

Kaum ein Unternehmen im Sektor lieferte ein derart überzeugendes operatives Update wie Redcare Pharmacy. Der Umsatz wuchs im zweiten Quartal um 20 Prozent—schneller als die 18 Prozent im Vorquartal—, während sich die bereinigte EBITDA-Marge um 0,9 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent verbesserte. Im ersten Halbjahr erreichte der Umsatz 1,7 Milliarden Euro, ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Treiber war vor allem das verschreibungspflichtige Geschäft: Die Rx-Erlöse legten im Quartal um 34 Prozent zu, in Deutschland sogar um 58 Prozent. Auf Basis dieser Dynamik hob Redcare seine Jahresprognose über alle wichtigen Kennzahlen hinweg an—das Umsatzwachstum wird nun mit 15 bis 17 Prozent erwartet, zuvor waren es 13 bis 15 Prozent.

Nur wenige Tage später folgte die zweite große Nachricht: Der Aufsichtsrat bestellte Peter Schmid von Linstow zum 1. Oktober 2026 zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Er löst Olaf Heinrich ab, der nach drei erfolgreichen Jahren an der Spitze zurücktritt. Von Linstow sitzt bereits seit April im Aufsichtsrat und bringt Erfahrung aus dem Aufbau digitaler Plattformen mit, unter anderem von Parship und AutoScout24. Die Bestellung soll am 14. Oktober einer außerordentlichen Hauptversammlung vorgelegt werden.

Trotz der starken Zahlen fiel die Aktie am Freitag um 5,1 Prozent—ein Beispiel dafür, wie stark kurzfristige Kursreaktionen von der langfristigen fundamentalen Entwicklung abweichen können. Auf Wochensicht steht dennoch ein Plus von 2,4 Prozent zu Buche. Analysten sehen im Schnitt ein Kursziel von 86,10 Euro, was einem Aufwärtspotenzial von fast 37 Prozent entspräche.

Pentixapharm: Deutsche Radiopharma-Branche unter geopolitischem Druck

Pentixapharm selbst blieb operativ ruhig, während ein anderer Fall die deutsche Pharma-Fertigungslandschaft erschütterte. Die deutsche Tochter des russischen Pharmakonzerns R-Pharm im bayerischen Illertissen musste Insolvenz anmelden—rund 280 Beschäftigte verlieren ihre Stelle. Als Hauptgrund gelten EU-Sanktionen und russische Gegenmaßnahmen infolge des Ukraine-Kriegs.

Zwei potenzielle Käufer konnten am Ende keine gesicherte Finanzierung nachweisen, sodass der Insolvenzverwalter die Suche nach einem Retter für gescheitert erklärte. Mit Pentixapharms eigenem börsennotierten Geschäft hat dieser Fall nichts zu tun—er zeigt aber, wie stark manche deutschen Pharma-Standorte geopolitischen Risiken und Lieferkettenproblemen ausgesetzt bleiben.

Pentixapharm selbst konzentriert sich weiter auf seine CXCR4-gerichteten Plattformen PentixaFor und PentixaTher zur Diagnose und Therapie von Blutkrebs sowie weiteren Erkrankungen. Der Diagnostik-Tracer PentixaFor wird zudem in einer Phase-III-Studie als Werkzeug bei primärer Hypertonie geprüft. Die dünn gehandelte Aktie bewegte sich am Freitag um 4,1 Prozent nach oben auf 1,92 Euro, bleibt aber mit einem Abstand von 40 Prozent zum 52-Wochen-Hoch klar von ihren früheren Ständen entfernt.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Titel zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich sich Biotech- und Pharma-Schicksale selbst innerhalb einer einzigen Woche entwickeln können:

  • BioNTech: Binäres Studienrisiko trifft auch etablierte Plattformen mit solider Kassenlage
  • Sellas Life Sciences: Hohe Volatilität bei Analysten-Rückenwind vor entscheidender Studienauswertung
  • Ocugen: Frisches Kapital und regulatorische Fortschritte bei weiterhin spekulativem Kursniveau
  • Redcare Pharmacy: Kommerzieller Wachstumsmotor mit geordnetem Führungswechsel
  • Pentixapharm: Mikrokapitalisierter Nischenwert, dessen Wahrnehmung zeitweise von branchenweiten Schlagzeilen überlagert wird

Ausblick: Diese Termine entscheiden über die nächste Kursrichtung

Für BioNTech rückt nun die Kombinationsstudie IMcode003 mit Roches Checkpoint-Hemmer in den Fokus—sie soll zeigen, ob der Rückschlag bei Darmkrebs isoliert bleibt. Bei Sellas Life Sciences dürfte das Erreichen des 80. Ereignisses in der REGAL-Studie die nächste große Kursbewegung auslösen, in die eine oder andere Richtung. Ocugen arbeitet weiter an drei späten Studienprogrammen im Bereich Netzhauterkrankungen, deren Zulassungsanträge erst gegen Ende des Jahrzehnts anstehen.

Redcare muss zeigen, dass sich das Rx-getriebene Wachstum auch in einem saisonal schwächeren zweiten Halbjahr fortsetzt, während gleichzeitig der Übergang zum neuen CEO im Oktober reibungslos gelingen soll. Pentixapharms weiterer Kursverlauf dürfte vor allem von klinischen und regulatorischen Fortschritten bei den eigenen CXCR4-Kandidaten abhängen—unabhängig davon, was sonst in der deutschen Pharma-Fertigungslandschaft passiert.

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