Rekordauftrag für Nordex, Ratingschub für Siemens Energy, Bangen bei ABO Wind

Windbranche zeigt extremes Bild: Nordex sichert sich 700-MW-Deal, Siemens Energy erhält Bonitätsaufwertung, ABO Wind bangt um Finanzierung.

Die Kernpunkte:
  • Nordex erhält 700-Megawatt-Auftrag
  • Siemens Energy Rating auf BBB+ angehoben
  • ABO Wind droht Insolvenz ohne Finanzierung
  • Vulcan Energy trotz Lithiumrally schwach

Ein Großauftrag über 700 Megawatt hier, ein bankenseitiges Ultimatum dort. Innerhalb weniger Tage zeigt sich, wie unterschiedlich der Kapitalmarkt fünf Aktien aus derselben Branche behandelt. Während Siemens Energy von einer Bonitätsanhebung profitiert, kämpft ABO Wind ums nackte Überleben – und Vulcan Energy findet trotz steigender Lithiumpreise einfach keinen Boden.

Der Juli wird für alle fünf Titel zum Prüfstein. Es geht um Aufträge, Finanzierungen und die Frage, ob operative Fortschritte endlich in Kursgewinne münden.

Nordex: Großauftrag stützt trotz Kursdelle

Nordex hat sich einen der größten Aufträge des Jahres gesichert. Der Windturbinenhersteller liefert 100 Anlagen der Typen N175/6.X und N163/6.X mit einer Gesamtleistung von rund 700 Megawatt an den Projektentwickler UKA. Jede Turbine bringt es auf eine Nennleistung von 7 Megawatt.

Neben der reinen Anlagenlieferung enthält der Vertrag mehrjährige Service- und Wartungsverträge. Das sichert Nordex wiederkehrende Erlöse über die Installation hinaus. Grundlage der Bestellung sind erfolgreiche EEG-Ausschreibungsrunden aus August 2025 und Februar 2026, die UKA nun in konkrete Projekte umsetzt.

Trotz der guten Nachricht gab die Aktie zuletzt nach. Sie notiert aktuell bei 42,86 Euro, ein Minus von 2,06 Prozent im Tagesvergleich, nachdem sie am Montag noch bei 43,76 Euro geschlossen hatte. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 7,87 Prozent zu Buche – auffällig angesichts der guten Auftragslage.

Der Blick auf die längeren Zeiträume relativiert die Delle. Seit Jahresbeginn hat Nordex um 42,58 Prozent zugelegt, binnen zwölf Monaten sogar um 137,32 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 51,10 Euro, erreicht Ende April, trennen die Aktie derzeit rund 16 Prozent – Luft nach oben bleibt also, sollte sich die Auftragsdynamik fortsetzen.

Siemens Energy: Ratingupgrade trifft auf technische Verschnaufpause

Siemens Energy bleibt einer der auffälligsten DAX-Werte des Jahres, auch wenn die jüngste Woche eine Pause erzwang. Die Aktie fiel heute um 3,40 Prozent auf 160,36 Euro, nachdem sie am Montag noch bei 166,00 Euro geschlossen hatte. Auf Sicht von sieben Tagen summiert sich der Rückgang auf 3,87 Prozent.

Die Bewegung wirkt wie eine Verschnaufpause nach einem starken Lauf. Seit Jahresanfang steht weiterhin ein Plus von 30,59 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sind es sogar 69,41 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro, markiert Ende April, ist der Titel aktuell knapp 18 Prozent entfernt – der jüngste Rücksetzer hat also durchaus Substanz.

Fundamental bleibt das Bild konstruktiv. S&P Global Ratings hob die langfristige Bonitätsnote Anfang Juli von „BBB“ auf „BBB+“ mit stabilem Ausblick an, begründet mit erwarteten Verbesserungen bei Profitabilität und Cashflow. RBC Capital Markets erhöhte sein Kursziel von 200 auf 210 Euro und bestätigte die Einstufung „Outperform“. Der Analystenkonsens verortet faire Werte überwiegend zwischen 195 und 210 Euro, einzelne Häuser sehen langfristig sogar Potenzial über 260 Euro.

Auf operativer Ebene erwartet Siemens Energy für das laufende Geschäftsjahr ein Umsatzwachstum zwischen 11 und 13 Prozent bei einer operativen Marge von 9 bis 11 Prozent. Der nächste Test folgt am 5. August, wenn die Drittquartalszahlen anstehen und zeigen müssen, ob die ambitionierte Bewertung durch beschleunigte Margen gerechtfertigt ist.

Vulcan Energy: Lithiumpreise steigen, die Aktie hinkt hinterher

Kaum ein Titel im Sektor zeigt eine größere Diskrepanz zwischen Rohstoffmarkt und Aktienkurs als Vulcan Energy. Lithiumcarbonat notierte zuletzt bei 165.250 Yuan je Tonne, ein Plus von 164 Prozent im Jahresvergleich. Von dieser Rally ist bei Vulcan Energy wenig angekommen.

Die Aktie fiel heute um 2,79 Prozent auf 1,84 Euro, nach einem Montagsschluss bei 1,90 Euro. Binnen 30 Tagen beträgt der Verlust 12,06 Prozent, seit Jahresbeginn sogar 29,31 Prozent. Damit notiert der Titel nur noch knapp über seinem 52-Wochen-Tief von 1,77 Euro, erreicht erst Ende März.

Regulatorische Meldungen prägen weiterhin die Nachrichtenlage. State Street Corporation überschritt Anfang Juli erneut die Schwelle von drei Prozent an Stimmrechten, nachdem der Anteil kurzzeitig darunter gefallen war. Operativ konnte Vulcan zuletzt mit der „LiThermEx“-Lizenz punkten, der ersten kommerziellen Genehmigung zur Lithiumgewinnung im Oberrheingraben, nachdem im Mai ein milliardenschweres Finanzierungspaket abgeschlossen wurde.

Der Quartalsbericht am 30. Juli dürfte richtungsweisend werden. Anleger erwarten konkrete Zahlen zu Bauforschritt und Investitionen an der zentralen Lithiumanlage in Frankfurt-Höchst. Die entscheidende Frage bleibt, ob Vulcan Energy den langen Weg bis zur Produktion finanziell durchsteht, bevor die Liquidität knapp wird.

ABO WIND: Ultimatum der Banken rückt näher

Kein anderer Titel im Sektor steht derzeit so unter Druck wie ABO Wind, das inzwischen unter der Marke ABO Energy auftritt. Die Aktie legte heute zwar um 1,30 Prozent auf 3,50 Euro zu, nach 3,46 Euro am Montag. Der Rückblick zeigt jedoch das eigentliche Ausmaß der Krise: minus 11,84 Prozent auf Wochensicht, minus 39,24 Prozent binnen 30 Tagen.

Der RSI von 31 signalisiert eine deutlich überverkaufte Aktie – ein Hinweis darauf, dass der jüngste Ausverkauf bereits sehr weit fortgeschritten ist. Für 2025 rechnet das Management mit einem Verlust von rund 170 Millionen Euro, belastet durch Wertberichtigungen von 35 Millionen Euro und niedrigere Einspeisevergütungen. Ein positives EBITDA hält der Vorstand frühestens 2027 für realistisch.

Ein Sanierungsgutachten bestätigt zwar die grundsätzliche Überlebensfähigkeit des Unternehmens, knüpft dies aber an eine Bedingung: ABO Wind muss bis Ende Juli eine tragfähige Anschlussfinanzierung mit seinen Banken vereinbaren. Scheitert dies, droht die Insolvenz.

Operativ läuft der Betrieb dennoch weiter. In Külsheim in Baden-Württemberg begannen die Erdarbeiten für ein Repowering-Projekt, ältere Anlagen sollen durch moderne ersetzt werden. Zur Liquiditätsbeschaffung verkaufte das Unternehmen zudem einen Windpark in Rheinland-Pfalz mit vier Anlagen und rund 16,8 Megawatt Gesamtleistung sowie eine einzelne Nordex-Turbine in Welterod. Im August folgt eine außerordentliche Hauptversammlung, die sich mit dem hälftigen Verlust des Grundkapitals nach Aktiengesetz befassen muss.

Energiekontor: Ausbau läuft, Charttechnik hakt

Energiekontor durchlebt einen ruppigen Monat. Die Aktie gab heute um 1,47 Prozent auf 36,90 Euro nach, nach einem Montagsschluss bei 37,45 Euro. Binnen 30 Tagen summiert sich der Verlust auf 13,89 Prozent, seit Jahresbeginn steht ein moderates Minus von 2,12 Prozent zu Buche.

Charttechnisch hat sich das Bild spürbar eingetrübt. Der Titel notiert derzeit rund 13 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 42,53 Euro, während der 200-Tage-Durchschnitt bei 37,91 Euro als nächste Orientierungsmarke dient. Vom 52-Wochen-Hoch bei 52,40 Euro, markiert im vergangenen August, trennen die Aktie inzwischen fast 30 Prozent.

Operativ liefert Energiekontor unterdessen solide Fortschritte. Der Windpark Holtumer Moor ging im Juni ans Netz und hebt die selbst betriebene Kapazität auf rund 455 Megawatt. Die Projektpipeline wuchs auf beachtliche 12,2 Gigawatt, mit 640 Megawatt im Bau oder kurz vor Finanzierungsabschluss – ein deutlicher Sprung gegenüber den 368 Megawatt aus dem Jahr 2024.

Die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 14 spiegelt weder übertriebenen Optimismus noch ausgeprägte Skepsis wider. Über die vergangenen zwölf Monate zahlte das Unternehmen eine Dividende von 1,00 Euro je Aktie. Ein Ausbruch über den 50-Tage-Durchschnitt würde ein technisches Kaufsignal liefern, dürfte aber erst mit weiteren positiven operativen Nachrichten glaubwürdig werden.

Sektordynamik im Vergleich

Die fünf Titel lassen sich derzeit in drei Risikokategorien einteilen:

  • Strukturelle Gewinner mit Verschnaufpause: Siemens Energy profitiert von Netzausbau und KI-getriebener Stromnachfrage, verdaut nach der Rally aber einen Rücksetzer.
  • Solide Mitte mit Auftragsrückenwind: Nordex wandelt die deutsche Windauktions-Pipeline in konkrete Bestellungen und wiederkehrende Serviceerlöse um.
  • Übergangsphase: Energiekontor liefert operativ, wartet aber auf ein Signal, das die Kursschwäche beendet.
  • Rohstoff-Disconnect: Vulcan Energy profitiert trotz stark steigender Lithiumpreise kaum vom Rohstoffzyklus und bleibt nahe mehrmonatigen Tiefs.
  • Akute Stresslage: ABO Wind hängt am Bankentermin Ende Juli, nicht an Marktstimmung oder Rohstoffpreisen.

Ausblick: Diese Termine entscheiden im Juli und August

Der Kalender der kommenden Wochen ist dicht gedrängt. Siemens Energy muss am 5. August mit den Drittquartalszahlen belegen, dass die Margenerwartungen im Netz- und Gasgeschäft haltbar sind. Vulcan Energy liefert am 30. Juli erste belastbare Zahlen zu Bau und Investitionen in Frankfurt-Höchst – ein möglicher Wendepunkt für die Stimmung.

Die höchste Brisanz bleibt bei ABO Wind: Der Bankentermin Ende Juli entscheidet über Fortbestand oder Insolvenz, gefolgt von der außerordentlichen Hauptversammlung im August. Nordex dürfte von der wachsenden deutschen Windauktions-Pipeline weiter profitieren, während sich bei Energiekontor zeigen muss, ob die Pipeline-Expansion endlich in sichtbare Projektverkäufe mündet.

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