Renk Group Aktie: 1,2 Milliarden Euro Auftragseingang

Renk meldet Rekordauftragsbestand von 7,4 Mrd. Euro, doch die Aktie fällt. Analysten sehen Kurspotenzial, während das zyklische Zivilgeschäft bremst.

Die Kernpunkte:
  • Rekordauftragsbestand von 7,4 Milliarden Euro
  • Vehicle Mobility Solutions mit deutlichem Margenplus
  • Slide Bearings verzeichnet Umsatz- und Ergebnisrückgang
  • JPMorgan und Jefferies bestätigen Kaufempfehlungen

Ein Auftragseingang von rund 1,2 Milliarden Euro binnen sechs Monaten, ein Auftragsbestand auf Allzeithoch von 7,4 Milliarden Euro, eine Book-to-Bill-Ratio von 1,9 – auf dem Papier hat Renk am Donnerstag genau die Zahlen geliefert, die ein Rüstungswert im Jahr 2026 liefern muss. Und doch notiert die Aktie heute mit 50,76 Euro um 1,03 Prozent leichter als am Vortag. Für mich zeigt genau diese Diskrepanz, wie weit Erwartung und Kursrealität bei Renk inzwischen auseinanderlaufen.

Operativ überzeugt das Unternehmen

Der Auftragseingang stieg im ersten Halbjahr um 29,7 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro, nach 921,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Allein im zweiten Quartal kamen 612,8 Millionen Euro hinzu – der höchste je verzeichnete Quartalswert. Der Umsatz wuchs mit 2,7 Prozent auf 637,2 Millionen Euro deutlich moderater, was zeigt: Das Auftragsbuch füllt sich schneller, als die Fertigung abarbeiten kann. Das ist bei einem Rüstungszulieferer kein Nachteil, sondern eher der Normalfall in einem Hochlaufmarkt.

Besonders überzeugt mich das Segment Vehicle Mobility Solutions. Der Umsatz legte dort um 7,6 Prozent auf 418,6 Millionen Euro zu, das bereinigte EBIT sogar um 20,5 Prozent auf 80,3 Millionen Euro – die Marge kletterte auf 19,2 Prozent. Genau hier verdient Renk sein Geld, und genau hier zeigt sich, dass Skalierung im Kerngeschäft funktioniert. Der Vorstand bestätigte die Jahresprognose mit einem Umsatz über 1,5 Milliarden Euro und einem bereinigten EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro – JPMorgan-Analyst David Perry hielt gestern fest, der Konzern peile beim operativen Ergebnis nun die obere Hälfte dieser Spanne an. Das ist ein Signal, das ich ernst nehme.

Die Schwachstelle heißt Slide Bearings

Wer nur auf die Schlagzeilen schaut, übersieht leicht das Segment Slide Bearings. Dort sank der Auftragseingang um 3,2 Prozent auf 64,2 Millionen Euro, der Umsatz fiel um 4,4 Prozent auf 59,9 Millionen Euro, und das bereinigte EBIT brach von 10,4 auf 7,5 Millionen Euro ein. Schwache Industrie-Endmärkte und deutlich höhere US-Zölle belasten dieses Geschäft konkret. Für mich ist das ein Warnsignal dafür, dass Renk keineswegs ein reiner Selbstläufer ist, sondern ein Konzern mit zyklischer Zivilkomponente, die gerade gegen den Wind läuft.

Am 28. Juli hat Renk zudem seine Finanzierung neu aufgestellt: Ein syndiziertes, unbesichertes Kreditpaket über 1,05 Milliarden Euro mit fünf Jahren Laufzeit plus zwei Verlängerungsoptionen ersetzt die bisherigen Konsortialkredite vollständig. Die Zusagen des internationalen Bankenkonsortiums lagen deutlich über dem benötigten Volumen – ein Vertrauensbeweis der Kreditgeber, den ich höher gewichte als so manche Analystenstimme. Parallel meldete Renk am Dienstag eine Stimmrechtsveröffentlichung nach § 40 WpHG, ohne dass die konkrete Beteiligungshöhe öffentlich benannt wurde. Solche Vorgänge sind Routine, verdienen aber Beobachtung.

Bewertung und Risiko: Wo ich die Chancen sehe

Charttechnisch bleibt die Aktie ein gutes Stück von ihrer alten Stärke entfernt: Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 90,20 Euro beträgt 43,73 Prozent. Wer im Oktober gekauft hat, sitzt also weiterhin deutlich im Minus, trotz der jüngsten Erholung. Genau diese Lücke ist für mich der eigentliche Kern der Investment-These: Die operative Story hat sich seither eher verbessert als verschlechtert, während der Kurs den Rückschlag längst nicht aufgeholt hat.

JPMorgan bestätigte gestern die Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 75 Euro, Jefferies rief ebenfalls gestern „Buy“ mit einem Kursziel von 60 Euro aus. Beide Häuser reagierten direkt auf die Halbjahreszahlen, beide sehen also spürbares Aufwärtspotenzial vom aktuellen Niveau aus. Dazu passt die zum 3. Juli vereinbarte Übernahme von David Brown Defence, die Renk zusätzliche Kapazitäten und eine Auftragspipeline von über 700 Millionen Pfund bis 2030 sichern soll – vorbehaltlich des für das vierte Quartal erwarteten Closings.

Was mich zur Vorsicht mahnt, ist weniger die Bilanz als das Umfeld: Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte Rüstungsunternehmen am 23. Juli ausdrücklich vor erhöhter Spionage- und Sabotagegefahr durch russische staatliche Stellen – ein Hinweis, der die gesamte Branche und damit auch Renk betrifft. Zudem bleibt der Sektor nervös, wie die schwankende Kursreaktion rund um Rheinmetalls gesenkte Umsatzprognose am Donnerstag zeigte, während Renk selbst von den chinesischen Exportkontrolllisten verschont blieb und am 27. Juli um 3,54 Prozent zulegte.

Unterm Strich überwiegen für mich die operativen Argumente die politischen Risiken. Ein Rekordauftragsbestand, eine bestätigte und tendenziell nach oben zeigende Prognose sowie zwei frisch bekräftigte Kursziele deutlich über dem aktuellen Niveau sprechen für weiteres Potenzial. Die schwache Zivilsparte und das geopolitische Grundrauschen sind jedoch reale Bremsen, die den Weg nach oben holpriger machen dürften, als es die Schlagzeilen vom Donnerstag vermuten lassen.

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