Renk Group Aktie: Federt das Ersatzteilgeschäft die Lieferverzögerungen ab?
Dieter Jaworski sieht in Wartung und Ersatzteilen eine wichtige Ertragsbasis, bewertet den Verkauf aber nicht als automatischen Wertgewinn.

- Getriebe in rund 180.000 Fahrzeugen
- Verkauf an Miba noch nicht genehmigt
- Gleitlagergeschäft mit rund 130 Millionen Euro Umsatz
- Quartalsmitteilung folgt am 5. November
Bei Renk ist der Verkauf des Gleitlagergeschäfts an Miba vereinbart; fünf Produktionsstandorte sollen den Eigentümer wechseln, die behördlichen Freigaben stehen noch aus. Mit der angekündigten Abgabe hat der Konzern auch seine Jahresprognose angepasst, deren operative Aussage nun zur Debatte steht. Dieter Jaworskis Blick auf die Erwartungen an das verbleibende Geschäft ist deshalb besonders gefragt.

Renk Group (DE000RENK730) — Schlusskurse 28.04.2026 bis 23.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 23.10.2026.
Felix Baarz: Angenommen, die Behörden genehmigen den Verkauf an Miba und Renk kann sich stärker auf militärische Antriebssysteme konzentrieren: Was würde daraus wirtschaftlich besser, als es die bloße Konzentration auf Verteidigung schon verspricht?
Dieter Jaworski: Der Verkauf allein macht noch kein besseres Geschäft. Interessant wird, welches Gewicht die vorhandenen Fahrzeuge und ihr Ersatzteilbedarf im verbleibenden Konzern bekommen. Meines Erachtens wird diese Grundlage gegenüber der Diskussion über neue Panzerbestellungen unterschätzt.
Renk steckt mit seinen Getrieben in weltweit rund 180.000 Fahrzeugen. Daraus entsteht über lange Nutzungszeiten ein Geschäft mit Ersatzteilen und Wartung, das weniger unmittelbar vom nächsten Beschaffungsbeschluss abhängt. Die Kundenabhängigkeit reicht weit über den Erstauftrag hinaus. Ein anderes Getriebe einzubauen berührt auch Ausbildung und Instandhaltung; einen solchen Lieferanten wechselt eine Armee nicht wie den Büroausstatter.
Zum Verkauf gehört allerdings eine nüchterne Rechnung: Der vereinbarte Kaufpreis liegt im unteren bis mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Vertraulich bleibt die genaue Summe. Ob Renk dafür wirtschaftlich günstig verkauft, lässt sich daraus allein noch nicht ableiten.
Felix Baarz: Sie sagen: „Die Kundenabhängigkeit reicht weit über den Erstauftrag hinaus.“ Renk hängt seinerseits an den Produktionsplänen seiner Kunden. Überschätzen Sie da nicht die eigene Macht des Getriebelieferanten?
Dieter Jaworski: Sie setzen Abhängigkeit hier mit Machtlosigkeit gleich. Ich würde die Frage anders stellen: Wer lässt sich innerhalb einer bestehenden Fahrzeugplattform überhaupt ersetzen, wenn der Produktionsplan stockt? Bei Renk ist diese Austauschbarkeit gering. Das schützt die Position im Programm, selbst wenn sich der Umsatz verschiebt.
Zeitliche Kontrolle und technische Unentbehrlichkeit sind unterschiedliche Dinge. Im ersten Halbjahr 2026 wuchsen die Bestellungen deutlich stärker als die Erlöse; Renk verwies auf Projekt- und Lieferpläne der Kunden. Diese Bremse erkenne ich an.
Entscheidend ist für mich, dass ein verzögerter Fahrzeugbau den eingebauten Lieferanten nicht automatisch verdrängt. NATO-Zertifizierungen und jahrzehntelange Erprobung helfen dabei erheblich.
Gegenüber Allison aus den USA ist auch die europäische Lieferkette bei entsprechend ausgestalteten Beschaffungen ein möglicher Vorteil. Die Herkunftsregeln des EU-Beschaffungsinstruments SAFE können helfen; über eine konkrete Vergabe entscheiden sie allein nicht.
Felix Baarz: Wie gefährlich wird diese zeitliche Abhängigkeit, wenn zusätzlich ein Zulieferer die Fertigung ausbremst?
Dieter Jaworski: Dann kann auch ein schwer ersetzbarer Hersteller seine Kunden warten lassen. Für den Gewinn ist das schmerzhaft, weil die Kosten weiterlaufen und Einnahmen später kommen. Eine starke Stellung bezahlt keine Rechnung von selbst.
Felix Baarz: Das abzugebende Geschäft steht für rund 130 Millionen Euro Jahresumsatz. Welche Substanz verliert Renk damit, und wie beurteilen Sie die angepasste Prognose?
Dieter Jaworski: Die rund 130 Millionen Euro sind zunächst Umsatz, kein Maß für den abgegebenen Gewinn. Wer den Betrag einfach aus der Konzernrechnung streicht und den Rest automatisch höher bewertet, macht es sich zu bequem.
Ab dem vierten Quartal soll das Gleitlagergeschäft als nicht fortgeführtes Geschäft ausgewiesen werden, also getrennt vom verbleibenden Konzern. Deshalb muss die Prognose angepasst werden. Marktbeobachter haben die Änderung allerdings auch als leichte operative Rücknahme gelesen. Diesen Teil darf man hinter der neuen Abgrenzung nicht verstecken.
Der Verkauf erhöht außerdem die Abhängigkeit vom Verteidigungsgeschäft. Umso wichtiger wird die Qualität des wiederkehrenden Ersatzteil- und Wartungsgeschäfts.
Ich gebe meine positive Gegenposition auf, wenn dieses Geschäft die Verzögerungen bei neuen Fahrzeugen erkennbar nicht abfedert und die Ertragskraft des verbleibenden Konzerns weiter nachlässt. Dann hätte ich die Stabilität der vorhandenen Fahrzeugbasis überschätzt. Dafür müsste ich keine verlorene Marktführerschaft abwarten.
Felix Baarz: Der Analysten-Konsens ist ebenfalls zuversichtlich. Ist Ihre Betonung der Ersatzteile wirklich eine eigenständige These oder nur eine andere Begründung für dieselbe Bewertung?
Dieter Jaworski: Bei meiner Bewertung gibt es tatsächlich keinen großen Abstand: Mein faires Niveau liegt bei rund 60 Euro und damit praktisch beim Analysten-Konsens. Ich werde daraus keine Geschichte über eine angeblich einsame Erkenntnis machen.
Mein Unterschied liegt in der Gewichtung der Belege. Zusätzliche Bestellungen überzeugen mich weniger als die Fähigkeit, vorhandene Aufträge ordentlich abzuarbeiten und mit der bestehenden Fahrzeugbasis Geld zu verdienen. Das NATO-Ausgabenziel verlängert den Planungshorizont. Es sagt wenig darüber, wann ein Getriebe ausgeliefert und bezahlt wird.
Auch der Ausbau in Augsburg ist zunächst ein Versprechen auf spätere Leistungsfähigkeit. Die geplante modulare Getriebeplattform könnte Fertigung und Kundenbindung stärken; bis dahin zählen Ausführung und Lieferkette.
Bei der Quartalsmitteilung am 5. November interessiert mich deshalb besonders, wie Renk die operative Entwicklung von den Folgen des Verkaufs trennt. Ein größerer Auftragsbestand würde meine Zweifel an der Umsetzung noch nicht ausräumen.
Felix Baarz: Sie haben die rund 130 Millionen Euro abgegebenen Umsatzs von der Ertragskraft des verbleibenden Konzerns getrennt. Welches Gesamturteil folgt daraus für die Aktie?
Dieter Jaworski: Ich bin bei Renk zuversichtlich, weil die schwer ersetzbare Stellung in den Fahrzeugprogrammen und das Ersatzteilgeschäft für mich schwerer wiegen als der abgegebene Umsatz. Den Verkauf selbst rechne ich noch nicht als Wertgewinn an. Die Aktie verdient ihren Bewertungsanspruch durch belastbare Erträge aus dieser Stellung; zusätzliche Bestellungen liefern dafür allein zu wenig Beweis.
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