Rocket Lab Aktie: Carbonverbund-Desaster!

Fehler im Treibstofftankdom verzögern Neutrons Debüt; ein Auftragsbestand von 2,36 Milliarden US-Dollar stützt Rocket Labs Geschäft.

Die Kernpunkte:
  • Neutron-Erstflug auf 2027 verschoben
  • Lufteinschlüsse im vorderen Tankdom entdeckt
  • Auftragsbestand erreicht 2,36 Milliarden US-Dollar
  • Mehr als 90 Starts vertraglich vereinbart

Fertigungsmängel bremsen den Einstieg in die lukrative Mittelklasse

Der Raumfahrtkonzern steht vor einer Bewährungsprobe, die das Profil des Unternehmens nachhaltig verändert. Am Mittwochabend gab Rocket Lab bekannt, dass der mit Spannung erwartete Erstflug der neuen Mittelstreckenrakete Neutron von dem vierten Quartal 2026 auf das Jahr 2027 verschoben werden muss.

Ursache für die Verzögerung sind Lufteinschlüsse zwischen den Kohlefaserschichten im vorderen Treibstofftankdom der ersten Stufe. Zuvor war bereits im Januar 2026 ein Tank bei einem hydrostatischen Drucktest gerissen, woraufhin Design und Fertigungsprozesse überarbeitet wurden.

Für Anleger markiert diese Verschiebung einen gravierenden Einschnitt. Gestern schloss das Papier im deutschen Handel bei 49,30 Euro, was einem Tagesverlust von 7,2 Prozent entspricht. Seit dem 52-Wochen-Hoch liegt der Kurs damit nun 63 Prozent im Minus.

Die Neutron-Rakete soll mit einer Transportkapazität von bis zu 13.000 Kilogramm in den niedrigen Erdorbit vorstoßen und direkt mit der Falcon 9 von SpaceX konkurrieren. Das bisherige Kerngeschäft um die kleine Electron-Trägerrakete stößt mit einer Nutzlast von rund 300 Kilogramm an natürliche Volumengrenzen, weshalb das neue Modell der zentrale Wachstumstreiber für die kommenden Jahre sein soll.

Die zeitliche Umsetzung der Triebwerkstests bestimmt das Vertrauen

Die Kernfrage für Investoren lautet nun, ob die Probleme an den Carbonverbundstrukturen tatsächlich isoliert behoben sind oder eine langwierige Kettenreaktion auslösen. CEO Peter Beck erklärte, dass eine nach dem geänderten Verfahren gefertigte hintere Kuppel die Inspektion bestanden habe und derzeit ein neues vorderes Bauteil produziert werde. Dennoch steht dem Unternehmen noch ein anspruchsvolles Testprogramm bevor.

Entscheidend für die fundamentale Neubewertung ist der Nachweis der Funktionstüchtigkeit der ersten Stufe samt den neun Archimedes-Triebwerken, die rund 6,45 Millionen Newton Startschub liefern sollen. Die Triebwerks- und Erststufenqualifikation steht ebenso wie die Startkampagne am Weltraumbahnhof in Wallops Island noch aus.

Sollten die kryogenen und hydrostatischen Belastungstests bis zum ersten Quartal 2027 ohne weitere Zwischenfälle abgeschlossen werden, bliebe der Zeitplan intakt. Jeder weitere Monat Verzug bindet jedoch Entwicklungsressourcen und verzögert den ersten kommerziellen Flug, der für die langfristige Profitabilität unabdingbar ist.

Volle Auftragsbücher stützen den optimistischen Fall

Das bullische Szenario baut auf der fundamentalen Stärke des bestehenden Geschäfts und dem unverändert hohen Vertrauen institutioneller Kunden auf. Rocket Lab wies zum Ende des zweiten Quartals 2026 einen Rekord-Auftragsbestand von 2,36 Milliarden US-Dollar aus, was einem Zuwachs von 137 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Über alle Programme hinweg stehen mehr als 90 Starts unter Vertrag, während die bewährte Electron-Rakete auf eine Serie von 56 erfolgreichen Missionen in Folge zurückblickt.

Mehrere Analysten betrachten den Rücksetzer als überzogen und verweisen auf den anhaltenden Mangel an globalen Startkapazitäten. Andres Sheppard von Cantor Fitzgerald bekräftigte nach der Verschiebung die Einstufung mit „Buy“ und hält an einem Kursziel von 122 US-Dollar fest, da die langfristige Nachfrage nach orbitalen Transportdiensten ungemindert hoch bleibe.

KeyBanc reduzierte das Kursziel zwar von 135 auf 100 US-Dollar, beließ die Aktie jedoch auf „Overweight“. Im positiven Szenario gelingt Rocket Lab im Laufe des Jahres 2027 der erfolgreiche Erstflug, womit der Konzern die Lücke zum Marktführer schließt und ab 2028 den angestrebten positiven freien Cashflow erreicht.

Weitere Fehlversuche bedrohen das finanzielle Fundament

Auf der Gegenseite droht bei anhaltenden technischen Hürden eine spürbare Verschlechterung der Rahmenbedingungen. Bereits vor der aktuellen Ankündigung war der Neutron-Jungfernflug mehrfach vertagt worden, nachdem ursprünglich einmal ein Erststart für 2024 avisiert worden war.

Treten bei den anstehenden Drucktests der neu laminierten Kuppel erneut Delaminationen oder Materialschwächen auf, droht eine Verlagerung des Starts bis weit in die zweite Jahreshälfte 2027 oder darüber hinaus.

Ein solcher Zeitverzug würde nicht nur die für das dritte Quartal 2026 prognostizierten Konzernerlöse von 250 bis 265 Millionen US-Dollar in den Folgequartalen überschatten, sondern auch die Schätzungen für das Geschäftsjahr 2027 belasten.

Die hohen Vorleistungen für die Qualifizierung der Archimedes-Triebwerke und der Bodeninfrastruktur in Virginia zehren an der Liquidität. Sollte der Markteintritt im lukrativen Medium-Lift-Segment weiter nach hinten rücken, riskieren die Neuseeländer zudem, dass wartende Satellitenbetreiber ihre Kontrakte anderweitig vergeben.

Stabilität im Chartbild verlangt zügige Fortschritte am Prüfstand

Solange die Aktie ihr jüngstes Kursniveau verteidigen kann, bleibt die übergeordnete Aufwärtsfantasie für das kommende Jahr gewahrt. Setzt sich die Korrektur hingegen fort und das Vertrauen in die Zeitpläne des Managements schwindet weiter, droht ein erneuter Test der Jahrestiefs.

Der nächste richtungsweisende Meilenstein ist der Abschluss der Kuppelfertigung bis zum Jahresende 2026. Gelingt im ersten Quartal 2027 die fehlerfreie Montage und Integration der ersten Raketenstufe, erhält der Markt den lange erwarteten verlässlichen Starttermin für den Debütflug.

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