Rolls-Royce startet durch, Thyssenkrupp steuert auf Schicksalstag zu

Rolls-Royce hebt Prognose erneut an, Thyssenkrupp steht vor wegweisender Abstimmung. Hochtief profitiert vom Rechenzentren-Boom, Siemens leidet unter Healthineers-Schwäche.

Die Kernpunkte:
  • Rolls-Royce steigert operativen Gewinn deutlich
  • Thyssenkrupp: Hauptversammlung entscheidet über Abspaltung
  • Hochtief profitiert von KI-Rechenzentren-Nachfrage
  • Siemens Healthineers senkt Umsatzprognose

Selten lagen Erfolgsgeschichten und offene Fragen im Industriesektor so nah beieinander wie in diesen Tagen. Rolls-Royce hebt seine Prognose zum zweiten Mal in wenigen Monaten an, Hochtief zieht dank des Rechenzentren-Booms nach, während Siemens durch seine Healthineers-Sparte Federn lässt. Thyssenkrupp steuert unterdessen auf eine außerordentliche Hauptversammlung zu, die über die Zukunft des gesamten Konzerns entscheiden könnte.

Industrie-Aktien zwischen Boom und Umbruch

Europas Industrie- und Ingenieurwerte erzählen in diesem Sommer zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Bau- und Infrastrukturkonzerne reiten auf der Investitionswelle rund um KI-Rechenzentren, Luftfahrt- und Rüstungszulieferer profitieren von robuster Nachfrage und Restrukturierungserfolgen. Gesundheitsnahe Industriesparten kämpfen dagegen mit strukturellen Problemen in China.

Konzernumbau bleibt ein zentrales Thema, allen voran bei Thyssenkrupp, das nach der Abspaltung von TKMS im vergangenen Jahr die nächste Portfoliobereinigung angeht. Gleichzeitig sind Kapitalrückführungen wieder in Mode, wie das wachsende Aktienrückkaufprogramm und die steigenden Dividendenzahlungen von Rolls-Royce zeigen. Währungseffekte, Zollentwicklungen und steigende Treibstoff- und Rohstoffkosten prägen weiterhin die Ausblicke der einzelnen Unternehmen und sorgen für ein wirklich uneinheitliches Bild über die fünf hier betrachteten Werte.

Thyssenkrupp: Außerordentliche Hauptversammlung als Schicksalstag

Am 7. August entscheidet sich, ob Thyssenkrupp die Abspaltung seiner Sparte für Werkstoffhandel und Supply-Chain-Dienstleistungen vollzieht. Der Aufsichtsrat empfahl den Aktionären bereits, dem Vorhaben zuzustimmen. Die neue Einheit soll unter dem Namen TK Accelis noch in diesem Kalenderjahr an die Frankfurter Börse gehen.

Der Umbau ist Teil eines größeren Plans: Thyssenkrupp AG soll sich in den kommenden Jahren zu einer Finanzholding wandeln, unter deren Dach die einzelnen Sparten eigenständig wirtschaften.

Die Marktreaktion auf die formale Ankündigung fiel verhalten aus. Die Aktie brach am Tag der Nachricht um 4,47 Prozent auf 10,68 Euro ein.

Zuvor hatte sich der Kurs allerdings schon deutlich gelaufen: Zwischen Ende März und Anfang Juni legte die Aktie rund 70 Prozent zu und überschritt zeitweise die 12-Euro-Marke – der höchste Stand seit 2018. Inzwischen hat sich der Titel von diesen Höchstständen wieder entfernt.

Nach einem Rücksetzer auf 11,74 Euro Ende Juli fiel die Aktie unter ihren gleitenden 20-Tage-Durchschnitt. Zum Wochenschluss stand sie bei 12,06 Euro, ein Minus von 0,78 Prozent auf Tagessicht, aber ein Plus von 30,04 Prozent seit Jahresbeginn.

Deutsche Bank bestätigte ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 16 Euro und rechnet mit einer spürbaren Ergebnisverbesserung. Stahlzölle, das Tempo der Materials-Services-Abspaltung und die allgemeine Industrienachfrage dürften die entscheidenden Stellschrauben für den Herbst bleiben.

Hochtief: Rechenzentren-Boom treibt die Prognose erneut nach oben

Hochtief hat seine Gewinnprognose bereits zum wiederholten Mal angehoben – ein deutliches Zeichen dafür, wie stark der KI-getriebene Rechenzentren-Bau das Auftragsbuch füllt. Der Vorstand erwartet für das Geschäftsjahr 2026 nun ein operatives Konzernergebnis zwischen 1,025 und 1,1 Milliarden Euro, nach zuvor 950 bis 1.025 Millionen Euro. Das entspricht einem Anstieg von 30 bis 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr statt der bisher erwarteten 20 bis 30 Prozent.

Treiber ist vor allem die US-Tochter Turner, die von der boomenden Rechenzentren-Nachfrage besonders profitiert und sehr starke Ergebnisse lieferte.

Trotz der optimistischen Prognose tat sich die Aktie zunächst schwer, weiter zuzulegen. Ein Grund: Viele gute Nachrichten waren bereits im Kurs eingepreist, weshalb sich der Titel derzeit in einer Konsolidierungsphase befindet.

Der mittelfristige Trend bleibt trotzdem beeindruckend – zwischen Juni 2025 und Juni 2026 kletterte die Aktie um mehr als 200 Prozent, ehe sie zuletzt einen Teil davon wieder abgab.

Zum Wochenschluss notierte die Aktie bei 445,40 Euro, ein Minus von 0,40 Prozent auf Tagessicht. Anleger nehmen nach dem fulminanten Anstieg der vergangenen Monate offenbar erst einmal Gewinne mit. Auf Monatssicht steht ein Rückgang von 10,53 Prozent zu Buche, und zum Rekordhoch aus dem Mai fehlen inzwischen rund 19,68 Prozent.

Jefferies vergab nach den Zahlen ein „Hold“-Rating. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 510,40 Euro, während der Sechs-Monats-Trend der Einstufungen ebenfalls auf „Hold“ steht.

Siemens: Healthineers bremst die Stimmung im Konzern

Die Medizintechniksparte Siemens Healthineers hat die Stimmung rund um den Gesamtkonzern eingetrübt, nachdem sie ihre Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr gesenkt hat. Grund ist die anhaltende Schwäche im Laborgeschäft, das derzeit auf einen möglichen Verkauf geprüft wird. Belastend wirken zudem das schwierige China-Geschäft und der schrittweise Auslauf älterer Analysesysteme. Die Gewinnprognose wurde dagegen angehoben – dank der Rückerstattung unrechtmäßig erhobener US-Zölle.

Für das bis Ende September laufende Geschäftsjahr 2025/26 rechnet Healthineers nun mit einem vergleichbaren Umsatzwachstum von 3,5 bis 4,0 Prozent, einen Prozentpunkt weniger als zuvor in Aussicht gestellt. Analysten hatten zuvor mit einem Wachstum von rund 4,5 Prozent gerechnet.

Die Quartalszahlen zeigten die Schwachstelle deutlich: Der vergleichbare Umsatz stieg um 2,8 Prozent auf 5,76 Milliarden Euro, während das größte und profitabelste Segment Imaging nur mäßig wuchs.

Einzig die Präzisionstherapie rund um den US-Krebsspezialisten Varian lieferte spürbaren Schwung. Diese Sparte legte um 9,2 Prozent zu und bleibt damit der Wachstumsmotor des Konzerns, während Imaging nur um 2,3 Prozent zulegte.

Die Healthineers-Aktie reagierte zunächst nervös: Zeitweise ging es um bis zu vier Prozent nach unten, ehe der Kurs ins Plus drehte. Der breitere Siemens-Konzern zeigte sich davon deutlich robuster.

Am Freitag schloss die Siemens-Aktie bei 283,35 Euro, ein Plus von 0,53 Prozent auf Tagessicht und binnen einer Woche ein Anstieg von 4,38 Prozent.

Bernstein-Analystin Susannah Ludwig kritisierte die gesenkte Umsatzprognose, hob aber den „sehr starken Auftragsbestand“ der Medizintechniksparte hervor, der Zuversicht für eine erneute Wachstumsbeschleunigung im Imaging-Geschäft geben sollte. JPMorgan schlug einen noch konstruktiveren Ton an und bestätigte die Einstufung „Overweight“ nach den Zahlen. Für die Siemens-Mutter bringt die Diagnostik-Schwäche der börsennotierten Medizintechniktochter zusätzliche Unsicherheit in ein ansonsten breit aufgestelltes Industrieportfolio aus Automatisierung, digitaler Industrie und Infrastruktur.

Rolls-Royce: Gewinnsprung von 46 Prozent, Prognose erneut angehoben

Rolls-Royce lieferte mit seinen Halbjahreszahlen eines der stärksten Updates der Saison im gesamten Sektor. Das bereinigte operative Ergebnis stieg um 46 Prozent auf 2,5 Milliarden Pfund, die bereinigte operative Marge kletterte auf 22,5 Prozent. Höhere Profitabilität in allen Sparten spiegelt strategische Initiativen und operative Verbesserungen wider.

Diese Kombination aus Ergebnis- und Cashflow-Wachstum verschafft dem Management sichtlich Rückenwind. Der freie Cashflow erreichte 2,0 Milliarden Pfund, getrieben durch das höhere operative Ergebnis bei gleichzeitig gestiegenen Wachstumsinvestitionen. Entscheidend: Für 2026 erwartet Rolls-Royce nun ein bereinigtes operatives Ergebnis von 4,7 bis 4,9 Milliarden Pfund und einen freien Cashflow von 3,8 bis 4,0 Milliarden Pfund.

Auch die Bilanz hat sich spürbar verbessert. Die Netto-Cash-Position stieg auf 2,1 Milliarden Pfund von 1,9 Milliarden Pfund Ende 2025. Möglich wurde das auch durch den gezielten Abbau von Schulden.

Nach Rückzahlung von Anleihen im Volumen von 1,1 Milliarden Pfund sank die Bruttoverschuldung auf 2,7 Milliarden Pfund, die Gesamtliquidität lag Ende Juni bei robusten 9,0 Milliarden Pfund. Ratingagenturen honorierten die Entwicklung: Moody’s und Fitch hoben das Kreditrating auf A3 beziehungsweise A- an, beide mit stabilem Ausblick, während S&P Global das Rating BBB+ bestätigte und den Ausblick auf positiv anhob.

Aktionäre profitieren direkt: Eine Zwischendividende von 6,0 Pence je Aktie soll im September ausgezahlt werden. Von der für 2026 geplanten Rückkauftranche über 2,5 Milliarden Pfund sind bereits 1,4 Milliarden Pfund umgesetzt – Teil eines mehrjährigen Programms mit einem Gesamtvolumen von 7 bis 9 Milliarden Pfund für die Jahre 2026 bis 2028.

Der Kurs reagierte prompt: Am Tag der Zahlen legte die Aktie zusätzlich vier Prozent zu. Aktuell notiert Rolls-Royce bei 17,27 Euro, nur 3,53 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 17,90 Euro, mit einem Wochenplus von 3,95 Prozent.

Wachstumsfantasie liefert auch das Nukleargeschäft: Rolls-Royce SMR sei laut CEO in jeder europäischen Ausschreibung für kleine modulare Reaktoren erfolgreich gewesen und einzigartig positioniert, um zum globalen Marktführer zu werden. Bei der Bewertung bleibt dennoch Vorsicht angebracht – das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt inzwischen bei fast 48, nach 65 zu Jahresbeginn, und gilt damit trotz des Rückgangs weiterhin als ambitioniert.

Lufthansa: Kerosinkosten treffen auf robuste Sommernachfrage

Lufthansa steuert mit vorsichtigem Optimismus auf seinen Halbjahresbericht zu, der am 4. August veröffentlicht wird. Der Konzern startet aus einer soliden Position: Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 8 Prozent auf 8,746 Milliarden Euro. Auch bei den Passagierzahlen ging es deutlich nach oben.

Mehr als 25 Millionen Reisende nutzten die Lufthansa-Flotte, während das bereinigte EBIT saisonbedingt bei minus 612 Millionen Euro lag – eine Verbesserung um 110 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr.

Der zentrale Belastungsfaktor bleibt der Treibstoffpreis. Nach eigenen Berechnungen könnten sich die Mehrkosten für das Gesamtjahr auf rund 1,7 Milliarden Euro belaufen. Zwar sind rund 80 Prozent der für 2026 erwarteten Kerosinnachfrage abgesichert, doch den Preisanstieg kann die Airline nicht vollständig umgehen. Entscheidend wird sein, wie viel der Belastung sich über höhere Ticketpreise, angepasste Streckennetze und zusätzliche Einsparungen ausgleichen lässt.

Diversifikation bietet einen Puffer. Lufthansa Cargo profitierte von starker Nachfrage im ersten Quartal und verbesserte das operative Ergebnis um 21 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr. Schnelle Luftfrachtverbindungen erweisen sich angesichts knapper Transportkapazitäten und gestörter Lieferketten als besonders wertvoll.

Auch die Wartungssparte Lufthansa Technik trug zur Stabilität bei: Der Umsatz stieg um 12 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro, während der Umsatz mit externen Kunden sogar um 19 Prozent zulegte.

Am Aktienmarkt zeigt sich der Titel zuletzt uneinheitlich: Der Kurs schloss am Freitag bei 9,00 Euro, ein Minus von 0,60 Prozent auf Tagessicht – nach einem Plus von 3,52 Prozent innerhalb der vergangenen Woche.

Management hält an den Jahreszielen fest. CEO Carsten Spohr verwies zudem auf einen um 220 Millionen Euro gestiegenen Nettogewinn und den Rekordumsatz für ein erstes Quartal.

Sektordynamik im Vergleich

  • Hochtief und Rolls-Royce reiten auf strukturellen Nachfragewellen – Rechenzentren-Bau und Luftfahrt-Ersatzteilgeschäft – und liefern beide angehobene Prognosen.
  • Thyssenkrupp folgt einer anderen Logik: Hier zählt nicht organisches Wachstum, sondern die Ausführung des Konzernumbaus rund um TK Accelis.
  • Siemens zeigt ein gespaltenes Bild – starker Industriekern, schwächelnde Diagnostiksparte bei Healthineers.
  • Lufthansa bleibt der klassische zyklische Gradmesser des Sektors, gefangen zwischen robuster Reisenachfrage und ungewöhnlich hohen Treibstoffkosten.
  • Kapitaldisziplin ist der gemeinsame Nenner: Aktienrückkäufe bei Rolls-Royce, Portfoliobereinigung bei Thyssenkrupp, Kostenmanagement bei Lufthansa.

Industrie-Sektor: Enge Terminfolge als nächste Bewährungsprobe

Die kommenden Tage bringen eine dichte Abfolge von Ereignissen. Die außerordentliche Hauptversammlung von Thyssenkrupp am 7. August entscheidet, ob die Materials-Services-Abspaltung wie geplant vollzogen wird – eine Abstimmung, die die Stimmung gegenüber dem gesamten Holding-Umbau prägen dürfte. Lufthansas Halbjahresbericht am 4. August sollte klären, ob Sommerbuchungen und Preisdisziplin die milliardenschwere Treibstoffkostenbelastung ausgleichen können.

Ob Hochtief seinen Rekord-Auftragsbestand aus dem Rechenzentren-Geschäft von Turner in dauerhafte Margenausweitung übersetzen kann, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen. Rolls-Royce hat mit den angehobenen Jahreszielen die Messlatte für das zweite Halbjahr hoch gelegt, während bei Siemens vor allem die Frage im Raum steht, ob sich das Imaging-Geschäft von Healthineers wie versprochen wieder beschleunigt und wie eine Lösung für die schwächelnde Diagnostiksparte aussehen könnte.

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