Rüstungssektor gespalten: Renk im Übernahmefieber, OHB im SpaceX-Sog

Rüstungssektor zeigt gespaltene Entwicklung: Rheinmetall kämpft mit Lieferverzögerungen, Renk profitiert von Übernahmegerüchten, OHB leidet unter SpaceX-Kursverfall.

Die Kernpunkte:
  • Rheinmetall: Lieferverzögerungen trotz Rekordaufträgen
  • Renk: Übernahmespekulationen treiben Kurs
  • OHB: Milliardenauftrag verpufft durch SpaceX-Schwäche
  • Kraken Robotics: Covelya-Integration vor Quartalsbericht

Fünf Rüstungswerte, fünf völlig unterschiedliche Geschichten. Während Renk auf Übernahmefantasien surft und Kraken Robotics vor einem richtungsweisenden Quartalsbericht steht, kämpft Rheinmetall mit Berichten über Lieferverzögerungen. OHB wiederum reißt der Kursverfall bei SpaceX mit in die Tiefe – trotz eines Milliardenauftrags. Der Sektor hat sich sichtbar von der einheitlichen „Aufrüstungs-Story“ verabschiedet.

Sektorüberblick: Vom Gleichklang zur Divergenz

Der strukturelle Rückenwind bleibt intakt: Deutschland plant, seine Verteidigungsausgaben 2026 auf rund 82,7 Milliarden Euro zu erhöhen und bis 2029 schrittweise auf 3,5 Prozent des BIP zu bringen – auch unter dem Druck von US-Präsident Trump, der von den europäischen NATO-Partnern einen größeren Lastenanteil einfordert. Diese fiskalische Unterstützung füllt weiterhin die Auftragsbücher der Branche.

Gleichzeitig preisen Anleger drei Unsicherheitsfaktoren ein: geopolitische Risiken rund um mögliche Friedensverhandlungen in der Ukraine, Ausführungsrisiken bei den großen Auftragnehmern und eine Rotation aus zuvor überhitzten Raumfahrt- und Drohnenabwehr-Titeln.

Das Ergebnis ist ein Sektor, der nicht mehr im Gleichschritt läuft. Rheinmetall verdaut Berichte über Lieferverzögerungen bei Schlüsselprogrammen, trotz eines Rekord-Auftragsbestands. Renk gerät ins Visier von Übernahmespekulationen nach einer starken Berichtssaison. OHB, lange Zeit von SpaceX-Vergleichen beflügelt, leidet nun unter der Kursschwäche des US-Unternehmens. DroneShield bringt ein neues Produkt für elektronische Kriegsführung auf den Markt, während die Budgets für Drohnenabwehr weltweit wachsen. Kraken Robotics skaliert nach der Übernahme der Covelya Group rasant und steuert auf einen entscheidenden Quartalsbericht zu.

Rheinmetall: Rekordauftragsbuch trifft auf Lieferverzugs-Vorwürfe

Die Aktie steht seit Tagen unter Druck. Aktuell notiert Rheinmetall bei 1.143,60 Euro, ein Minus von 1,1 Prozent auf Tagesbasis. Auf Wochensicht summiert sich der Rückgang auf 6,0 Prozent, seit Jahresbeginn steht ein Verlust von 26 Prozent zu Buche. Vom 52-Wochen-Hoch bei gut 2.000 Euro trennen die Aktie mittlerweile 43 Prozent.

Berichte über interne Dokumente von Bundeswehr und Beschaffungsamt sorgten Ende letzter Woche für Aufsehen. Demnach hinkt Rheinmetall bei zwei wichtigen Projekten hinterher – dem Flugabwehrpanzer Skyranger und dem Schweren Waffenträger Infanterie. Beim Radfahrzeug soll der vertragliche Rückstand mindestens elf Monate betragen, die ursprünglich für Mitte 2026 geplanten Skyranger-Lieferungen würden erst Mitte 2027 beginnen. Rheinmetall widerspricht den Vorwürfen und verweist darauf, dass die komplette Serienauslieferung nur rund fünf Monate später als geplant erfolgen werde – der Zeitplan für 2027 und 2028 bleibe bestehen.

Als Gegengewicht meldete das Unternehmen einen Bundeswehr-Auftrag für mobile Sanitätsstationen im Wert von mehr als 500 Millionen Euro. Die operative Substanz bleibt ohnehin robust: Der Auftragseingang schoss im zweiten Quartal auf 11,37 Milliarden Euro, gegenüber knapp 2 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Gesamtbestand erreichte damit einen Rekordwert von 80,47 Milliarden Euro. Der operative Gewinn verdoppelte sich mehr als, während der Nettogewinn leicht auf 124 Millionen Euro nachgab.

Bemerkenswert: Trotz der starken Zahlen senkte Rheinmetall die Umsatzprognose für 2026, nachdem Deutschland ein großes Marineprogramm gestrichen hatte. Citi bewertet die Aktie mit „Hold“ und verweist explizit auf das politische Risiko, dass Fortschritte bei Friedensgesprächen zwischen Russland und der Ukraine Beschaffungsentscheidungen verzögern könnten.

Renk Group: Übernahmefantasie beflügelt trotz fehlender Offerte

Renk hat sich zuletzt spürbar erholt und wichtige gleitende Durchschnitte zurückerobert. Aktuell notiert die Aktie bei 47,16 Euro, nach einem Minus von 2,4 Prozent im Tagesverlauf. Auf Monatssicht steht dennoch ein Plus von 4,4 Prozent, seit Jahresbeginn bleibt aber ein Rückgang von 13 Prozent bestehen.

Auslöser der jüngsten Stärke war reine Spekulation, keine konkrete Transaktion. JPMorgan-Analyst David Perry bezeichnete Renk als attraktives Übernahmeziel für einen größeren Industriekonzern – stellte aber ausdrücklich klar, dass derzeit kein konkretes Angebot vorliegt. Die Aktie legte daraufhin zeitweise deutlich zu.

Die operative Dynamik untermauert das Interesse: Der Auftragseingang stieg im ersten Halbjahr um rund 30 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro, allein das zweite Quartal markierte mit über 600 Millionen Euro einen historischen Bestwert. Der Auftragsbestand kletterte auf ein Rekordniveau. Ein Book-to-Bill-Verhältnis von 1,9 zeigt, dass fast doppelt so viele neue Aufträge hereinkommen, wie derzeit abgearbeitet werden können – die bereinigte EBIT-Marge verbesserte sich auf 15,4 Prozent.

JPMorgan bestätigte sein „Overweight“-Rating mit einem Kursziel von 75 Euro, was rechnerisch ein Aufwärtspotenzial von rund 45 Prozent bedeuten würde. Barclays stufte die Aktie kürzlich auf „Buy“ hoch, Deutsche Bank hält an einem Kursziel von 73 Euro fest.

OHB SE: Milliardenauftrag verpufft im SpaceX-Sog

Kaum ein Titel im Sektor zeigte zuletzt eine derart scharfe Kehrtwende. Die Aktie fiel im Tagesverlauf um 9,0 Prozent auf 203,00 Euro und markiert damit den fünften Verlusttag in Folge – das niedrigste Niveau seit Anfang März. Auf Wochensicht beläuft sich das Minus auf 25 Prozent, auf Monatssicht auf 15 Prozent. Das technische Bild hatte sich bereits zuvor eingetrübt, als die Aktie unter wichtige gleitende Durchschnittslinien rutschte.

Die aktuelle Schwäche steht in scharfem Kontrast zur Rally Mitte August. Am 17. August hatte OHB einen Auftrag im Volumen von mehr als einer Milliarde Euro im Rahmen des EU-Satellitenprojekts Iris2 gewonnen – die Aktie legte binnen einer Woche um mehr als 15 Prozent zu. Das Bremer Unternehmen soll 18 sogenannte MEO-Satelliten bauen, die in größerer Höhe kreisen.

Diese Dynamik hat sich seither umgekehrt, weil sich die Stimmung im gesamten Raumfahrtsektor eintrübte. Ähnlich schwach entwickelte sich zuletzt die Aktie des US-Raumfahrtkonzerns SpaceX, die deutlich unter ihren Ausgabepreis gerutscht ist, nachdem sie Mitte Juni noch ein Hoch markiert hatte. Seit Jahresbeginn steht OHB trotz allem noch mit einem Plus von 74 Prozent da – damit zählt der frisch aufgenommene SDAX-Wert weiterhin zu den Spitzenreitern des Index.

Vor dem Rücksetzer hatten Analysten durchaus konstruktive Töne angeschlagen: Kursziele von bis zu 358 Euro standen im Raum, Jefferies und Goldman Sachs nannten Zielmarken von 280 beziehungsweise 250 Euro.

DroneShield: Neues Produkt soll zweite Jahreshälfte prägen

DroneShield-Aktien zeigten sich zuletzt vergleichsweise gefasst. Aktuell notiert der Titel bei 1,15 Euro, ein Plus von 1,4 Prozent. Der Blick auf die längerfristige Entwicklung fällt allerdings deutlich schwächer aus: Auf Monatssicht steht ein Minus von 10 Prozent, seit Jahresbeginn summiert sich der Rückgang auf 36 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 3,79 Euro trennen die Aktie inzwischen 70 Prozent.

Der australische Spezialist für Drohnenabwehr hatte Mitte August eine bedeutende Produktneuheit vorgestellt: RfRecon, eine tragbare Plattform zur Aufklärung im Funkfrequenzspektrum, die elektromagnetische Aktivität in taktischen Einsatzumgebungen erfassen, identifizieren und lokalisieren soll. Gegenüber bisherigen Lösungen der Branche bietet das System nach Unternehmensangaben ein Vielfaches an Frequenzabdeckung, Rechenleistung und Speicherkapazität, ergänzt um Funktionen wie Peilung, Bluetooth- und WLAN-Erkennung sowie satellitengestützte Ortung.

CEO Angus Bean begründete den Schritt mit einer Verschiebung der Prioritäten auf dem modernen Schlachtfeld – das elektromagnetische Spektrum sei zur wichtigsten Quelle operativer Aufklärung geworden, reines Datensammeln reiche längst nicht mehr aus. Kommerziell ist die Wirkung bislang offen: Das Unternehmen hat erste Gespräche mit qualifizierten Verteidigungs- und Sicherheitskunden aufgenommen, mögliche Auftrags- und Umsatzbeiträge werden erst für die zweite Jahreshälfte erwartet. Eine Bewertung der Auftragsvolumina ist derzeit nicht möglich. Die jüngste Analystenbewertung lautet „Buy“ mit einem Kursziel von 2,80 australischen Dollar.

Kraken Robotics: Covelya-Integration vor dem großen Test

Der kanadische Unterwassertechnik-Spezialist zeigte im August starke Kursdynamik. Aktuell notiert die Aktie bei 3,78 Euro, ein Plus von 2,9 Prozent. Auf Sicht von zwölf Monaten steht ein beachtliches Plus von 76 Prozent zu Buche, wenngleich der Titel inzwischen rund 44 Prozent unter seinem Jahreshoch liegt.

Die größte Übernahme der Firmengeschichte hat das Unternehmen spürbar verändert. Anfang Juli schloss Kraken Robotics den Erwerb der Covelya Group für rund 615 Millionen Dollar ab. CEO Greg Reid bezeichnete den Schritt als Positionierung zum globalen Anbieter missionskritischer Unterwasser-Aufklärungslösungen für zivile und militärische Zwecke. Der Auftragsschwung hält seither an: Mitte Juli kamen weitere 35 Millionen Dollar an neuen Produktaufträgen hinzu, womit sich das kombinierte Auftragsvolumen von Kraken und Covelya seit Jahresbeginn auf rund 327 Millionen Dollar summiert.

Die Covelya-Übernahme hat auch die Prognose spürbar nach oben verschoben. Kraken erwartet für 2026 nun einen Umsatz zwischen 290 und 320 Millionen Dollar sowie ein bereinigtes EBITDA von 65 bis 75 Millionen Dollar – ein deutlicher Sprung gegenüber dem Umsatz der vergangenen zwölf Monate von 77,5 Millionen Dollar. Kanadas geplantes U-Boot-Bauprogramm im Volumen von 100 Milliarden Dollar gilt als zusätzlicher Rückenwind, die Aktie wird von Analysten mit „Buy“ bewertet. Ein geplanter Wechsel von der TSX Venture an die reguläre Toronto Stock Exchange dürfte zudem neue institutionelle Nachfrage erschließen.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Titel verdeutlichen derzeit drei unterschiedliche Muster:

  • Ausführungsrisiko bei etablierten Konzernen: Rheinmetalls Rekordauftragsbestand wird durch Zweifel an der Liefertreue teilweise überschattet – selbst Europas größter Rüstungskonzern ist vor Sentiment-Schocks nicht gefeit.
  • Übernahmespekulation als eigenständiger Kurstreiber: Renks Kurssprung nach der JPMorgan-Einschätzung zeigt, wie empfindlich Mid-Cap-Rüstungswerte auf M&A-Narrative reagieren – auch ganz ohne konkretes Angebot.
  • Sektorübergreifende Korrelation bei kleineren Werten: OHBs Kursentwicklung hängt derzeit stärker an der Stimmung rund um das börsennotierte SpaceX als an den eigenen Rekordaufträgen, während DroneShield und Kraken Robotics jeweils vor der Aufgabe stehen, Ankündigungen in belastbare Umsätze zu übersetzen.

Branchenweit bleiben die Auftragsbücher historisch prall gefüllt – von Landsystemen über Antriebstechnik bis zu Drohnenabwehr-Elektronik und Unterwasser-Autonomie hat die zugrunde liegende Nachfrage nicht nachgelassen. Verändert hat sich vielmehr die Bereitschaft der Anleger, kurzfristigen Störgeräuschen wie Lieferverzögerungen oder Volatilität in Nachbarsektoren keine Beachtung zu schenken.

Rüstungsaktien vor entscheidenden Wochen

Mehrere unternehmensspezifische Katalysatoren dürften die Richtung in den kommenden Wochen bestimmen. Bei Rheinmetall rückt die Klärung der Liefertermine für Skyranger und den Schweren Waffenträger Infanterie in den Fokus, ebenso weitere Signale aus Berlin zu den Beschaffungszeitplänen. Renk benötigt entweder eine konkrete Offerte oder handfeste operative Fortschritte, um die jüngsten Kursgewinne zu verteidigen – im Hintergrund läuft parallel die Integration der Übernahme von David Brown Defence.

OHBs kurzfristige Entwicklung bleibt eng an die Stabilisierung der Stimmung rund um SpaceX und den breiteren Raumfahrtsektor gekoppelt, auch wenn die eigene Auftragspipeline durch Iris2 intakt bleibt. DroneShield muss nun zeigen, dass sich der RfRecon-Start in echte Aufträge für die zweite Jahreshälfte verwandeln lässt. Kraken Robotics steht der erste kombinierte Quartalsbericht mit vollständigem Covelya-Beitrag bevor – ein Termin, der genau daraufhin geprüft werden dürfte, ob die vergrößerte Plattform ihren Rekord-Auftragseingang tatsächlich in nachhaltige Finanzergebnisse ummünzen kann.

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