RWE-Rekord, ABO-Krise: Erneuerbare-Aktien laufen auseinander
RWE hebt Prognose an und überzeugt mit starkem Halbjahr, während ABO Energy um Finanzierung ringt. Siemens Energy, Verbio und Vulcan zeigen gemischte Entwicklungen.

- RWE erhöht EBITDA-Prognose deutlich
- ABO Energy erhält Zahlungsaufschub bis November
- Siemens Energy vor Quartalszahlen am 5. August
- Vulcan Energy markiert neues 52-Wochen-Tief
Fünf grüne Aktien, fünf völlig unterschiedliche Wochen. Während RWE mit einer angehobenen Prognose glänzt, kämpft ABO Energy um das nackte Überleben. Dazwischen liegen Welten – und sie zeigen, wie unterschiedlich der Umbau der Energiewirtschaft an der Börse bewertet wird.
Siemens Energy: Erholung mit Fragezeichen
Siemens Energy hat sich von der Sommerkorrektur ein Stück weit erholt. Am Freitag schloss die Aktie bei 149,20 Euro, ein Plus von 2,33 Prozent gegenüber dem Vortag. Auf Sicht von 30 Tagen bleibt trotzdem ein Minus von 7,88 Prozent stehen – die kurzfristige Erholung reicht noch nicht, um den Rücksetzer der vergangenen Wochen auszugleichen.
Der Blick auf die längere Frist relativiert die Schwäche allerdings deutlich. Seit Jahresbeginn steht ein Kursgewinn von 23,92 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sind es sogar 46,71 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro, aufgestellt Ende April, trennen die Aktie aktuell aber noch fast 24 Prozent. Der RSI von 47,7 signalisiert eine neutrale Verfassung, weder überkauft noch überverkauft.
Am 5. August legt der Konzern Quartalszahlen vor – der nächste große Test für die Aktie. Zuletzt hatte ein Großauftrag aus Oman für positive Impulse gesorgt: Siemens Energy liefert Gas- und Dampfturbinen sowie Generatoren für zwei Kraftwerksprojekte mit einer Gesamtkapazität von rund 2,6 Gigawatt. Bei den Analysten überwiegt trotz einer Abstufung durch Barclays im Juli weiterhin die Zuversicht. Von neun Häusern raten acht zum Kauf, nur eines zum Verkauf. RBC hob sein Kursziel auf 210 Euro an, JPMorgan sieht sogar 225 Euro als fairen Wert, während Deutsche Bank bei 200 Euro liegt.
Vulcan Energy: Neues Jahrestief, keine Trendwende in Sicht
Bei Vulcan Energy geht die Talfahrt unvermindert weiter. Der Titel markierte am 30. Juli mit 1,50 Euro ein neues 52-Wochen-Tief und schloss am Freitag bei 1,55 Euro, ein Rückgang von 2,14 Prozent. Auf Wochensicht summiert sich das Minus auf 3,42 Prozent, über 30 Tage sind es knapp 19 Prozent.
Die Jahresbilanz liest sich noch dramatischer. Seit Jahresbeginn hat die Aktie fast 40 Prozent verloren, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum sind es rund 27 Prozent. Der RSI von 28,9 deutet auf eine überverkaufte Situation hin – theoretisch wäre Raum für eine technische Gegenbewegung. Fundamental bleibt der Lithium-Projektentwickler aus dem Oberrheingraben aber eine reine Zukunftswette. Ohne nennenswerte Umsätze hängt das Sentiment fast ausschließlich am Baufortschritt des Geothermie- und Lithiumprojekts, nicht an kurzfristigen Kennzahlen. Solange dieser Fortschritt sich nicht in konkreten Meilensteinen niederschlägt, dürfte der Abwärtstrend die Aktie weiter begleiten.
ABO Energy: Aufschub bis November, keine Entwarnung
Für ABO Energy tickt die Uhr neu. Ende Juli einigte sich das Unternehmen mit seinen Finanzierungspartnern auf eine Verlängerung des bestehenden Stillhalteabkommens bis zum 30. November 2026. Der Finanzberater Rothschild & Co arbeitet in dieser Zeit an einem tragfähigen Finanzierungskonzept, während Gläubiger auf die Durchsetzung fälliger Forderungen verzichten. Genau dieser Aufschub verschafft dem Unternehmen Luft – Sicherheit bedeutet er noch nicht.
Die Aktie selbst zeigte sich zuletzt stabilisiert. Am Freitag ging es um 1,70 Prozent nach oben, auf Wochensicht liegt sogar ein Plus von 6,21 Prozent an, während der 30-Tage-Vergleich mit minus 0,42 Prozent nahezu unverändert bleibt. Der erwartete Nettoverlust für das Geschäftsjahr 2025 von rund 170 Millionen Euro lastet dennoch weiter auf der Bewertung.
Immerhin gibt es operative Lichtblicke. Ein Tarifzuschlag für den Solarpark Birkholz in Brandenburg sowie eine erneute Teilnahme mit mehr als 150 Megawatt Windkraft-Projekten in der Mai-Ausschreibung zeigen, dass das operative Geschäft weiterläuft. Die Projektpipeline von rund 30 Gigawatt, mehr als ein Drittel davon in den besonders werthaltigen Märkten Deutschland und Frankreich, bleibt der eigentliche Vermögenswert des Unternehmens – vorausgesetzt, die Finanzierung gelingt rechtzeitig.
Verbio: Kursrutsch trotz Gewinnwende in Sicht
Verbio hat eine der schärfsten Bewegungen der Woche hinter sich. Am Freitag ging es um 2,18 Prozent auf 28,76 Euro nach unten, auf Wochensicht steht sogar ein Minus von 11,40 Prozent. Auslöser war unter anderem Schwäche beim finnischen Wettbewerber Neste, dessen Probleme auf die gesamte Biokraftstoff-Branche ausstrahlten und eine zuvor laufende Erholungsbewegung abrupt beendeten.
Die Jahresbilanz zeigt trotzdem, wie stark die vorherige Rally war. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 35,66 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sind es beeindruckende 152,50 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 46,98 Euro Ende März trennen die Aktie inzwischen aber fast 39 Prozent, der RSI von 38,9 signalisiert eine angeschlagene, aber nicht extreme Stimmungslage.
Analysten trauen dem Unternehmen weiterhin eine Gewinnwende zu. Die Konsensschätzungen sehen den Gewinn je Aktie über die kommenden Geschäftsjahre von 0,76 auf 1,89 und schließlich 2,23 Euro steigen, was das Kurs-Gewinn-Verhältnis von aktuell hohen Niveaus deutlich nach unten zieht. Die nächsten Zahlen sind für den 24. September terminiert und dürften zeigen, ob dieser Turnaround tatsächlich Substanz hat.
RWE: Prognoseanhebung treibt Kurs
RWE liefert derzeit die positivste Geschichte im Sektor. Nach einer Anhebung der Prognose für die Geschäftsjahre 2026 und 2027 kletterte die Aktie am Freitag um 1,13 Prozent auf 57,20 Euro. Der Versorger erwartet für 2026 nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,75 und 6,35 Milliarden Euro, für 2027 werden 6,7 bis 7,3 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Das erste Halbjahr lieferte den Beweis für die neue Zuversicht. Das bereinigte EBITDA legte um 44 Prozent zu, der bereinigte Nettogewinn stieg um 59 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro, was 1,77 Euro je Aktie entspricht. Besonders die Sparten Onshore-Wind, Solar sowie der Energiehandel lieferten starke operative Ergebnisse. Die Nettoverschuldung stieg zwar auf 15,0 Milliarden Euro, doch das ist dem hohen Investitionstempo beim Ausbau grüner Infrastruktur geschuldet und dürfte kaum überraschen.
DZ Bank bestätigte nach der Prognoseanhebung ihre Kaufempfehlung und hob das Kursziel auf 66,00 Euro an. Auf Jahressicht steht die Aktie nun 26,38 Prozent im Plus, auf Zwölfmonatssicht sogar 59,38 Prozent im Plus. Nur rund acht Prozent fehlen noch zum 52-Wochen-Hoch von 62,00 Euro, aufgestellt Ende April.
Sektordynamik: Drei Geschwindigkeiten
Die fünf Aktien zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich der Umbruch in der Energiewirtschaft an der Börse verarbeitet wird:
- Etablierte Größen mit Preissetzungsmacht: RWE und Siemens Energy profitieren von starker Auftragslage und verbesserten Fundamentaldaten, auch wenn die Bewertung von Siemens Energy unter Analysten umstritten bleibt.
- Existenzielle Restrukturierung: ABO Energy kauft sich mit dem verlängerten Stillhalteabkommen Zeit, aber keine Sicherheit – die Pipeline bleibt wertvoll, die Finanzierung ungewiss.
- Vorumsatz-Wachstumswette: Vulcan Energy bleibt von operativen Fortschritten am Lithiumprojekt abhängig, während der Kurs weiter erodiert und neue Tiefs markiert.
- Rohstoffgetriebene Volatilität: Verbio bleibt profitabel, ist aber eng an die Ölpreisentwicklung und das Schicksal von Neste gekoppelt, was zu heftigen Tagesausschlägen in beide Richtungen führt.
Ausblick: Diese Termine entscheiden
Die Quartalszahlen von Siemens Energy am 5. August und der ausführliche Halbjahresbericht von RWE am 13. August dürften die nächsten Kurstreiber für die Schwergewichte im Sektor sein. Beide müssen zeigen, ob die jüngsten Aufwärtsrevisionen tragfähig sind.
Bei ABO Energy richtet sich der Blick auf Rothschild & Co: Gelingt eine tragfähige Finanzierungslösung, bevor das Stillhalteabkommen Ende November ausläuft? Verbios nächster Bericht am 24. September wird zeigen, ob die von Analysten erwartete Gewinnwende tatsächlich eintritt oder ob die Öl- und Biokraftstoffmärkte weiter für Unsicherheit sorgen. Vulcan Energy dürfte dagegen vor allem am Baufortschritt des Lithiumprojekts gemessen werden, weniger an kurzfristigen Finanzkennzahlen – für die Aktie bleibt der Projektfortschritt der einzige realistische Hebel für eine Trendwende.
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