RWE sprengt Kohlemeiler, ABO Energy kämpft ums Überleben

RWE überzeugt mit Kraftwerksrückbau und Kurszielerhöhungen, während ABO Energy um seine Existenz kämpft. SolarEdge und JinkoSolar stehen vor Herausforderungen.

Die Kernpunkte:
  • RWE: Sprengung und Kurszielerhöhungen
  • ABO Energy: Existenzkrise und Standortverkauf
  • SolarEdge: Fortschritte trotz schwacher Prognose
  • JinkoSolar: Neue Speichertechnik gegen Preisdruck

Fünf Aktien aus dem Ökostrom-Lager, fünf völlig unterschiedliche Wochen. Während RWE mit einer symbolträchtigen Sprengung und einer Serie von Kurszielanhebungen glänzt, steckt ABO Energy tief in einer Existenzkrise. SolarEdge kämpft trotz operativer Fortschritte mit einer enttäuschenden Prognose, und JinkoSolar versucht sich mit neuer Speichertechnik aus dem Preiskrieg der Solarbranche zu befreien.

Siemens Energy: Analysten bleiben optimistisch, der Kurs schwankt

Bernstein Research hat die Einstufung für Siemens Energy bei „Outperform“ belassen und das Kursziel bei 210 Euro bestätigt. Grundlage war eine Umfrage unter 50 Führungskräften aus dem Bereich Rechenzentrums-Beschaffung. Das Fazit der Analysten: Die Nachfrage nach Ausrüstung für Rechenzentren dürfte kurzfristig kräftig weiterwachsen.

Der Optimismus kommt nach turbulenten Tagen. Im dritten Quartal beschleunigte Siemens Energy sein profitables Wachstum und erreichte Rekordwerte bei Auftragseingang, Umsatz und Profitabilität – getrieben vor allem von der Nachfrage aus den USA. Auch die Windsparte Siemens Gamesa lieferte erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 wieder ein positives Ergebnis und peilt für 2026 die Gewinnschwelle an.

Trotz dieser starken Zahlen zeigte sich die Aktie zwischenzeitlich nervös und rutschte an einem Handelstag um bis zu 3,7 Prozent ab, bevor sie sich wieder fing. Aktuell notiert das Papier bei 154,00 Euro, nach einem Plus von 1,5 Prozent im heutigen Handel. Auf Sicht von 30 Tagen steht ein Zuwachs von 1,7 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 28 Prozent verteuert. Zum 200-Tage-Durchschnitt von 149,68 Euro besteht weiterhin ein kleiner Abstand nach oben – ein Zeichen, dass der mittelfristige Aufwärtstrend intakt bleibt, auch wenn zum Rekordhoch von 195,38 Euro noch gut ein Fünftel fehlt.

ABO Energy: Wasserstoff-Standort verkauft, Existenzkampf geht weiter

Der Wiesbadener Projektentwickler treibt seine Portfoliobereinigung voran und trennt sich von einem weiteren Randgeschäft. Der Wasserstoff-Standort in Hünfeld-Michelsrombach, seit 2025 in Betrieb, ging an Tyczka Hydrogen. Die Anlage umfasst einen Elektrolyseur mit 5 Megawatt Leistung sowie eine Wasserstoff-Tankstelle mit Trailer-Betankung und kann nach Unternehmensangaben bis zu 450 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren, gespeist aus Wind- und Solarstrom.

Der Verkauf fällt in eine Phase massiver finanzieller Anspannung. Kaum ein anderer deutscher Ökostrom-Entwickler hat einen derart steilen Absturz erlebt: Nach klaren Gewinnwarnungen und verfehlten Jahreszielen musste ABO Energy seine Prognosen drastisch kappen, der Kurs brach von rund 12,15 Euro auf etwa 3,20 Euro ein. Ursache sind erhebliche Verzögerungen beim Netzanschluss mehrerer großer schottischer Windparkprojekte – ein Rechtsstreit gegen die Genehmigung einer Freileitung des Netzbetreibers Scottish Power Transmission verschiebt den ursprünglich für 2029 geplanten Netzanschluss auf 2031.

Die Folge: Geplante Erlöse aus Projektverkäufen im Geschäftsjahr 2026 lassen sich nicht mehr realisieren. Am Markt notierte die Aktie zuletzt bei 3,52 Euro, ein Plus von 6,3 Prozent im heutigen Handel, nachdem sie gestern noch bei 3,31 Euro geschlossen hatte. Auf Wochensicht steht dennoch ein deutliches Plus von 8,0 Prozent zu Buche – ein Hinweis darauf, wie nervös und volatil das Papier inzwischen gehandelt wird. Die Marktkapitalisierung ist auf einen Bruchteil des früheren Niveaus geschrumpft. Mit den Finanzierungspartnern wurde die bestehende Stillhaltevereinbarung bis zum 30. November 2026 verlängert, während Rothschild & Co im Auftrag der Gläubiger an einer tragfähigen Finanzierungslösung arbeitet.

SolarEdge: Turnaround-Story trifft auf schwachen Ausblick

CEO Shuki Nir bezeichnete die Ergebnisse des zweiten Quartals als „wichtigen Meilenstein“ auf dem Weg zur Trendwende. Der Umsatz legte um 20 Prozent im Jahresvergleich zu, der operative Verlust nach GAAP schrumpfte spürbar, und erstmals seit dem zweiten Quartal 2023 erzielte SolarEdge wieder ein operatives Ergebnis nach Non-GAAP-Kriterien. Kräftige Nachfrage im US-Gewerbegeschäft glich die anhaltende Schwäche im US-Wohnimmobiliensegment mehr als aus.

Die Marktreaktion fiel dennoch negativ aus. Der Umsatz stieg zwar um 19,6 Prozent auf 346,2 Millionen US-Dollar, doch die Umsatzprognose für das kommende Quartal von 325 Millionen US-Dollar verfehlte die Analystenschätzungen um 12,6 Prozent – obwohl der Non-GAAP-Gewinn je Aktie die Erwartungen deutlich übertraf. Die Aktie geriet daraufhin unter Druck und pendelte binnen zwölf Monaten zwischen 28,21 und 81,25 US-Dollar.

Mehrere Analysten senkten nach den Zahlen ihre Kursziele. Morgan Stanley reduzierte sein Ziel auf 35 von zuvor 40 US-Dollar bei unveränderter „Equal Weight“-Einstufung, Deutsche Bank kappte den Wert auf 33 von 39 Dollar und beließ es bei „Hold“. Deutlich kritischer positionierten sich Citi mit einer Senkung auf 25 von 27 Dollar bei „Sell“ sowie Goldman Sachs mit einem neuen Ziel von 30 Dollar bei ebenfalls „Sell“. Im Schnitt liegt das Analystenurteil bei „Hold“, das Zwölfmonatsziel bei 39,26 US-Dollar.

RWE: Kohlemeiler-Sprengung als Symbol, Kursziele klettern

RWE liefert derzeit eine der plakativsten Geschichten der Branche. Am heutigen Freitag sollen das Kesselhaus B sowie zwei Entstickungsanlagen des ehemaligen Kohlekraftwerks Voerde gesprengt werden – ein weiterer Schritt in einem mehrjährigen Rückbauprozess. Bereits vor drei Jahren war der 165 Meter hohe Kühlturm des Standorts mit rund 240 Kilogramm Sprengstoff gefallen, im Dezember folgte der gekürzte 180 Meter hohe Schornstein der Rauchgasentschwefelung. Auf dem freiwerdenden Gelände plant RWE ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk, das bis 2030 in Betrieb gehen soll.

Die Sprengung fällt mit einer Welle positiver Analystenkommentare zusammen. JPMorgan hob das Kursziel von 65 auf 68,50 Euro an, bestätigte die Einstufung „Overweight“ und beließ RWE auf der eigenen „Analyst Focus List“. Analyst Pavan Mahbubani sieht die positive Kursentwicklung noch nicht am Ende. Auch die Deutsche Bank erhöhte ihr Ziel, von 63 auf 65 Euro bei „Buy“-Rating, und verwies auf besonders positive Aussagen im jüngsten Earnings-Call. Bereits zuvor hatten Jefferies mit einem Kursziel von 68 Euro und RBC mit einer Anhebung auf 66 Euro ihre Kauf-Empfehlungen bekräftigt.

Als Wachstumstreiber gelten der US-Markt, Batteriespeicher, die Offshore-Wind-Pipeline in Großbritannien sowie die Nutzung ehemaliger Kraftwerksstandorte für Rechenzentren. Im Schnitt liegt das Kursziel von zehn Analysten bei 66,83 Euro – ein Aufwärtspotenzial von 16,75 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs von 57,84 Euro. Das Papier legte heute um 0,9 Prozent zu und notiert damit nur noch 6,7 Prozent unter seinem Rekordhoch von 62,00 Euro.

JinkoSolar: Speichertechnik als Ausweg aus dem Preiskrieg

Während die Modulpreise unter anhaltendem Druck stehen, setzt JinkoSolar verstärkt auf höherwertige Gewerbelösungen. Mit „Sunny 365“ bringt das Unternehmen ein Paket aus Solar- und Speichertechnik für Geschäftskunden auf den Markt, das Stromkosten senken, Lastspitzen managen und die Installation vereinfachen soll. Das erste Anwendungsmodell zielt auf Supermärkte und großflächige Einzelhandelsflächen.

Die Plattform kombiniert die Tiger-Neo-3.0-Module mit den flüssigkeitsgekühlten SunGiga-G2-Speichersystemen, gesteuert über ein KI-basiertes Lastmanagement und die Jinko-Cloud-Plattform. Ein Pilotprojekt läuft bereits in Thailand: An einer Filiale der Einzelhandelskette Robinson in Ban Chang wurde eine Dachanlage mit 3,16 Megawatt Leistung installiert, gekoppelt mit fünf Speicherschränken zu je 215 Kilowattstunden für Lastspitzenkappung.

Der strategische Schwenk ist auch eine Reaktion auf den globalen Margendruck im reinen Modulgeschäft, der durch weltweite Überkapazitäten ausgelöst wurde. Im ersten Quartal 2026 lieferte JinkoSolar 13,7 Gigawatt an Modulen aus, die Bruttomarge erholte sich auf 8,3 Prozent, und für das Gesamtjahr werden 75 bis 85 Gigawatt an Lieferungen sowie stabile bis steigende Margen in der zweiten Jahreshälfte in Aussicht gestellt. Am Markt zeigt sich die Aktie derweil schwach: Bei aktuell 13,88 Euro liegt das Papier 39 Prozent unter dem Stand zu Jahresbeginn und 30 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Acht Analysten bewerten die Aktie im Schnitt mit „Buy“ und sehen mittelfristig deutliches Aufholpotenzial, auch wenn UBS ihr Kursziel zuletzt auf 23 von 25 US-Dollar senkte und bei „Neutral“ blieb.

Sektordynamik im Vergleich

Die fünf Titel zeigen, wie unterschiedlich Kapital derzeit innerhalb der Ökostrom-Branche verteilt wird:

  • Großkonzerne mit Rückenwind: RWE und Siemens Energy profitieren von Rechenzentrums-Nachfrage, Netzinvestitionen und breit diversifizierten Erzeugungsportfolios aus Gas, Wind und Batteriespeichern.
  • Reine Solarwerte unter Druck: SolarEdge zeigt zwar operative Fortschritte, die schwache Umsatzprognose überschattet die Erholung.
  • Projektentwickler in der Krise: ABO Energy kämpft mit handfesten Projektverzögerungen und einer angespannten Finanzierungslage.
  • Differenzierung statt Preiskampf: JinkoSolar setzt auf Produktinnovation, um sich vom margenschwachen Massengeschäft mit Solarmodulen abzusetzen.
  • Bewertungsschere: Während RWE und Siemens Energy als liquide Standardwerte mit aktiver Analystenabdeckung gelten, ist ABO Energys Marktkapitalisierung auf einen Bruchteil geschrumpft.

Ökostrom-Branche zwischen Rekordlaune und Existenzangst

Für RWE dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen, ob die Serie der Kurszielanhebungen tatsächlich in nachhaltigem Kursmomentum mündet, während der Umbau des Voerde-Areals voranschreitet. Bei Siemens Energy entscheidet vor allem, wie robust die Rechenzentrums-Nachfrage nach Netz- und Turbinentechnik über das laufende Jahr hinaus bleibt. ABO Energys Schicksal hängt maßgeblich vom Ausgang der Verhandlungen mit den Finanzierungspartnern sowie einer möglichen Lösung des schottischen Netzstreits ab.

SolarEdge-Anleger werden beobachten, ob neue Plattformen und KI-Rechenzentrums-Chancen die anhaltende Schwäche im US-Wohnbaugeschäft ausgleichen können. Bei JinkoSolar wiederum entscheidet der Markterfolg von Angeboten wie Sunny 365 darüber, wie schnell sich die Margen trotz eines strukturell überversorgten Modulmarkts erholen lassen.

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