Salesforce Aktie: 34 Prozent in 30 Tagen, aber RSI bei 80,5
Salesforce steigert Umsatz, Cashflow und KI-Geschäft deutlich, doch ein Teil des EPS-Sprungs beruht auf unrealisierten Anthropic-Gewinnen.

- Umsatz wächst im zweiten Quartal
- Operativer Cashflow legt kräftig zu
- Agentforce erzielt dreistelliges Wachstum
- Anthropic beeinflusst den EPS-Sprung
Ein Quartalsbericht, der die Aktie an einem einzigen Tag um mehr als 20 Prozent nach oben katapultiert – das gab es bei Salesforce seit 2020 nicht mehr. Für mich ist die entscheidende Frage nach diesem Sprung nicht, ob die Zahlen gut waren. Sondern ob sie gut genug waren, um die Rallye zu rechtfertigen, die den Kurs binnen 30 Tagen um 34 Prozent nach oben trieb.
Die Zahlen hinter der Schlagzeile
Salesforce meldete für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von 11,34 Milliarden Dollar, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte Ergebnis pro Aktie kletterte auf 5,90 Dollar, mehr als eine Verdopplung.
Wer genauer hinschaut, erkennt allerdings, dass ein erheblicher Teil dieses Sprungs aus unrealisierten Investitionsgewinnen stammt – konkret aus dem Anteil an Anthropic. Rechnet man diesen Effekt heraus, bleibt ein bereinigtes EPS von rund 3,37 Dollar, ein Plus von etwa 16 Prozent. Das ist solide, aber es ist ein anderes Wachstumstempo als die Schlagzeilen suggerieren.
Operativ überzeugt mich das Unternehmen trotzdem. Der Cashflow aus dem operativen Geschäft stieg um 71 Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar, der freie Cashflow um 81 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar. Das Auftragsvolumen (cRPO) wuchs um 14 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar – ein Indikator, der weniger von Bilanzierungseffekten verzerrt ist als das EPS und der mir deshalb wichtiger erscheint als die Gewinnzahl selbst.
Agentforce liefert, aber die Basis ist noch klein
Der eigentliche strategische Trumpf ist das KI-Geschäft. Der Jahresumsatz aus Agentforce und Data 360 stieg um 210 Prozent auf 3,9 Milliarden Dollar, Agentforce allein liegt über 1,5 Milliarden Dollar. Das sind beeindruckende Wachstumsraten – aber sie starten von einer Basis, die im Vergleich zum Gesamtumsatz von gut 46 Milliarden Dollar (so die angehobene Jahresprognose) noch klein ist.
Salesforce erhöhte die Prognose für das Geschäftsjahr 2027 auf 46,1 bis 46,4 Milliarden Dollar Umsatz und 16,67 bis 16,71 Dollar EPS. Das signalisiert Zuversicht im Management, doch es bleibt eine Prognose, keine gemeldete Ist-Zahl.
Parallel dazu hat Salesforce mit Anthropic die Partnerschaft „Claudeforce“ verkündet: Ein Plugin bringt Claude als Standard-Modell in die Atlas-Reasoning-Engine, ergänzt um 37 vertriebsspezifische Skills.
Genau diese Beteiligung an Anthropic ist es, die über die Buchgewinne den EPS-Ausschlag mitverursacht hat. Die operative Substanz und der Bilanzeffekt aus der Beteiligung sind also eng miteinander verflochten – ein Umstand, den Anleger nicht ausblenden sollten, wenn sie die Ergebnisqualität beurteilen.
Eingebettet in eine breitere Software-Rallye
Salesforce steht mit seinem Kurssprung nicht allein. CrowdStrike legte nach eigenen Rekordzahlen um mehr als 20 Prozent zu, Workday um knapp 6 Prozent, ServiceNow erhielt von mehreren Häusern höhere Kursziele. Der Software-Index IGV zog laut Marktbeobachtung deutlich stärker an als der breitere Technologiemarkt.
Für mich spricht das dafür, dass ein Teil der Salesforce-Rallye ein branchenweiter Stimmungsumschwung ist – die lange gefürchtete „SaaS-Apokalypse“ scheint für den Moment abgesagt. Auch prominente Marktbeobachter wie Chamath Palihapitiya, der noch vor Monaten das RPO-Konzept als wertlos bezeichnet hatte, revidierten ihre skeptische Haltung gegenüber Softwarebewertungen.
Was die Marktdaten zur Vorsicht raten
Nüchtern betrachtet mahnen die technischen Indikatoren zur Zurückhaltung. Der RSI liegt bei 80,5 – ein Wert, der auf eine deutlich überkaufte Situation hindeutet. Der Kurs notiert 40 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt, ein außergewöhnlich weiter Abstand.
Gleichzeitig bleibt die Aktie mit minus 3,9 Prozent noch unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 229,90 Euro vom 21. Oktober 2025 – die Rallye hat also noch nicht einmal das alte Rekordniveau vollständig zurückerobert.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die operativen Argumente: wachsendes Auftragsvolumen, kräftiger Cashflow, ein KI-Geschäft mit dreistelligem Wachstum. Aber der spektakulärste Teil der Gewinnzahl ist ein Bilanzeffekt aus der Anthropic-Beteiligung, kein wiederkehrendes operatives Ergebnis.
Wer die Rallye der vergangenen Wochen fortschreibt, sollte sich bewusst sein, dass ein gutes Stück davon auf einer Story beruht, die sich so nicht jedes Quartal wiederholen lässt.
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