SAP klettert an die DAX-Spitze, während Chip-Aktien abstürzen

SAP legt zu, während Chipaktien verlieren. Rüstungs- und Gesundheitswerte zeigen Stabilität durch Aufträge, Produkte und regulatorische Fortschritte.

Die Kernpunkte:
  • SAP steigt um etwa 4,7 Prozent
  • Infineon und Siemens Energy verlieren
  • Boeing erhält 13,4 Milliarden Dollar
  • ESMC feiert Dresdner Fabrik-Richtfest

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

4,7 Prozent Plus für SAP, zweistellige Verluste für Aixtron – am selben Handelstag, in derselben Technologiebranche. Auslöser war die Warnung von Anthropic-Chef Dario Amodei, das Tempo der KI-Entwicklung könnte die Kapazitäten der Branche überfordern. Wer daraus eine pauschale Kapitalflucht aus Technologie ableitet, irrt. Was am Montag tatsächlich passierte, war eine Umschichtung: Geld verließ die Wetten auf künftige KI-Infrastruktur und floss in Unternehmen, die schon heute vertraglich gesicherte Umsätze vorweisen. Das ist die eigentliche Geschichte des Tages – und sie liefert eine Blaupause dafür, wie Anleger die kommenden Wochen der KI-Debatte durchstehen können.

SAP wird zum Kontrapunkt der Chip-Korrektur. Während Infineon rund 6,5 Prozent und Siemens Energy rund 7 Prozent verloren, kletterte SAP im Tagesverlauf um etwa 4,7 Prozent auf über 186 Euro – die stärkste Bewegung im DAX. Das ist kein Zufallsausschlag: Der Cloud-Auftragsbestand war im zweiten Quartal 2026 währungsbereinigt um 26 Prozent gewachsen, und der Konzern kauft unbeirrt eigene Aktien zurück – allein in der Woche bis zum 11. September wurden gut 1,8 Millionen Stück erworben, seit Programmstart kumuliert 8,25 Millionen. Der Markt zieht damit eine Trennlinie, die Anleger sich merken sollten: hier die Anbieter von KI-Infrastruktur, deren Bewertung von immer neuen Kapazitätswetten abhängt, dort die Softwarehäuser mit wiederkehrendem, vertraglich abgesichertem Umsatz. Dasselbe Muster zeigte sich in den USA, wo Intuit, Autodesk und Adobe zulegten, während Nvidia, Arm, AMD, Intel und Oracle nachgaben. Wer nach dieser Korrektur weiter KI-exponiert bleiben will, sollte genau prüfen, ob ein Titel von echten Vertragsabschlüssen lebt oder von der Hoffnung auf künftige Nachfrage.

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Verteidigungswerte liefern, während der Rest des Marktes zittert. Abseits der Chip-Debatte häufen sich handfeste Rüstungsaufträge, die von der KI-Diskussion unberührt bleiben. Die US Air Force stockte den KC-46-Vertrag mit Boeing um 13,4 Milliarden Dollar auf, inklusive Auslandsverkäufen. Leonardo DRS erhielt von der US-Marine einen Auftrag über 39,6 Millionen Dollar für JTT-X-Terminals im Kampfjet EA-18G Growler – die Aktie gilt nach dem GF-Value-Modell als rund 7 Prozent unterbewertet, notiert aber nahe ihrem 52-Wochen-Tief von 30,65 Euro, was sie für antizyklisch orientierte Anleger interessant macht. Die AeroVironment-Tochter BlueHalo sicherte sich einen Forschungsauftrag über fast 100 Millionen Dollar für orbitale Kriegsführung, die Aktie legte im Tagesverlauf um über 7 Prozent zu. Auch im kleinteiligeren Drohnensegment tut sich etwas: Ondas übernimmt die Firmen GATE und Bron für einen Basispreis von 205 Millionen Dollar plus bis zu 185 Millionen Dollar an Meilenstein-Zahlungen – allein GATE soll 2028 einen Umsatzbeitrag von 180 Millionen Dollar liefern. Der geopolitische Hintergrund bleibt angespannt: Polen meldete nach russischen Drohnenschlägen an der ukrainischen Grenze den Fund einer russischen Militärdrohne in der Ostsee, während die Ukraine ihrerseits neue Abfangsysteme gegen jet-getriebene Shahed-Drohnen entwickelt. Für Anleger bedeutet das: Verteidigungsbudgets folgen eigenen, langfristig gesicherten Zyklen – sie sind gegen Tagesnachrichten aus dem KI-Sektor weitgehend immun.

Healthcare zeigt sich robust, während Tech schwankt. Johnson & Johnson wird als möglicher Verkäufer der Orthopädiesparte DePuy Synthes gehandelt – ein Deal mit Apollo Global Management könnte das Geschäft, das 2025 einen Umsatz von 9,3 Milliarden Dollar erzielte, mit fast 20 Milliarden Dollar bewerten, alternativ steht eine eigenständige Börsennotierung im Raum. Die Aktie legte leicht zu und bleibt nahe ihrem erst vor zwei Wochen erreichten 52-Wochen-Hoch. Bei Novo Nordisk, das künftig nur noch unter der Marke „Novo“ auftritt, juristisch aber unverändert bleibt, rückt der 21. September als Termin für ein Strategie-Update in den Fokus – die oral verabreichte Wegovy-Version kam bis Juni 2026 auf über drei Millionen Verschreibungen. Onkologisch interessierte Anleger sollten sich den 14. November 2026 vormerken: An diesem Tag entscheidet die FDA über Summit Therapeutics‘ Präparat Ivonescimab, das bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs ein medianes Gesamtüberleben von 30,8 Monaten erreichte, gegenüber 22,6 Monaten unter Pembrolizumab. Amgen wiederum erhielt für sein Präparat Imdelltra eine regulatorische Erleichterung: Die vorgeschriebene Überwachungszeit für die ersten beiden Dosen sinkt von bislang 22 bis 24 Stunden auf nur noch 6 bis 8 Stunden – ein Schritt, der die ambulante Verabreichung deutlich vereinfacht.

Sachsen liefert die strukturelle Gegenerzählung zum Chip-Ausverkauf. Während Ausrüster wie Aixtron und Suss Microtec am Montag zweistellig verloren, wurde in Dresden das Richtfest für die neue ESMC-Fabrik gefeiert – ein Zehn-Milliarden-Euro-Projekt, zur Hälfte staatlich gefördert, mit 2.000 geplanten Arbeitsplätzen und Produktionsstart von 12-Nanometer-Chips im zweiten Halbjahr 2027. Das Netzwerk Silicon Saxony, dem über 3.600 Unternehmen angehören, strebt bis 2040 sogar 100.000 Beschäftigte an. Der Kontrast zur Kursentwicklung desselben Tages ist lehrreich: Industriepolitische Großprojekte laufen unabhängig vom Auf und Ab der Handelssäle weiter. Das spricht dafür, dass die aktuelle Verunsicherung eher die Bewertung als das strukturelle Wachstum der Halbleiterbranche trifft.

Der globale Kompass

Am Mittwoch entscheidet die Fed über die Zinsen, mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine weitere Anhebung – bis dahin dürfte die Debatte um das Tempo der KI-Entwicklung die Schlagzeilen bestimmen. Was der Montag aber schon zeigt: Die Reaktion der Märkte war differenzierter, als es der Ausverkauf bei Aixtron & Co. vermuten lässt. SAP, die Rüstungswerte und die Gesundheitstitel demonstrieren, dass Kapital drei Dinge honoriert, die mit KI-Euphorie wenig zu tun haben – vertraglich gesicherten Umsatz, staatlich verankerte Auftragsbücher und regulatorisch bestätigte klinische Erfolge. Wer diese drei Kategorien von reinen Kapazitätswetten unterscheidet, findet auch an einem roten Handelstag verlässliche Ankerpunkte.

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