Satellitendeal beflügelt OHB, Rheinmetall bleibt unter Druck

OHB erhielt einen SES-Großauftrag, während Rheinmetall, Renk und Hensoldt trotz voller Bücher Kursverluste verzeichneten; Kraken integrierte Covelya.

Die Kernpunkte:
  • OHB gewinnt SES-Auftrag über Satelliten
  • Rheinmetall plant Ausbau in Kassel
  • Renk will Panzergetriebeproduktion verdreifachen
  • Hensoldt verdoppelt Auftragseingang im Halbjahr

Volle Auftragsbücher, fallende Kurse: Diese Kombination prägt aktuell den europäischen Rüstungssektor. Während Rheinmetall, Renk und Hensoldt ihre Produktionskapazitäten in bisher ungekanntem Tempo ausbauen, straucheln ihre Aktien unter charttechnischem Druck. OHB SE liefert mit einem milliardenschweren Satellitenauftrag den positiven Ausreißer der Woche, und der kanadische Unterwassertechnik-Spezialist Kraken Robotics arbeitet derweil an der Verdauung seiner bislang größten Übernahme.

Rheinmetall: Ausbau in Kassel trifft auf charttechnische Schwäche

Rheinmetall und das Land Hessen haben eine Absichtserklärung für einen „Defence Hub Nordhessen“ unterzeichnet. Der Konzern will mehr als 260 Millionen Euro in den Standort Kassel sowie den Flughafen Kassel-Calden investieren, Hessen steuert rund 25 Millionen Euro bei.

Geplant sind neben dem Werksausbau ein zentrales Logistik- und Trainingszentrum sowie ein Testgelände für Drohnen. Die Belegschaft in Kassel soll von aktuell rund 2.200 auf über 3.000 Beschäftigte wachsen. Konzernchef Armin Papperger stellte in Aussicht, dass ein möglicher Großauftrag der Bundeswehr das Werk bis 2040 auslasten könnte.

Der Ausbauoptimismus passt bislang nicht recht zum Kursverlauf. Nach dem besten Quartal der Firmengeschichte war die Aktie Anfang August wegen einer gesenkten Jahresprognose und schwachem freien Cashflow eingebrochen. Der Abwärtstrend hat sich seither fortgesetzt: Am Donnerstag schloss Rheinmetall bei 1.072,40 Euro, ein Minus von 1,9 Prozent am Tag und 6,8 Prozent auf Wochensicht.

Auf Monatssicht steht ein Rückgang von 11 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es bereits 31 Prozent. Der Titel notiert damit rund 2 Prozent unter seinem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt und deutlich unter der 200-Tage-Linie. Ein RSI von gut 40 signalisiert weder überkaufte noch überverkaufte Bedingungen — die Aktie sucht erkennbar nach einem Boden.

Trotz der Kursschwäche bleibt die Analystenmeinung mehrheitlich konstruktiv. Elf Analysten sehen im Schnitt ein Kursziel von 1.700 Euro, was ein erhebliches Aufwärtspotenzial implizieren würde. Die strukturelle Wachstumsstory stützt sich auf Deutschlands Verteidigungsbudget von gut 108 Milliarden Euro für 2026 sowie das europäische Aufrüstungsprogramm ReArm Europe.

Renk Group: Verdreifachte Produktion, aber schwacher Kurs

Kaum ein Zulieferer der Branche baut derzeit so aggressiv Kapazität auf wie Renk. Der Getriebehersteller kündigte an, bis 2028 bis zu 325 Millionen Euro in Digitalisierung und Kapazität an den Standorten Augsburg und Rheine zu investieren. Ziel ist es, die Produktion von Panzergetrieben bis 2030 auf mehr als 2.000 Einheiten pro Jahr zu verdreifachen.

Während die Endmontage weiterhin in Augsburg stattfindet, soll der Anteil von Rheine an der militärischen Fertigung von aktuell rund 5 Prozent auf bis zu 30 Prozent steigen. Die Belegschaft am Standort dürfte dafür von gut 450 auf über 500 Mitarbeiter wachsen.

Der Kapazitätsausbau hat den Kurs bislang nicht beeindruckt. Renk schloss am Donnerstag bei 43,82 Euro, ein Rückgang von 1,9 Prozent zum Vortag und satten 8 Prozent auf Wochensicht. Der RSI von unter 33 deutet auf eine überverkaufte Aktie hin, die deutlich unter allen wichtigen gleitenden Durchschnitten notiert.

Die Bewertungsdiskussion unter Analysten bleibt kontrovers. Kursziele reichen von 53 Euro bei mwb Research bis 76 Euro bei Berenberg — die Spanne zeigt, wie unterschiedlich der Ausblick auf Margen und Auftragskonversion beurteilt wird. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis im hohen dreistelligen Bereich mancher Schätzungen gilt manchen Beobachtern für einen Industriezulieferer als sportlich.

OHB SE: Milliardenauftrag löst kurzes Kursfeuerwerk aus

Der Bremer Raumfahrtkonzern lieferte den größten Einzel-Newsflow der Woche im Sektor. OHB unterzeichnete mit dem Satellitenbetreiber SES einen Vertrag über knapp eine Milliarde Euro zum Bau von 18 Satellitenplattformen für das europäische IRIS²-Netzwerk. Es ist der erste Großauftrag des Unternehmens seit dem offiziellen Start der Umsetzungsphase des Programms Anfang August.

Die Nachricht sorgte für einen Kurssprung: Am Donnerstag legte die Aktie 4,6 Prozent zu und schloss bei 186,40 Euro, nachdem sie zuvor auf den tiefsten Stand seit Januar gefallen war. Auf Wochensicht bleibt dennoch ein Minus von 2,4 Prozent stehen, und der 30-Tage-Rückgang von 27 Prozent zeigt, wie volatil das Papier zuletzt gehandelt wurde.

Seit Jahresbeginn steht die Aktie trotz allem mit 59 Prozent im Plus, auf Sicht von zwölf Monaten sogar mit 174 Prozent — Ausdruck einer Neubewertung, die dem Titel zwischenzeitlich ein Rekordhoch von 688 Euro beschert hatte. Der neue Auftrag stärkt zudem die Sichtbarkeit auf künftige Umsätze: Der Auftragsbestand lag bereits Mitte des Jahres bei rund 3,3 Milliarden Euro.

Analysten bleiben trotz der hohen Bewertung überwiegend zuversichtlich. Die Kursziele reichen von 250 Euro bei Goldman Sachs, das dennoch neutral eingestellt bleibt, bis 360 Euro bei Rothschild. Bei einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 70 wird deutlich: Der Markt preist bereits kräftiges Wachstum der kommenden Jahre ein.

Hensoldt: Rekordauftragsbuch, aber Anleger bleiben skeptisch

Operativ liefert Hensoldt derzeit Zahlen, die in der Branche ihresgleichen suchen. Der Auftragseingang im ersten Halbjahr verdoppelte sich auf 2,81 Milliarden Euro, der Auftragsbestand überschritt erstmals die Marke von 10 Milliarden Euro. Der Umsatz kletterte um 23,6 Prozent auf 1,167 Milliarden Euro.

Zu den größten Aufträgen zählten Radarsysteme für den Eurofighter, die in der Ukraine eingesetzten TRML-4D-Luftverteidigungsradare sowie Optroniksysteme für den Schützenpanzer Puma und den Schakal. Das bereinigte EBITDA legte um 28,5 Prozent zu.

Der Kurs spiegelt diese Dynamik derzeit nicht wider. Nach dem Rekordhoch im Oktober vergangenen Jahres befindet sich die Aktie seit Ende Juli in einer Korrekturphase. Am Donnerstag schloss sie bei 81,88 Euro, praktisch auf Höhe ihres 50-Tage-Durchschnitts, aber 6 Prozent unter dem Niveau vor einer Woche.

Unter den 14 Analysten, die den Titel beobachten, überwiegen mit sieben Hold-Einstufungen die Zurückhaltenden, fünf raten zum Kauf, zwei zum Verkauf. Als Belastung gilt vor allem die verlorene Ausschreibung um das Fregattenprogramm F126, das an Konkurrent Saab ging — ein Dämpfer, der selbst den verdoppelten Auftragseingang überschattete.

Kraken Robotics: Übernahme verdoppelt die Wachstumsstory

Kein Name im Sektor hat sich dieses Jahr so radikal verändert wie Kraken Robotics. Der kanadische Unterwassertechnik-Spezialist schloss Anfang Juli die rund 615 Millionen Dollar schwere Übernahme der britischen Covelya Group ab, zu der Marken wie Sonardyne, EIVA, Forcys, Voyis und Chelsea Technologies gehören.

Der Deal ließ die Umsatzprognose für 2026 auf 290 bis 320 Millionen kanadische Dollar steigen — nahezu eine Verdopplung gegenüber der ursprünglichen Zielspanne. Das bereinigte EBITDA-Ziel wuchs entsprechend auf 65 bis 75 Millionen Dollar.

Finanziert wurde die Übernahme über eine Kombination aus Barmitteln, neu ausgegebenen Aktien und einer erweiterten Kreditlinie. Die kombinierte EBITDA-Marge dürfte dadurch vorerst auf 22 bis 23 Prozent sinken, gegenüber zuvor avisierten 24 bis 29 Prozent im Standalone-Geschäft — der Preis für schnelles anorganisches Wachstum.

Der Aktienkurs zeigt sich davon bislang unbeeindruckt bis skeptisch. Am Donnerstag legte der Titel um 1,2 Prozent auf 3,23 Euro zu, liegt damit aber immer noch 18 Prozent unter dem Niveau vor einem Monat und 52 Prozent unter dem Hoch vom März. Auf Zwölfmonatssicht steht dennoch ein Plus von 50 Prozent — ein Hinweis darauf, dass die langfristige Wachstumsstory intakt bleibt, auch wenn die Integration von Covelya kurzfristig für Nervosität sorgt. Erste Zahlen mit vollständigem Covelya-Beitrag werden für Ende November erwartet.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Titel offenbaren ein gemeinsames Muster: Wachstum wird derzeit nicht automatisch mit höheren Kursen belohnt.

  • Kapazität statt Nachfrage als Engpass: Rheinmetall, Renk und Hensoldt bauen alle massiv Produktionskapazitäten aus — die Nachfrage ist längst da, die Frage ist Umsetzungstempo.
  • Bewertungsdruck bremst Rallyes: OHBs Kurssprung nach dem SES-Auftrag zeigt, wie schnell hohe Bewertungen Gewinnmitnahmen auslösen können.
  • Charttechnische Warnsignale häufen sich: Rheinmetall, Renk und Hensoldt notieren allesamt unter wichtigen gleitenden Durchschnitten.
  • M&A statt organischem Wachstum: Kraken Robotics verfolgt mit der Covelya-Übernahme einen anderen Weg als die deutschen Wettbewerber und bringt ein höheres Integrationsrisiko mit.
  • Politischer Rückenwind bleibt intakt: Verteidigungsbudgets in Deutschland und Europa sowie das NATO-Ziel von 5 Prozent der Wirtschaftsleistung stützen die langfristige Nachfrageseite.

Wendepunkt oder nur Verschnaufpause?

In den kommenden Wochen dürfte weniger die Zahl neuer Aufträge zählen als die Frage, ob sich Auftragsbücher endlich in Margen übersetzen lassen. Bei Rheinmetall wird entscheidend sein, ob sich der freie Cashflow nach der Prognosesenkung stabilisiert. Renk muss zeigen, dass der Kapazitätsausbau in Rheine tatsächlich schneller Umsatz generiert, um die als hoch geltende Bewertung zu rechtfertigen.

OHB steht vor der Aufgabe, den wachsenden IRIS²-Auftragsbestand in höhere operative Margen zu verwandeln. Hensoldt muss beweisen, dass sich das Rekordauftragsbuch tatsächlich in die avisierte EBITDA-Marge von rund 18 bis 19 Prozent übersetzen lässt. Kraken Robotics steht seinem ersten echten Belastungstest bevor, wenn im November erstmals Zahlen mit vollständigem Covelya-Beitrag vorliegen. Bis dahin bleibt der Sektor ein Fall für Anleger, die zwischen Wachstumsstory und Kursrealität genau unterscheiden.

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