Schwellenländer zum Zwölffachen, Wall Street zum Einundzwanzigfachen — eine Lücke, die sich schließen will
Schwellenländer locken mit niedriger Bewertung, während US-Tech unter Druck gerät. Auch Baywa-Rettung und britische Gilt-Risiken prägen die Märkte.

- MSCI EM zum 12-Fachen bewertet
- Baywa-Rettung mit Gläubigerverzicht
- Exane stuft LEG unterperform ein
- EZB schließt Zinssenkungen aus
Liebe Leserinnen und Leser,
der MSCI Emerging Markets Index handelt mit dem 12-Fachen der erwarteten Gewinne. Der S&P 500 mit dem 21-Fachen. Diese Bewertungslücke ist keine Fußnote — sie ist die zentrale Anlageentscheidung für das zweite Halbjahr. Denn während die „Magnificent Seven“ laut CMC Aureon im Juli kollektiv über 2,3 Billionen Dollar Marktwert eingebüßt haben, legte der MSCI EM im ersten Halbjahr 24 Prozent zu, Südkoreas Kospi sogar 101 Prozent, Japans Nikkei 39 Prozent — gegenüber 9,55 Prozent beim S&P 500. Wer diese Verschiebung noch ignoriert, zahlt einen steigenden Preis dafür. Doch die Rotation weg von US-Tech ist nur eine von mehreren Weichenstellungen, die diesen Mittwoch bestimmen.
Emerging Markets: Die Bewertungslücke wird zum Argument
Die Zahlen sind nicht nur relativ beeindruckend, sie sind strukturell unterlegt. Schwellenländer stellen 85 Prozent der Weltbevölkerung und lieferten seit dem Jahr 2000 rund 52 Prozent des globalen BIP-Wachstums. Die Rohstoffnachfrage verstärkt den Trend: Die globale Kupfernachfrage soll sich bis 2035 verdoppeln, Europas Lithiumbedarf bis 2030 um das 18-Fache steigen. Lombard Odier bleibt bei Aktien global übergewichtet, bevorzugt aber explizit Emerging Markets — wegen attraktiverer Bewertung und stärkerer Gewinnaussichten. Auch China profitiere von einer breiteren Post-Konflikt-Erholung.
Die Konzentration auf wenige US-Tech-Giganten wird zum Risikofaktor, während sich die Kapitalströme längst in Richtung anderer Sektoren verschieben. Ein kostenloser Sonderreport von Börsenexperte Henrik Voigt zeigt, welche drei US-Aktien abseits von Big Tech von der Sektor-Rotation profitieren könnten – inklusive Name und WKN. Kostenlosen Sonderreport sichern
Zum Vergleich: Der MSCI EAFE, also die entwickelten Märkte außerhalb der USA, handelt beim 16-Fachen. Selbst dort ist der Abstand zu den Schwellenländern erheblich. Für deutsche Anleger, deren Depots in den vergangenen Jahren eine ausgeprägte US-Tech-Schlagseite entwickelt haben, stellt sich die Frage nicht mehr abstrakt: Die Bewertungslücke ist groß genug, um Kapital in Bewegung zu setzen.
Großbritannien: Burnham, Gilts und eine wachsende Finanzierungslücke
Andy Burnham, seit 2017 Bürgermeister von Greater Manchester, steht laut übereinstimmenden Berichten kurz davor, ohne nennenswerte Gegenkandidaten die Labour-Führung zu übernehmen — die Nominierungsfrist läuft Mitte Juli aus. Seine Rede Ende Juni im Manchester People’s History Museum skizzierte eine radikale Dezentralisierung mit Fokus auf Versorgungsunternehmen und Reindustrialisierung. Für Anleger ist relevant, was das konkret bedeutet: Burnham favorisiert nach CNBC-Berichten eine stärkere öffentliche Kontrolle über Energie- und Wasserversorger. Das trifft direkt die Gläubiger von Thames Water, die mit fast 20 Mrd. Pfund Schulden im März ein Rettungspaket vorgeschlagen hatten — 9,4 Mrd. Pfund Schuldenerlass, 3,35 Mrd. Pfund frisches Eigenkapital.
Die 10-jährige Gilt-Rendite stieg zuletzt um über 6 Basispunkte. Das britische Haushaltsdefizit lag im Mai bei 23,3 Mrd. Pfund. Dazu kommt eine ungedeckte Verteidigungslücke von 4,7 Mrd. Pfund, die das Institute for Fiscal Studies bis 2035 auf zusätzliche 25 Mrd. Pfund jährlich anwachsen sieht, um das Nato-Ziel von 3,5 Prozent des BIP zu erreichen — ein Ziel, das die USA beim Nato-Gipfel in Ankara am 7. und 8. Juli einfordern werden. Wer britische Versorgeraktien oder Gilts im Portfolio hält, muss diese politische Risikoprämie über den Sommer einkalkulieren.
Baywa: Insolvenz abgewendet, Preis bezahlt
Die Baywa AG hat sich mit Gläubigerbanken und Großaktionären auf ein Sanierungspaket geeinigt, berichtet die FAZ. Die Restrukturierung läuft nun bis Ende 2030 — zwei Jahre länger als ursprünglich geplant. Die Bedingungen: Großaktionäre geben ihre Anteile an einen Treuhänder ab. Banken verzichten auf 700 Mio. Euro nachrangig, weitere 900 Mio. Euro sind an den Verkauf der Ökostromtochter Baywa r.e. gekoppelt. Dieser Verkauf soll laut dpa-AFX in Kürze abgeschlossen werden — erwartet werden rund 900 Mio. Euro, ursprünglich waren 1,7 Mrd. Euro veranschlagt. Details zur neuen Eigentümerstruktur mit dem Schweizer Investor EIP folgen in wenigen Wochen.
Baywa konzentriert sich künftig auf Agrar, Technik und Baustoffe. Die Sparten Wärme und Mobilität müssen bis Ende 2029 verkauft werden. Für Anleiheinhaber heißt das: Die Insolvenz ist vom Tisch. Für Aktionäre heißt es: Der Konzern, der übrig bleibt, ist deutlich kleiner als der, in den sie einmal investiert haben.
Deutsche Immobilienaktien: Exane zieht eine scharfe Trennlinie
Nach starkem Lauf gaben Vonovia, TAG und LEG zuletzt nach. Der Auslöser ist keine schlechte Nachricht, sondern eine differenzierte Neubewertung: Analyst Gregory Simpson von Exane BNP Paribas nimmt die Sektor-Coverage wieder auf und sieht die Branche insgesamt niedrig bewertet — unterscheidet aber scharf. TAG Immobilien erhält ein Outperform-Rating mit Kursziel 15,50 Euro, Unibail-Rodamco ebenfalls Outperform mit Kursziel 113 Euro. LEG dagegen wird mit Underperform und einem Kursziel von 53 Euro eingestuft.
Rückenwind für die gesamte Assetklasse liefert der BVR: Er prognostiziert für 2026 einen Anstieg deutscher Immobilienpreise um 3 Prozent — positiv vor allem für Bestandshalter wie Vonovia. Der Sektor verlangt ab jetzt Einzeltitelauswahl. Die Streuung zwischen den Bewertungen ist zu groß geworden, um den Sektor pauschal zu spielen.
Zinsen: Pause oder Erhöhung — beides liegt auf dem Tisch
EZB-Ratsmitglied Martin Kocher formulierte es unmissverständlich: Der nächste geldpolitische Schritt der EZB werde entweder eine Zinspause oder eine Erhöhung sein. Höhere Löhne könnten den Inflationsdruck hochhalten — auch wenn die Eurozonen-Inflation im Juni überraschend deutlich von 3,2 auf 2,8 Prozent zurückging. Dass eine Senkung nicht mehr zur Debatte steht, ist die eigentliche Nachricht.
Auf der anderen Seite des Atlantiks preisen Polymarket-Händler eine Wahrscheinlichkeit von 79,5 Prozent ein, dass die Fed nach ihrer Juli-Sitzung die Zinsen unverändert lässt. Der schwächere ADP-Bericht — 98.000 neue Jobs im Juni statt erwarteter 118.000 — nährt Zweifel am US-Arbeitsmarkt, ohne die Fed zum Handeln zu zwingen. Fed-Chef Kevin Warsh und EZB-Präsidentin Lagarde treten beide auf der Sintra-Konferenz auf. Ihre Töne zu Löhnen und Inflation werden die Zinserwartungen für den Rest des Sommers justieren.
Was diese Woche entscheidet
Drei Termine verdienen Aufmerksamkeit: die Sintra-Auftritte von Warsh und Lagarde, der offizielle US-Arbeitsmarktbericht am Donnerstag und die Entwicklung rund um Burnhams Kandidatur bis zur Nominierungsfrist Mitte Juli. Die Bewertungslücke zwischen Schwellenländern und US-Tech ist messbar, die politische Risikoprämie in London wächst, und die EZB hat Zinssenkungen aus dem Vokabular gestrichen. Wer sein Depot ausschließlich auf US-Technologiewerte ausgerichtet hat, bekommt gerade von mehreren Seiten Gründe, das zu überdenken.
Herzlichst, Ihr
Felix Baarz
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