Shell Aktie: Handelsgewinn springt um 700 Prozent

Shell meldet Rekordgewinne im Raffinerie- und Handelsgeschäft, doch Analysten warnen vor fehlender Nachhaltigkeit. Die Bilanz verbessert sich deutlich.

Die Kernpunkte:
  • Raffinerieauslastung erreicht 102 Prozent
  • Handelsgewinne steigen um 700 Prozent
  • Analysten zweifeln an Nachhaltigkeit
  • Nettoverschuldung sinkt auf 41,8 Milliarden

Shells Raffinerien liefen so heiß wie nie zuvor. Die Handelssparte verdient siebenmal mehr als vor einem Jahr. Und doch warnen Analysten: Ein Großteil dieser Stärke könnte reines Kriegsgeschäft sein — nicht wiederholbar.

Die Aktie legte um 1,56 Prozent auf 39,17 Euro zu. Anleger reagierten damit auf Quartalszahlen, die auf den ersten Blick beeindrucken. Der zweite Blick zeigt Risse.

Raffinerien auf Rekordniveau

Shells Raffinerien erreichten eine Auslastung von 102 Prozent. Das ist der höchste Wert seit mindestens 2022. CEO Wael Sawan führt das auf die enge Verzahnung von Händlern und Anlagenbetreibern zurück.

Am Beispiel der Norco-Anlage in den USA beschrieb er, wie Trader und Ingenieure gemeinsam entscheiden, wie viel Rohöl in Kerosin, Diesel oder Benzin fließt. Genau diese Sparte — Ölhandel und Raffinerie zusammen — lieferte einen bereinigten Gewinn von 2,52 Milliarden Dollar. Das ist ein Plus von mehr als 700 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Auch die Margen zogen kräftig an. Der realisierte Preis für Rohöl-Flüssigkeiten im Upstream-Geschäft stieg von 72 auf 89 Dollar je Barrel. Die Raffineriemarge kletterte von 17 auf 24 Dollar, die Chemiemarge fast verdoppelte sich von 139 auf 270 Dollar je Tonne.

Analysten zweifeln an der Wiederholbarkeit

Nicht jeder Beobachter feiert die Zahlen. Morningstar-Analyst Allen Good nennt das starke Handelsquartal „das Gegenteil eines Burggrabens“. Seine Begründung: Der Gewinn beruht auf Volatilität durch Krieg, nicht auf einem dauerhaften strukturellen Vorteil.

Morningstar hält an seinem fairen Wert von 35,80 Pfund fest — und vergibt weiterhin kein „Moat“-Rating. Die Logik dahinter ist einfach: Ein Unternehmen kann Volatilität in einer Krise monetarisieren. Es kann aber nicht davon ausgehen, dass sich diese Marktbedingungen jedes Quartal wiederholen.

Die Produktionsseite liefert bereits Hinweise darauf, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Die Integrated-Gas-Produktion fiel von 909.000 auf 631.000 Barrel Öläquivalent pro Tag — ein Rückgang von 31 Prozent. Die LNG-Verkaufsmengen sanken von 19,2 auf 18 Millionen Tonnen, größtenteils wegen Störungen in der Pearl-Gas-to-Liquids-Anlage in Katar.

Shells eigener Ausblick für das dritte Quartal rechnet mit einer Integrated-Gas-Produktion von 570.000 bis 630.000 Barrel täglich — ohne Katar-Volumina. Das operative Problem wirkt also über ein Quartal hinaus.

LNG Canada als nächster Wachstumsschritt

Neben den Quartalszahlen nutzte Shell den Ergebnistermin, um die nächste Wachstumsphase anzukündigen. Eine finale Investitionsentscheidung für LNG Canada Phase 2 soll noch vor Ende 2026 fallen. Voraussetzung sind die Zustimmungen der Joint-Venture-Partner.

LNG Canada selbst liefert bereits Beweise für den Erfolg des ersten Bauabschnitts. Das Gemeinschaftsprojekt verschiffte vor gerade einmal einem Jahr seine erste Ladung. Inzwischen läuft die Anlage auf voller Kapazität und hat mehr als 100 Frachten versendet.

CFO Sinead Gorman betonte die Verlässlichkeit der Handelssparte während des volatilen Quartals. Ihr Team beschaffte „fast Rekordvolumina“ von Drittanbietern. Shell kaufte sogar eigene Frachten von Kunden zurück, die weniger von der Nahost-Krise betroffen waren, um sie an bedürftigere Abnehmer umzuleiten.

Diese Handels- und Optimierungssparte hat nach Unternehmensangaben seit einem Jahrzehnt in keinem einzigen Quartal Verluste geschrieben. Im aktuellen Quartal lag der Beitrag am oberen Ende der Zielspanne von 2 bis 4 Prozent Kapitalrendite.

Bilanz erholt sich deutlich

Die operative Stärke schlug direkt auf die Bilanz durch. Die Nettoverschuldung sank von 52,6 auf 41,8 Milliarden Dollar. Getragen wurde das von den Gewinnen und einem Kapitalzufluss aus dem Working Capital von 3,4 Milliarden Dollar. Der Verschuldungsgrad fiel auf 19 Prozent.

Shell hält am Investitionsbudget von 24 bis 26 Milliarden Dollar für 2026 fest. Das verschafft dem Management Spielraum — für Projekte, Schuldenabbau und Ausschüttungen zugleich. Seit 19 aufeinanderfolgenden Quartalen kündigt der Konzern nun mindestens 3 Milliarden Dollar an Aktienrückkäufen an.

Strukturelle Kosteneinsparungen von 700 Millionen Dollar in der ersten Jahreshälfte 2026 heben die kumulierten Reduktionen seit 2022 auf fast 6 Milliarden Dollar. Damit steuert Shell auf das obere Ende seines Ziels von 5 bis 7 Milliarden Dollar bis 2028 zu.

Volatilität als Geschäftsmodell

Das Management rahmt die aktuelle Lage nicht als Zufallstreffer, sondern als Bestätigung der eigenen Strategie. Sawan formulierte es so: Shell sei „der Name, an den man sich wenden sollte, wenn jemand an Volatilität im Energiesystem glaubt“. Die Downstream-Sparte biete gleichzeitig Schutz nach unten.

Der Kursverlauf stützt diese Erzählung zumindest kurzfristig. Seit dem Jahrestief von 29,56 Euro im Januar hat die Aktie um mehr als 32 Prozent zugelegt und notiert nun rund 8 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 36,29 Euro. Bis zum Jahreshoch von 41,32 Euro aus dem März fehlen ihr noch gut 5 Prozent.

Die Katar-bedingten Produktionslücken sollen bis ins dritte Quartal hineinreichen. Parallel dazu steht die Investitionsentscheidung zu LNG Canada Phase 2 noch aus. Ob Raffinerie- und Handelsgeschäft ihr Tempo halten können, sobald sich die aktuelle Welle nahost-getriebener Volatilität legt, bleibt die zentrale Unbekannte für die kommenden Quartale.

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