Shell Aktie: Klimaklage aus Brasilien?
Brasiliens Staatsanwaltschaft verlangt Schadenersatz von Shell; zugleich belasten Plattformstillstände und offene Raízen-Verhandlungen den Konzern.

- Brasilien verlangt 540 Millionen Real Schadenersatz
- Förderung auf vier Plattformen vorerst gestoppt
- Shell verhandelt über Raízen-Kapitalzufuhr
- Aktie liegt nahe dem 52-Wochen-Hoch
Eine juristische Premiere setzt den britischen Energiekonzern Shell unter Druck. Die brasilianische Staatsanwaltschaft fordert von Shell Brasil Schadenersatz in Höhe von insgesamt 540 Millionen Real, was rund 96 Millionen Euro entspricht. Die Klage steht im Zusammenhang mit den verheerenden Überschwemmungen im Bundesstaat Rio Grande do Sul aus dem Frühjahr 2024.
Die geforderte Summe teilt sich zu gleichen Teilen auf: Jeweils 270 Millionen Real werden für materielle Zerstörungen sowie für immaterielle und ökologische Schäden verlangt.
Als Begründung führt die Klageschrift an, dass rechnerisch zwei Prozent der historischen weltweiten Treibhausgasemissionen auf Shell entfallen. Die Flutkatastrophe forderte fast 200 Menschenleben und vertrieb rund 500.000 Einwohner aus ihren Häusern.
Neben den Strafverfolgungsbehörden schloss sich auch das Instituto Preservar dem Verfahren an. Nach Einschätzung der Klimarechtsexpertin Maria Antonia Tigre markiert der Schritt das erste Mal, dass eine nationale Staatsanwaltschaft Schadenersatz wegen Klimafolgen von einem großen Ölkonzern einfordert.
Produktionsstopps im Golf von Mexiko
Parallel zu den juristischen Streitigkeiten belasten wetterbedingte Ausfälle das laufende Offshore-Geschäft. Wegen des herannahenden Hurrikans Isaias evakuierte der Konzern das Personal von fünf Förderplattformen im Golf von Mexiko: Appomattox, Mars, Olympus, Ursa und Vito.
Auf den Plattformen Mars, Olympus, Ursa und Vito ruht die Förderung vorerst vollständig. Die Wetterkapriolen treffen ein ohnehin angespanntes Marktumfeld, da die Stürme im Golf rund 1,5 Millionen Barrel der dortigen täglichen Ölproduktion vorübergehend lahmlegten.
Gleichzeitig verhandelt der Konzern über finanzielle Weichenstellungen in Südamerika. Nach Medienberichten steht Shell im Raum, bis zu 3,5 Milliarden Real – umgerechnet rund 666 Millionen US-Dollar – in die Rekapitalisierung des finanziell angeschlagenen brasilianischen Gemeinschaftsunternehmens Raízen einzubringen. Ein fester Beschluss existiert bislang allerdings nicht. Shell hält an dem Joint Venture ebenso wie Partner Cosan einen Anteil von 44 Prozent.
Starke Margen stützen das Gesamtjahr
Trotz der aktuellen Belastungsfaktoren notiert das Papier des Energieriesen auf hohem Niveau. Am Freitag ging die Shell-Aktie bei 44,79 Euro aus dem Handel. Damit liegt der Titel mit einem Abschlag von lediglich 0,8 Prozent nur knapp unter dem erst kürzlich markierten 52-Wochen-Hoch von 45,15 Euro. Seit dem Jahreswechsel legte der Kurs um 43 Prozent zu.
Rückenwind liefern vor allem die globalen Verwerfungen an den Produktmärkten, die sich im kürzlich vorgelegten Handelsupdate für das dritte Quartal niederschlugen. Zudem hatte der Konzern vor gut einer Woche ein Aktienrückkaufprogramm gemeldet; seither gewann die Aktie 5,0 Prozent an Wert.
Ausführlichere Einblicke in die finanzielle Verfassung und die Auswirkungen der Sonderbelastungen erhalten Anleger am 29. Oktober, wenn Shell die vollständigen Quartalszahlen präsentiert.
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