Siemens Energy Aktie: 162 Milliarden Euro Aufträge schaffen Sicherheit und neuen Beweisdruck
Dieter Jaworski sieht Kundenbindung als Stärke, hält die Bewertung aber für anspruchsvoll und verweist auf die noch ausstehende Profitabilität der Aufträge.

- Auftragsbestand zum Juni: 162 Milliarden Euro
- Wartung stärkt die Kundenbindung
- Gamesa meldete erstmals seit 2022 Quartalsgewinn
- Analyst Jaworski nennt rund 159 Euro
Zum 30. Juni 2026 standen bei Siemens Energy Aufträge über 162 Milliarden Euro in den Büchern. Wie viel Schutz bietet dieses Geschäft, wenn neue Projekte ausbleiben? Felix Baarz spricht mit Dieter Jaworski über Wartung, Preismacht und die Erträge, die aus den Aufträgen erst noch entstehen müssen.

Siemens Energy (DE000ENER6Y0) — Schlusskurse 31.03.2026 bis 25.09.2026, Angaben in EUR. Stand: 25.09.2026.
Felix Baarz: Der Analysten-Konsens traut Siemens Energy viel zu. Warum sind Sie zurückhaltender, obwohl Kraftwerksbetreiber über Jahre auf den Hersteller ihrer Turbinen angewiesen bleiben?
Dieter Jaworski: Diese Bindung ist der beste Teil des Geschäfts. Eine laufende Turbine braucht Wartung und passende Ersatzteile, auch wenn der Betreiber keine neue bestellt. Weltweit können nur wenige Hersteller große Gasturbinen liefern; bei Netztechnik erschweren Zulassungen den schnellen Wechsel zu einem anderen Anbieter. Das schützt Erträge in einer Flaute.
Die Preismacht bleibt moderat, und bei Siemens Gamesa ist der Schutz deutlich schwächer. Für den Preis zählt deshalb, ob die Kapitalrendite – der Ertrag auf das eingesetzte Kapital – auch über einen schwachen Zyklus trägt.
Felix Baarz: Sie nennen die Preismacht „moderat“. Das Konsortium mit Aecon hat gerade den Ersatz der Turbinengeneratoren im kanadischen Pickering übernommen. Unterschätzen Sie die Bindung bestehender Kunden?
Dieter Jaworski: Pickering spricht für die Bindung. Wer eine bestehende Anlage erneuert, sucht einen Anbieter, der ihre Technik beherrscht und das Projekt zuverlässig ausführt. Nur verrät der Auftrag allein noch nicht, was daran verdient wird. Bei den zum 30. Juni 2026 ausgewiesenen 162 Milliarden Euro Auftragsbestand müssen die Aufträge bei Ausführung ordentliche Margen bringen. Dort liegt mein Vorbehalt.
Felix Baarz: „Bei Ausführung ordentliche Margen bringen“ – wie passt das zu Ihrer Rechnung, wenn Siemens Gamesa bei ausbleibenden europäischen Offshore-Aufträgen wieder unter Druck gerät?
Dieter Jaworski: Ein voller Konzern-Auftragsbestand hält nicht jede Windfabrik beschäftigt. Gamesa erzielte im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erstmals seit 2022 wieder einen operativen Gewinn; ein Quartal macht daraus noch kein dauerhaft gutes Geschäft.
Meine Rechnung kippt, wenn Gas- und Netzaufträge trotz starker Nachfrage nur schwache Margen abwerfen und Gamesa wegen stockender Offshore-Projekte erneut anhaltend Verluste schreibt. Auf diese Kombination würde ich schauen.
Felix Baarz: Wenn neue Kraftwerksprojekte ausbleiben, schrumpft dann nicht auch Siemens Energys Macht über die Kunden?
Dieter Jaworski: Gerade dann werden bestehende Anlagen wichtiger. Betreiber brauchen weiter Ersatzteile und Wartung. Wartung schützt das Geschäft und füllt keine leeren Fabriken.
Felix Baarz: Die geplante Abspaltung von Transformation of Industry soll einen Bewertungsabschlag verringern. Ist Ihr Zweifel am Preis nicht schlicht zu vorsichtig?
Dieter Jaworski: Eine Abspaltung kann sichtbarer machen, was Gas- und Netztechnik verdienen. Sie verbessert aber nicht von selbst die Erträge auf das Kapital, das im Geschäft steckt. Mein faires Zwölfmonatsniveau liegt bei rund 159 Euro: Das lässt Spielraum, aber keine große Sicherheitsmarge. Entscheidend ist für mich die Ausführung der Aufträge, nicht die neue Ordnung auf dem Papier.
Felix Baarz: Die 162 Milliarden Euro Auftragsbestand waren Ihr Prüfstein. Trägt die Qualität dieses Geschäfts Ihre Bewertung, oder steckt bereits zu viel Erwartung im Preis?
Dieter Jaworski: Die Qualität von Gas- und Netztechnik ist erheblich; besonders die Bindung bestehender Kunden dürfte auch eine Nachfrageschwäche überstehen. Ich sehe deshalb noch Wert im Geschäft, bin beim Preis aber zurückhaltend. Ein guter Teil künftiger Erträge ist bereits vorweggenommen. Jetzt müssen die Aufträge zeigen, dass aus Auslastung dauerhaft gute Kapitalrenditen werden.
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