Siemens Energy Aktie: 20 Dampfturbinen für Rechenzentren

Siemens Energy meldet Rekordaufträge und starkes Wachstum, plant aber die Umbenennung in Omterra. Die geplante Abspaltung der Industriesparte steht zur Disposition.

Die Kernpunkte:
  • Rekordaufträge von 17,9 Milliarden Euro
  • Umsatz steigt um 18,5 Prozent
  • Gamesa erstmals wieder profitabel
  • Abspaltung der Industriesparte wird überdacht

Wenn ein Konzern sich umbenennt, will er meist eines: eine Geschichte loswerden. Siemens Energy tut das gerade in großem Stil. Seit Mitte Juli steht fest, dass Siemens Energy und Siemens Gamesa Renewable Energy unter der gemeinsamen Marke Omterra zusammengeführt werden sollen, der Rebranding-Prozess soll im späteren Jahresverlauf starten.

Ein neuer Name für ein Unternehmen, das operativ gerade so stark dasteht wie lange nicht – und das ausgerechnet jetzt vor einer strukturellen Weichenstellung steht, deren Ausgang offen ist.

Die Zahlen, die den neuen Markennamen unterfüttern sollen, sind tatsächlich beeindruckend. Im dritten Quartal meldete Siemens Energy Rekordaufträge von 17,9 Milliarden Euro, der Umsatz kletterte um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro.

Der Auftragsbestand türmt sich mittlerweile auf 162 Milliarden Euro – eine Zahl, die zeigt, wie sehr der Konzern vom weltweiten Investitionsschub in Energieinfrastruktur profitiert.

Der Quartalsgewinn stieg um 70 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro, die bereinigte EBITA-Marge lag bei 14,2 Prozent. Auch die einstige Problemsparte Siemens Gamesa vermeldete erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 ein positives Ergebnis und bleibt nach eigener Aussage auf Kurs zum Break-even 2026.

Wachstum trifft auf strukturelle Fragezeichen

Genau hier liegt die Ironie der Geschichte: Während das operative Geschäft brummt, sorgt sich der Aufsichtsrat um die künftige Struktur des Konzerns. Vor gut einer Woche kam das Gremium zusammen, um Alternativen zur geplanten Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ zu prüfen – ein Geschäft mit 5,7 Milliarden Euro Umsatz und 17.000 Beschäftigten.

Der Vorstand soll nun Szenarien ausarbeiten, in denen die Sparte doch im Konzern verbleibt. Ein abschließender Beschluss wird dabei nicht erwartet. Seither hat die Aktie rund 4,8 Prozent verloren – ein Fingerzeig darauf, wie nervös der Markt auf strukturelle Unsicherheit reagiert, selbst wenn die operativen Fundamentaldaten stimmen.

Dass Konzerne mitten im Wachstum ihre Struktur infrage stellen, ist kein Zufall, sondern Symptom eines größeren Trends: Die Energiewende zwingt traditionelle Industriekonglomerate dazu, sich neu zu sortieren, um Kapitalmärkte von der Werthaltigkeit einzelner Sparten zu überzeugen.

Siemens Energy jongliert dabei mit zwei Erzählungen gleichzeitig – der einer fokussierten Energiefirma unter neuem Namen und der eines Konzerns, der vielleicht doch nicht alles abspalten will, was er einst abspalten wollte.

Auftragsflut trifft auf Rechenzentren-Boom

Ein Beleg dafür, wo das Wachstum tatsächlich herkommt, lieferte Mitte August eine Vereinbarung mit Babcock & Wilcox: Das Unternehmen liefert 20 Dampfturbinen-Generatorsätze mit einer Gesamtkapazität von einem Gigawatt für Rechenzentren-Projekte.

Der Boom der Künstlichen Intelligenz frisst Strom, und Siemens Energy positioniert sich als einer der Zulieferer dieser Infrastruktur. Für den Konzern ist das ein zusätzlicher Wachstumstreiber neben dem klassischen Netzausbau-Geschäft.

An der Börse zeigt sich diese Gemengelage in einem durchwachsenen Bild. Die Aktie schloss am Freitag bei 153,00 Euro, nur 1,8 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt, aber gut 22 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro aus dem April.

Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 27 Prozent zu Buche – ein Beleg dafür, dass die grundsätzliche Wachstumsstory intakt bleibt, auch wenn die vergangenen Wochen von Konsolidierung geprägt waren.

Am 20. August senkte RBC Capital Markets sein Kursziel von 210 auf 200 Euro, beließ das Rating aber bei „Outperform“. Analyst Mark Fielding bezeichnete das jüngste Quartal als stärkstes im Kapitalgütersektor seit drei Jahren – eine Einschätzung, die zur operativen Stärke passt, aber die strukturelle Unsicherheit um die Konzernaufstellung nicht auflöst.

Am Ende bleibt die Frage, die sich durch die gesamte Geschichte zieht: Kann ein Unternehmen gleichzeitig seinen Namen neu erfinden und seine Struktur infrage stellen, ohne die eigene Erzählung zu verwässern? Die Antwort dürfte sich erst zeigen, wenn der Vorstand seine Szenarien zur Sparte „Transformation of Industry“ konkretisiert – und wenn aus Siemens Energy tatsächlich Omterra wird.

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