Siemens Energy erholt sich, Goldman hebt RWE-Ziel an — Cleantech zwischen Korrektur und Auftragsrekorden

Siemens Energy, Nordex und Co. verzeichnen Auftragsrekorde, während die Aktienkurse unter Druck bleiben. Analysten sehen Aufholpotenzial.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy erholt sich nach Korrektur
  • Vulcan Energy sichert Milliardenfinanzierung
  • Nordex meldet neue Großaufträge
  • RWE profitiert von Analystenoptimismus

Volle Auftragsbücher, frische Milliarden-Finanzierungen, neue Windparks am Netz — und trotzdem rote Vorzeichen in den Depots. Der Widerspruch zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung prägt den Erneuerbare-Energien-Sektor im Juni wie selten zuvor. Fünf Aktien, die genau diesen Konflikt sichtbar machen.

Siemens Energy: Gegenbewegung nach harter Korrektur

Nach einem schmerzhaften Mittwoch als DAX-Schlusslicht setzte die Siemens-Energy-Aktie heute eine deutliche Gegenbewegung. Der Kurs kletterte um knapp 5,7 % auf 145,80 Euro — ein Lebenszeichen nach einer Korrektur von rund 25 % seit dem April-Allzeithoch bei knapp 196 Euro.

Die operative Lage rechtfertigt das Ausmaß des Rückgangs kaum. Im zweiten Geschäftsquartal FY2026 verbuchte der Konzern Rekordaufträge über 17,7 Milliarden Euro, ein Plus von fast 30 % gegenüber dem Vorjahr. Allein aus dem Rechenzentrumssegment kamen Bestellungen über fünf Gigawatt. Die Jahresprognose wurde nach oben geschraubt: 14 bis 16 % Umsatzwachstum, Profitmarge von 10 bis 12 %, Nettoergebnis von rund vier Milliarden Euro.

Hinter den Kulissen brodelt allerdings ein Machtkampf. Der aktivistische Hedgefonds Ananym Capital drängt auf eine Abspaltung der verlustreichen Windturbinen-Tochter Gamesa. CEO Christian Bruch lehnt das ab und setzt auf den operativen Turnaround. Parallel treibt er das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm voran: Rund 11,6 Millionen Aktien wurden seit März zurückgekauft, die erste Tranche des insgesamt sechs Milliarden Euro schweren Programms ist weitgehend abgeschlossen.

Das durchschnittliche Analystenkursziel von rund 195 Euro signalisiert erhebliches Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau. 19 von 21 Analysten empfehlen den Kauf. Die Bewertung mit einem KGV von knapp 59 bleibt ambitioniert — die Frage ist, ob der Markt den Gamesa-Turnaround und das Cashflow-Wachstum schnell genug einpreist.

Vulcan Energy: Milliarden gesichert, Kurs am Boden

Ein Paradebeispiel für das Phänomen „Sell the News“: Vulcan Energy hat den Financial Close für das 2,2-Milliarden-Euro-Projekt Lionheart im Oberrheintal erreicht — eine der größten grünen Infrastrukturfinanzierungen Europas. Der Kurs reagierte mit Achselzucken. Bei 2,01 Euro notiert die Aktie fast 50 % unter ihrem Jahreshoch.

Die Finanzierungsstruktur ist beachtlich. Rund 1,2 Milliarden Euro Seniorschulden, 529 Millionen Euro Eigenkapital, dazu eine Beteiligung der Europäischen Investitionsbank über 250 Millionen Euro. Baukonzern Hochtief erwarb für 130 Millionen Euro eine 15-%-Beteiligung und injizierte weitere 39 Millionen direkt ins Projektvehikel. Lionheart soll jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid produzieren — genug für rund 500.000 EV-Batterien.

Zusätzlichen Druck erzeugten Insideraktivitäten Anfang Juni. Das Management wandelte leistungsgebundene Vergütung in etwas mehr als 750.000 neue Aktien um. Eine moderate Verwässerung — aber in einem nervösen Markt genug, um Verkäufe auszulösen.

Die Analysten bleiben unbeirrt konstruktiv. Drei Kaufempfehlungen, keine Verkaufsempfehlung, durchschnittliches Kursziel bei rund 7,90 Australischen Dollar — mehr als das Dreifache des aktuellen Niveaus. Abnahmeverträge mit Stellantis, LG Energy Solution, Glencore und Umicore decken bereits rund 72 % der geplanten Produktion ab. Der nächste entscheidende Katalysator: die Ergebnisse des LSC-2-Produktionsbohrlochtests, erwartet noch in diesem Quartal.

Nordex: Aufträge im Stakkato, Analysten uneins

Der Hamburger Windturbinenbauer sammelt Aufträge ein wie am Fließband. Am Dienstag meldete Nordex einen neuen 100-MW-Vertrag in Osteuropa: 17 Windturbinen des Typs N163/5.X inklusive mehrjährigem Servicevertrag, Inbetriebnahme geplant für 2028. Tags zuvor waren bereits 155 MW in Südeuropa und der Türkei hinzugekommen — insgesamt 34 Turbinen.

Die Aktie honoriert das nur bedingt. Bei 39,08 Euro liegt sie heute zwar 3,8 % im Plus, hat aber seit dem Allzeithoch Ende April bei 51,10 Euro rund 23 % eingebüßt. Der Monatsverlust beträgt knapp 16 %.

Im ersten Quartal 2026 überraschte Nordex positiv: Der Gewinn je Aktie lag mit 0,23 Euro gut 26 % über den Schätzungen. Die EBITDA-Marge erreichte 9,3 %. Jefferies hob das Kursziel daraufhin auf 57 Euro an, Berenberg folgte mit dem gleichen Ziel.

Nicht alle teilen den Optimismus. RBC senkte Anfang Juni das Kursziel auf 35 Euro und stuft die Aktie weiterhin als „Underperform“ ein. Der Durchschnittskonsens liegt bei 45,70 Euro — das zeigt, wie weit die Einschätzungen auseinanderliegen.

Energiekontor: Windpark Holtumer Moor liefert ersten Strom

Ohne großes Aufsehen hat Energiekontor einen weiteren Meilenstein erreicht. Der Windpark Holtumer Moor mit einer Vestas-V162-Turbine und rund 7,2 Megawatt Nennleistung ist in Betrieb gegangen und wurde in den Eigenbestand überführt. Damit wächst das hauseigene Portfolio auf rund 455 Megawatt.

Die Strategie ist klar: weniger Abhängigkeit von einmaligen Projektverkäufen, mehr wiederkehrende Erzeugungserträge. In den kommenden Jahren soll der Eigenbestand auf über 680 Megawatt anwachsen. Bereits in der Pipeline: zwei Solarparks in Mecklenburg-Vorpommern mit zusammen 113 Megawatt, für die langfristige Stromabnahmeverträge mit Salzgitter Flachstahl bestehen.

Die Jahreszahlen 2025 unterstreichen den Wachstumskurs:

  • Umsatz: 173,5 Millionen Euro (+37 % gegenüber 2024)
  • Nettoergebnis: 41 Millionen Euro (+82 %)
  • Gewinn je Aktie: 2,94 Euro (Vorjahr: 1,62 Euro)

Bei 40,85 Euro notiert die Aktie heute 3,2 % fester, liegt aber weiterhin rund 22 % unter dem Jahreshoch. DZ Bank und Warburg Research bestätigten im Mai ihre Kaufempfehlungen. Zusätzlich erhielt Energiekontor kürzlich eine Baugenehmigung für einen 26-Megawatt-Windpark in Brandenburg — ein Signal, dass die Projektpipeline nachgefüllt wird.

RWE: Goldman Sachs sieht weiteres Aufwärtspotenzial

Der Essener Energieriese sticht in diesem Umfeld als relativer Stabilitätsanker hervor. Mit einem Wochenplus von knapp 3 % und einem Kurs von 57,44 Euro trotzt RWE dem Sektortrend. Seit Jahresanfang hat die Aktie gut 22 % zugelegt.

Frischer Rückenwind kommt von Goldman Sachs. Analyst Alberto Gandolfi hob das Kursziel von 68 auf 68,50 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung. Seine These: RWE profitiere unter den europäischen Versorgern am stärksten vom strukturell steigenden Stromverbrauch — getrieben durch Rechenzentren, Elektromobilität und Wärmepumpen. Das implizierte Aufwärtspotenzial liegt bei rund 19 %.

Auch Jefferies zog nach und erhöhte das Kursziel von 61 auf 63 Euro. Im letzten Quartal übertraf RWE die Gewinnerwartungen deutlich: 0,85 Euro je Aktie gegenüber geschätzten 0,52 Euro. Von 19 Analysten empfehlen 15 den Kauf, drei das Halten. Das durchschnittliche Konsensziel liegt bei 63,03 Euro.

Die diversifizierte Umsatzbasis und die schiere Größe des Konzerns verleihen RWE eine Widerstandsfähigkeit, die reine Wind- oder Lithiumwerte derzeit nicht bieten können. Erhebliche US-Investitionen bis 2031 sollen das Wachstumsprofil weiter stärken.

Grünstrom-Sektor im Spagat zwischen Lieferung und Geduld

Über alle fünf Werte hinweg zeigt sich ein konsistentes Muster: Institutionelle Unterstützung und operative Meilensteine übersetzen sich nicht in Kursstabilität. Die Ursachen sind branchenübergreifend:

  • Zinsumfeld: Erhöhte Zinsen belasten kapitalintensive Infrastrukturwerte überproportional
  • Gewinnmitnahmen: Nach der starken Frühjahrsenallye 2026 nehmen Anleger Gewinne mit
  • Geopolitische Risiken: Energiepreisvolatilität und Handelsstreitigkeiten drücken auf die Stimmung
  • Bewertungsdebatte: Die Spanne zwischen RBCs 35-Euro-Ziel und Jefferies‘ 57-Euro-Ziel für Nordex zeigt, wie unterschiedlich der Markt die faire Bewertung einschätzt

Die nächsten Wochen werden richtungsweisend. Siemens Energy veröffentlicht am 5. August den nächsten Quartalsbericht. Bis dahin liefern das Rückkaufprogramm und die Investoren-Roadshow die primären Signale. Bei Vulcan Energy entscheidet der LSC-2-Bohrlochtest über die kommerzielle Tragfähigkeit der Lithiumressource — der Vorgängerbrunnen hatte die Erwartungen übertroffen. Nordex muss beweisen, dass die vollen Auftragsbücher sich in nachhaltige Margen übersetzen lassen. Energiekontors Tempo bei der Inbetriebnahme der Mecklenburg-Vorpommern-Solarparks wird zeigen, ob die Eigenbestandsstrategie skaliert. Und für RWE bleibt die Goldmann-Sachs-These ein Gradmesser: Wächst der Stromverbrauch schnell genug, um die Bewertungsprämie zu rechtfertigen?

Der fundamentale Rückenwind für grüne Energieinfrastruktur — Politik, Kapital und explodierende Nachfrage aus der KI-Branche — war selten stärker. Die Kurse müssen das nur noch widerspiegeln.

Anzeige

Siemens Energy-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Siemens Energy-Analyse vom 11. Juni liefert die Antwort:

Die neusten Siemens Energy-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Siemens Energy-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 11. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Siemens Energy: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu Siemens Energy