Siemens Energy vor der Abspaltung: Wie viel ist die Industriesparte wirklich wert?

Siemens Energy treibt die Abspaltung seiner Industriesparte voran. Analysten sehen bei erfolgreicher Umsetzung deutliches Kurspotenzial für die Aktie.

Die Kernpunkte:
  • Industriesparte soll eigenständig werden
  • Spartenwert auf zehn Milliarden geschätzt
  • Analysten sehen Kurspotenzial bis 210 Euro
  • Umbau birgt erhebliche Ausführungsrisiken

Ausgangslage

Siemens Energy treibt den größten Konzernumbau seit dem Börsengang voran. Der Aufsichtsrat hat die Verselbstständigung der Sparte Transformation of Industry genehmigt, die Dampfturbinen, Kompressoren und Elektrolyseure bündelt.

Im Geschäftsjahr 2025 erzielte die Sparte einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro. Geplant ist eine Entkonsolidierung, bei der Siemens Energy eine Minderheitsbeteiligung behält.

Als Optionen stehen ein externer Investoreneinstieg oder eine Kapitalmarkttransaktion im Raum – ein finaler Beschluss über den konkreten Weg ist bislang nicht gefallen. Parallel prüft der Konzern zusätzlich einen Verkauf des Turbinengeschäfts, was den Umbau noch weitreichender macht als ursprünglich skizziert.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Nach Jahren des Sanierungsdrucks – befeuert durch die Krise bei Siemens Gamesa – steht der Konzern nun finanziell so solide, dass er sich aktiv verschlanken kann, statt nur zu reparieren.

Die Aktie hat sich seit dem 52-Wochen-Tief kräftig erholt, notiert aber rund 23 Prozent unter dem im April markierten Jahreshoch. Der Markt hat den Umbau also noch nicht vollständig eingepreist – was die Frage nach dem fairen Wert der Sparte umso relevanter macht.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Faktor für Anleger ist die Bewertung, die für Transformation of Industry am Ende tatsächlich realisiert wird. Marktbeobachter taxieren den Wert der Sparte auf über 10 Milliarden Euro – nahezu das Doppelte des zuletzt gemeldeten Jahresumsatzes von 5,7 Milliarden Euro.

Ob diese Schätzung sich in einer Transaktion bestätigt, entscheidet darüber, ob die Abspaltung für die verbleibenden Siemens-Energy-Aktionäre echten Werthebel freisetzt oder nur eine Umstrukturierung ohne unmittelbaren Kursimpuls bleibt.

Entscheidend wird sein, welche der beiden Optionen – strategischer Investor oder Kapitalmarkttransaktion – gewählt wird, denn beide Wege implizieren unterschiedliche Bewertungslogiken und unterschiedliche Kontrollverhältnisse für die verbleibende Konzernstruktur.

Bullisches Szenario

Gelingt es dem Management, die Sparte zu einem Wert nahe oder über der kolportierten 10-Milliarden-Euro-Marke abzuspalten, würde das dem Rest-Konzern erhebliche Mittel für Wachstum in Netztechnik und Gasturbinen freisetzen.

Analysten von RBC und Deutsche Bank sehen bereits jetzt deutliches Potenzial: RBC stuft die Aktie mit Outperform und einem Kursziel von 200 Euro ein, Deutsche Bank mit Buy und einem Kursziel von 210 Euro.

Beide Kursziele liegen oberhalb des gestrigen Schlusskurses von 151,14 Euro und signalisieren, dass die Analystenhäuser im Erfolgsfall des Umbaus erhebliche Neubewertungsspielräume sehen. Ein zusätzlicher Verkauf des Turbinengeschäfts könnte den Konzern weiter fokussieren und die Kapitalrendite verbessern, sollte er zustande kommen.

Bärisches Szenario und Risiken

Der Umbau ist komplex und mit Ausführungsrisiko behaftet. Weder die Wahl des Transaktionswegs noch der letztlich erzielte Wert stehen fest – die geschätzten 10 Milliarden Euro sind eine Marktprognose, kein vertraglich fixierter Preis.

Findet sich kein Investor, der diese Bewertung zu zahlen bereit ist, oder verzögert sich der Prozess, könnte die Entkonsolidierung länger dauern als erhofft und Unsicherheit erzeugen, die auf dem Kurs lastet. Zudem bindet die parallele Prüfung eines Turbinenverkaufs zusätzliche Managementkapazität in einer Phase, in der der Konzern ohnehin mehrere Baustellen gleichzeitig bearbeitet.

Die technische Verfassung der Aktie unterstreicht diese Unsicherheit: Der RSI liegt mit 46,8 im neutralen Bereich, ein klares Momentum in eine Richtung fehlt derzeit. Sollte sich abzeichnen, dass die Minderheitsbeteiligung an der abgespaltenen Sparte weniger Einfluss sichert als erwartet, dürfte der Markt das als Kontrollverlust ohne adäquaten Wertausgleich werten.

Ausblick

Solange die 10-Milliarden-Euro-Bewertung als realistischer Ankerpunkt im Markt kursiert und die Analystenhäuser ihre optimistischen Kursziele verteidigen, bleibt das Aufwärtsszenario intakt – auch wenn die Aktie aktuell noch spürbar unter ihrem Jahreshoch notiert.

Kippt hingegen die Bewertungserwartung, etwa weil sich kein Investor zu den kolportierten Konditionen findet oder die Kapitalmarkttransaktion aufwendiger wird als gedacht, dürfte der Markt seine Erwartungen nach unten anpassen.

Der nächste konkrete Meilenstein wird die Entscheidung sein, welche der beiden Transaktionsoptionen – Investoreneinstieg oder Kapitalmarktweg – der Aufsichtsrat final verfolgt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Spiegel der Erwartungen an einen Umbau, dessen Erfolg sich erst am Verkaufspreis der Sparte messen lässt.

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