Siemens vor der Healthineers-Abspaltung: Wie tragfähig ist die Rekordbewertung?

Siemens meldet Rekordzahlen und hebt Prognose an. Die geplante Healthineers-Abspaltung soll steuerfrei erfolgen, Analysten sehen weiteres Potenzial.

Die Kernpunkte:
  • Rekordgewinn und Auftragseingang im Q3
  • Prognose für EPS angehoben
  • Healthineers-Abspaltung steuerfrei
  • Analysten erhöhen Kursziele

Ausgangslage

Siemens hat mit den Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 eine Bestmarke gesetzt: Der industrielle Gewinn kletterte auf 3,52 Milliarden Euro, der Auftragseingang auf 27,90 Milliarden Euro, der Auftragsbestand erreichte 132 Milliarden Euro.

Der Konzern hob daraufhin die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf ein EPS pre PPA von 11,20 bis 11,50 Euro an. Zugleich klärte Siemens mit den deutschen Steuerbehörden die Behandlung der geplanten Ausgliederung der Siemens-Healthineers-Aktien – die Ausschüttung an die Aktionäre soll demnach steuerfrei erfolgen.

Diese Kombination aus operativer Rekordmeldung und geklärtem Steuerstatus für die Abspaltung macht den jetzigen Zeitpunkt entscheidend: Die Aktie notiert nach dem jüngsten Rekordhoch bei 291,25 Euro aktuell bei 278,20 Euro und damit 4,5 Prozent darunter. Der Markt hat die guten Nachrichten also bereits eingepreist – die Frage ist, ob noch Substanz für weitere Kursgewinne bleibt oder ob die Healthineers-Abspaltung zur Belastung wird.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist nicht die operative Entwicklung des Industriegeschäfts – die läuft rund. Entscheidend ist, wie der Markt die Healthineers-Abspaltung bewertet, sobald sie konkrete Formen annimmt. Bislang ist lediglich die steuerliche Behandlung geklärt; ein Vollzugstermin für die Ausgliederung selbst ist nicht benannt.

Anleger müssen daher einschätzen, ob die verbleibende Siemens-Substanz – Digital Industries, Smart Infrastructure, Mobility – die aktuelle Bewertung von rund 218 Milliarden Euro Marktkapitalisierung auch ohne den Healthineers-Anteil rechtfertigt.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht die breite Zustimmung von Analystenhäusern nach den Q3-Zahlen. Berenberg hob das Kursziel am 17. August auf 330 Euro an und bestätigte die Einstufung „Buy“. JPMorgan bekräftigte am 14. August die Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 345 Euro.

Beide Kursziele liegen deutlich über dem aktuellen Niveau von 278,20 Euro und signalisieren, dass die Rekordzahlen aus den Analysten-Modellen noch nicht vollständig im Kurs abgebildet sind.

Hinzu kommt die strategische Positionierung: Siemens kündigte eine Investition von mehr als 200 Millionen Dollar in die US-Fertigung an, um die Fähigkeiten im Bereich KI-Infrastruktur zu stärken.

Gelingt es dem Konzern, dieses Wachstumsfeld auszubauen, während das Kerngeschäft stabil Cashflow generiert, könnte die Healthineers-Abspaltung als reine Wertfreisetzung wirken – der Markt würde beide Unternehmensteile separat höher bewerten als den Gesamtkonzern heute.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Erwartungshaltung. Nach einem Kursanstieg von 16 Prozent seit Jahresbeginn und 19 Prozent binnen zwölf Monaten ist viel Optimismus bereits verarbeitet. Der jüngste Rückgang von 1,4 Prozent am heutigen Tag – nach einem Schlusskurs von 282,00 Euro am Montag – zeigt, dass die Aktie empfindlich auf Gewinnmitnahmen reagiert, sobald keine neuen positiven Impulse folgen.

Ernsthafter ist die strukturelle Unsicherheit rund um die Abspaltung selbst: Ein Vollzugsdatum steht nicht fest, und mit dem Wegfall des Healthineers-Geschäfts verliert der verbleibende Siemens-Konzern einen margenstarken, diversifizierenden Baustein.

Sollte die Kernindustrie – etwa durch nachlassende Auftragseingänge in künftigen Quartalen – ihre Dynamik nicht halten, fehlt der Healthineers-Puffer als Stabilisator.

Zudem bewerten Analysten wie BofA und UBS die Aktie zwar positiv, ihre Kursziele von 317 beziehungsweise 330 Euro wurden aber unmittelbar nach der Zahlenvorlage im August gesetzt – ob sie eine mögliche Abspaltungs-Delle in den kommenden Monaten überstehen, ist offen.

Ausblick

Solange Siemens die operative Dynamik aus dem dritten Quartal in den kommenden Berichten bestätigt und die Healthineers-Abspaltung ohne steuerliche oder regulatorische Komplikationen voranschreitet, dürfte die Aktie ihre Bewertung nahe den oberen Analystenzielen von 330 bis 345 Euro rechtfertigen können.

Kippt hingegen die Nachrichtenlage – etwa durch eine Verzögerung der Ausgliederung oder eine Abschwächung des Auftragseingangs im laufenden vierten Quartal – dürfte der Kurs seine jüngste Konsolidierung unterhalb des Rekordhochs von 291,25 Euro fortsetzen.

Der nächste konkrete Prüfstein sind die Geschäftszahlen zum Abschluss des Geschäftsjahres 2026, die zeigen müssen, ob die angehobene Prognose von 11,20 bis 11,50 Euro je Aktie tatsächlich erreicht wird.

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