Siemens vor der Konzernstrategie-Frage: Trägt der Kurs die Zerschlagung mit?
Siemens hebt den Ergebnisausblick an, während Abspaltung und Turbinengeschäft bei Siemens Energy neue Bewertungsfragen aufwerfen.

- Ergebnisspanne je Aktie angehoben
- Smart Infrastructure erzielt Rekordaufträge
- Siemens Energy plant weitreichende Neuordnung
- Analysten bewerten Siemens unterschiedlich
Ausgangslage
Siemens hat mit den Zahlen zum dritten Geschäftsquartal, vorgelegt am 6. August, die Prognose für das bereinigte Ergebnis je Aktie angehoben: Die neue Spanne liegt bei 11,20 bis 11,50 Euro, nach oben korrigiert von zuvor bis zu 11,10 Euro.
Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro. Besonders die Sparte Smart Infrastructure lieferte mit einem dreistelligen Anstieg der Auftragseingänge auf einen Rekordwert von 8 Milliarden Euro einen Wachstumstreiber, angetrieben vom weltweiten Ausbau von Rechenzentren.
Diese Nachricht liegt zwar schon einige Wochen zurück, doch sie bleibt die Grundlage für die aktuelle Bewertung der Aktie. Der Kurs notierte zuletzt bei 286,95 Euro und damit nur 1,5 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro.
Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 20 Prozent zu Buche. Der Markt hat die Anhebung also bereits weitgehend goutiert – die Frage für Anleger ist nun, ob die aktuelle Bewertung noch Spielraum für weitere Überraschungen lässt oder das positive Szenario längst eingepreist ist.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist nicht mehr die Kernsparte selbst, sondern die konzernweite Strategie der Entflechtung. Parallel zur operativen Stärke der Siemens AG treibt die Mehrheitsbeteiligung Siemens Energy eine tiefgreifende Neuordnung voran: Der Aufsichtsrat beschloss am 26. August die Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ mit rund 17.000 Mitarbeitern und 5,7 Milliarden Euro Umsatz, die künftig unter dem Namen „Omterra“ firmieren soll.
Zudem beauftragte Siemens Energy die Investmentbank Goldman Sachs mit dem Verkauf des Dampfturbinengeschäfts, für das Finanzinvestoren wie CVC Capital Partners, EQT und Bain Capital Gebote prüfen – eine Bewertung von über 10 Milliarden Euro steht im Raum.
Für Siemens-Anleger ist entscheidend, ob diese Strukturmaßnahmen bei Siemens Energy den Wert der Beteiligung stärken oder zunächst Unsicherheit erzeugen. Die Antwort entscheidet mit darüber, ob der Konzern seine Bewertungsprämie gegenüber Wettbewerbern halten kann.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die operative Breite des Konzerns. Der Rekord-Auftragseingang von Siemens Energy in Höhe von 17,9 Milliarden Euro im abgelaufenen Quartal, der den Gesamtauftragsbestand auf 162 Milliarden Euro hievte, zeigt, dass die Energiesparte trotz laufender Umbaupläne operativ liefert.
Zusätzlichen Rückenwind erhält Siemens Energy durch eine Exekutivorder von US-Präsident Donald Trump zur Sicherung des US-Stromnetzes vor ausländischen Komponenten – ein Analyst von Citigroup bewertete dies als Chance für Marktanteilsgewinne gegenüber chinesischen Anbietern.
Auch bei der Muttergesellschaft selbst mehren sich positive Stimmen: Berenberg hob das Kursziel am 18. August von 320 auf 330 Euro an und bestätigte die Einstufung „Buy“. Goldman Sachs erhöhte sein Kursziel am 20. August auf 319 Euro unter Verweis auf die starken Quartalszahlen und optimistische Langfristprognosen.
Gelingt der Verkauf des Dampfturbinengeschäfts zu den kolportierten Konditionen und entwickelt sich „Omterra“ erfolgreich, könnte die Bewertungslogik der Siemens-Aktie eine weitere Neubewertung nach oben erfahren.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Komplexität der laufenden Prozesse. Der Verkauf des Dampfturbinengeschäfts befindet sich erst im Prüfstadium – ein Zuschlag an einen der genannten Finanzinvestoren ist keineswegs sicher, und Bewertungsverhandlungen können sich erheblich hinziehen oder scheitern.
Auch die Abspaltung von „Transformation of Industry“ ist ein Beschluss, kein vollzogener Schritt; die operative Umsetzung steht noch aus und birgt Integrations- wie Akzeptanzrisiken bei Kunden und Mitarbeitern.
Zudem bestätigte RBC Capital Markets am 20. August lediglich die neutrale Einstufung „Sector Perform“ – nicht jedes Analystenhaus teilt die Euphorie der bullischeren Häuser. Mit einem RSI von 59,3 und einem Abstand von 3,9 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt ist die Aktie zwar nicht überhitzt, doch nahe am Rekordhoch bleibt wenig Puffer für Enttäuschungen bei den anstehenden Strukturmaßnahmen.
Ausblick
Solange die operative Dynamik in Kernsegmenten wie Smart Infrastructure anhält und die angekündigten Verkaufs- und Abspaltungsprozesse bei Siemens Energy planmäßig voranschreiten, dürfte die Aktie ihre relative Stärke gegenüber dem breiten Markt verteidigen.
Kippt jedoch der Verkaufsprozess des Dampfturbinengeschäfts oder verzögert sich die „Omterra“-Abspaltung spürbar, droht eine Neubewertung der Konzernstrategie durch den Markt.
Als nächster konkreter Termin rückt der Jahresbericht von Siemens Energy für das Geschäftsjahr 2026 am 11. November in den Fokus – dort dürfte sich zeigen, wie weit die angekündigten Umbaupläne tatsächlich gediehen sind.
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