Sivers Semiconductors: 53,8 Millionen Aktien vertagt

Sivers Semiconductors erlebt eine turbulente Hauptversammlung mit Rücktritten und dem Stopp der Nasdaq-Pläne. Die Aktie zeigt sich trotz rechtlicher Risiken und schwacher Quartalszahlen erholt.

Die Kernpunkte:
  • Drei Vorstandsmitglieder treten zurück
  • Nasdaq-Zweitnotiz vorerst auf Eis
  • Ermittlungen wegen Insiderhandels laufen
  • Auftragspipeline wächst trotz Umsatzrückgang

Drei Vorstandsmitglieder weg, die Nasdaq-Pläne auf Eis, eine laufende Strafermittlung — und die Aktie steht trotzdem mehr als 3 Prozent im Plus auf Wochensicht. Bei Sivers Semiconductors war selten mehr los als in dieser Woche.

Hauptversammlung mit Paukenschlag

Am 15. Juni trat das Unternehmen in Stockholm zur Jahreshauptversammlung zusammen. Was folgte, sprengte jeden üblichen Rahmen. Stellvertretender Vorsitzender Tomas Duffy sowie die Gründer Erik Fallström und Keith Halsey traten kurz vor der Versammlung zurück. Neu in den Vorstand gewählt wurden Joakim Nideborn und Helena Svancar. Bami Bastani bleibt Vorsitzender, Nideborn übernimmt den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden.

Der eigentliche Knall kam beim Kernthema der Versammlung. Ein Antrag, bis zu 53,8 Millionen neue Aktien für eine Zweitnotiz an der Nasdaq auszugeben, wurde in letzter Minute zurückgezogen. Diese Aktienanzahl hätte einer Verwässerung von rund 15 Prozent entsprochen. Die Hauptversammlung erteilte dem Vorstand jedoch ein allgemeines Mandat, dieselbe Aktienzahl künftig über Bareinlagen, Sacheinlagen oder Forderungsverrechnung auszugeben — Kapitalflexibilität ohne sofortige Verwässerung.

Drei Tagesordnungspunkte zu einem neuen Mitarbeiterbeteiligungsprogramm wurden ebenfalls gestrichen. Die neuen Direktoren wollen die Vergütungsstruktur erst prüfen, bevor sie einen überarbeiteten Plan vorlegen.

Wandelanleihe und neue Vergütungsregeln

Trotz der Turbulenzen ratifizierten die Aktionäre eine bereits beschlossene Finanzierung. Die Hauptversammlung bestätigte eine gesicherte Wandelanleihe über rund 327.000 US-Dollar, die Bootstrap Europe 4.0 S.à r.l. zeichnete. Der Zinssatz liegt bei 10,85 Prozent pro Jahr, die Laufzeit endet am 31. Dezember 2029 — sofern keine vorzeitige Wandlung erfolgt.

Neu geregelt wurde auch die Vorstandsvergütung. Jedes Mitglied erhält künftig eine Jahresgebühr von einer Million Schwedischen Kronen. Rund die Hälfte davon muss in Sivers-Aktien mit einjähriger Haltefrist investiert werden.

Rechtliche Risiken bleiben ungelöst

Der Vorstandsumbau beseitigt nicht die juristischen Risiken. Schwedens Wirtschaftskriminalitätsbehörde ermittelt wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Details zur geplanten Nasdaq-Notiz sollen vor der offiziellen Ankündigung im April online aufgetaucht sein — in den 48 Stunden davor verzeichnete die Aktie auffällige Kursgewinne.

Zwei US-Anwaltskanzleien prüfen mögliche Verstöße gegen das Wertpapierrecht, ohne bisher Klage eingereicht zu haben. Leerverkäufer Ningi Research veröffentlichte Anfang Juni einen Bericht, der rund 31 Prozent der gemeldeten Umsätze für 2025 in Frage stellt. Der Vorwurf: Forschungsfördergelder seien als kommerzielle Einnahmen verbucht worden. Eine öffentliche Antwort des Unternehmens steht aus.

Hinzu kommen Anpassungen in den Jahresabschlüssen 2024 und 2025, die das Unternehmen auf US-PCAOB-Standards umgestellt hat. Dabei wurden Umsätze zwischen Berichtsperioden umgeschichtet, Lagerbewertungen korrigiert und früher aktivierte Entwicklungskosten abgeschrieben.

Pipeline wächst, Quartalszahlen schwächeln

Das operative Bild ist gespalten. Die Auftragspipeline wuchs seit Ende 2025 um 77 Prozent auf 799 Millionen US-Dollar. Ein Serienfertigungsauftrag des britischen Satellitenkommunikationsunternehmens ALL.SPACE über 8,2 Millionen US-Dollar für Ka-Band-Beamforming-Chips markiert den ersten echten Schritt vom Entwicklungs- in den Produktionsbetrieb.

Eine Partnerschaft mit GlobalFoundries integriert Sivers‘ Laserarrays in eine Silizium-Photonik-Plattform für KI-Chips. Den Markt dafür schätzt das Unternehmen bis 2030 auf 25 Milliarden US-Dollar. Nennenswerte Umsätze aus dieser Zusammenarbeit erwartet Sivers frühestens Ende 2026.

Die aktuellen Quartalszahlen dämpfen die Euphorie. Im ersten Quartal sanken die Nettoumsätze um 22 Prozent auf 61,9 Millionen Schwedische Kronen. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 13,8 Millionen Kronen. Als Ursachen nennt das Unternehmen den US-Regierungsstillstand im vierten Quartal 2025, verzögerte Verteidigungsbudgets und ungünstige Wechselkurse.

Kurs weit über den Tiefs

Die Aktie schloss am Freitag bei 8,65 Euro — ein Tagesverlust von 1,65 Prozent, aber ein Wochenplus von gut 3 Prozent. Gegenüber dem 52-Wochen-Tief von 0,27 Euro, das die Aktie im März 2026 markierte, hat sich der Kurs mehr als verzwanzigfacht. Vom Jahreshoch bei 10,23 Euro trennen den Titel noch rund 15 Prozent.

Den nächsten konkreten Datenpunkt liefert der Zwischenbericht am 6. August 2026. Bis dahin dürfte vor allem der Umgang des neuen Vorstands mit den offenen Rechtsfragen und die Frage, ob und wann die US-Notiz neu aufgerollt wird, den Kurs bewegen.

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