Stille Mehrheit, laute Strafe: Die Woche der technischen Übernahmen

UniCredit nähert sich der Commerzbank-Mehrheit ohne Zukäufe, Delivery Hero bleibt spekulativ, Uber trotzt Milliardenstrafe, Fielmann senkt Prognose.

Die Kernpunkte:
  • UniCredit erreicht fast 50 Prozent
  • UBS bleibt bei Delivery Hero neutral
  • Uber plant Robotaxis in Dubai
  • Fielmann senkt Jahresprognose

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

49,65 Prozent – und UniCredit musste dafür keine einzige zusätzliche Commerzbank-Aktie kaufen. Diese Woche zeigt, wie leise sich Kontrollverhältnisse in deutschen Konzernen verschieben können: durch Aktienrückkäufe, Optionen und Gewinnwarnungen, nicht durch spektakuläre Gebote. Der DAX schloss die Woche knapp über der Marke von 26.000 Punkten – ein rundes Niveau, das über das eigentliche Geschehen kaum etwas verrät. Das lief bei Commerzbank, Delivery Hero, Uber und Fielmann.

UniCredit steht vor der Mehrheit – ganz ohne neuen Aktienkauf

Am Donnerstag zog die Commerzbank eigene Aktien ein, ein technischer Vorgang mit unmittelbarer Folge für die Kontrollverhältnisse: Der Zugriff von UniCredit auf die Commerzbank kletterte dadurch automatisch von 47,59 auf 49,65 Prozent – ohne dass die Italiener einen einzigen Anteilsschein zukaufen mussten. Von den 49,65 Prozent entfallen 46,29 Prozentpunkte auf direkt gehaltene Aktien, die übrigen 3,36 Prozentpunkte auf Kaufoptionen. Nur noch 0,35 Prozentpunkte trennen UniCredit von der psychologisch entscheidenden 50-Prozent-Schwelle. Die Commerzbank-Aktie beendete die Woche bei 39,08 Euro, knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 40,11 Euro; UniCredit selbst notierte bei 83,27 Euro, ein Plus von rund 20 Prozent auf Zwölfmonatssicht. Für Anleger heißt das: Der Deal ist technisch nahezu besiegelt, ohne dass jemals ein klassisches Übernahmeangebot mit fester Prämie auf dem Tisch lag.

Delivery Hero: Übernahmefantasie trifft auf eine nüchterne UBS

Parallel köchelt eine zweite deutsche Übernahmegeschichte weiter: Delivery Hero bleibt im Fokus der Fantasie rund um Uber, das bereits größter Anteilseigner des Lieferdienstes ist. Zusätzlich steht ein möglicher Teil-Börsengang mit einem Volumen von bis zu einer Milliarde Euro im Raum. Die Aktie schloss die Woche bei 36,91 Euro – rund 54 Prozent über dem Niveau vor zwölf Monaten, aber weiterhin unter ihrem Juli-Hoch von 40,49 Euro. Bemerkenswert: UBS bewertet Delivery Hero trotz der Übernahmefantasie weiterhin nur mit „Neutral“. Das ist ein Warnsignal für alle, die auf einen satten Aufschlag spekulieren – ein Großteil der Fantasie dürfte im Kurs bereits verarbeitet sein.

Uber: 825 Millionen Euro Strafe, aber ein aggressiver Robotaxi-Vorstoß

Uber selbst liefert derzeit zwei gegensätzliche Nachrichten. Die niederländische Aufsichtsbehörde AP verhängte gegen den Fahrdienst ein Bußgeld von 825 Millionen Euro (umgerechnet rund 966 Millionen Dollar) – wegen automatisierter Fahrersperren zwischen 2020 und 2022 sowie Verstößen gegen Auskunftsrechte. Die Summe reiht sich ein neben der Meta-Strafe von 1,2 Milliarden Euro (2023) und der TikTok-Strafe von 530 Millionen Euro. Uber bestreitet die Vorwürfe – nach eigenen Angaben waren 2021 lediglich 126 Fahrer in Europa wegen niedriger Bewertungen gesperrt – und hat bereits Rechtsmittel eingelegt. Operativ expandiert der Konzern derweil beim autonomen Fahren: In Dubai startete gemeinsam mit Baidus Apollo Go das nach eigenen Angaben weltweit erste autonome Multi-Partner-Robotaxi-Netzwerk ohne Sicherheitsfahrer, mit dem Ziel, bis 2030 ein Viertel aller Fahrten in der Stadt autonom abzuwickeln. In Nevada genehmigte die Transportbehörde zudem bis zu 1.000 autonome Uber-Fahrzeuge in Las Vegas – neben bis zu 5.000 Tesla- und 1.000 Waymo-Fahrzeugen. Die Uber-Aktie schloss die Woche bei 67,50 Euro, nach einem Plus von rund 9,5 Prozent im 30-Tage-Vergleich, während Tesla am Freitag um 5,0 Prozent zulegte. Für Anleger ergibt sich ein zweigeteiltes Bild: Das regulatorische Risiko in Europa bleibt real, doch das Wachstumsnarrativ rund um autonomes Fahren gewinnt sichtbar an Substanz – mit Tesla, Uber und Baidu stehen gleich drei liquide, handelbare Namen dafür.

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Fielmann: Wenn die Konsumflaute konkret wird

Weniger Übernahmefantasie, dafür harte Realität bei Fielmann. Der Optikkonzern kappte am Donnerstag seine Jahresprognose, weil die Nachfrage in Deutschland – rund 60 Prozent des Konzernumsatzes – schwächelt. Das Umsatzwachstum 2026 wird nun bei 2 bis 5 Prozent statt 5 bis 7 Prozent erwartet, auf 2,5 bis 2,55 Milliarden Euro; das bereinigte EBITDA sinkt auf 560 bis 580 Millionen Euro von zuvor 590 bis 610 Millionen Euro, die EBITDA-Marge von 23 auf 22 bis 23 Prozent. Im ersten Halbjahr wuchs der Umsatz nur moderat um 2 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro. Die Aktie fiel im Handelsverlauf auf ein neues Zwölfmonatstief von 38,40 Euro, erholte sich zum Wochenschluss aber wieder auf 39,30 Euro – ein Hinweis darauf, dass die schlechte Nachricht größtenteils eingepreist war. Auf Sicht von zwölf Monaten steht die Aktie dennoch rund 30 Prozent im Minus. Wer auf eine Stabilisierung des deutschen Konsums setzt, sollte Fielmann als Frühindikator im Blick behalten.

Der globale Kompass

Was diese vier Geschichten eint: Kontrolle, Bewertung und Nachfrage verschieben sich in Deutschland derzeit eher technisch als spektakulär. Commerzbank rutscht UniCredit förmlich in den Schoß, ganz ohne neues Gebot. Delivery Heros Kurs hat die Übernahmefantasie längst mitgepreist, wie das nüchterne „Neutral“ von UBS zeigt. Uber beweist, dass ein Milliarden-Bußgeld die operative Substanz kaum bremst, solange das Wachstumsnarrativ – hier autonomes Fahren – trägt. Und Fielmann liefert den unbequemsten Befund: Wenn 60 Prozent des Umsatzes aus einem schwächelnden Heimatmarkt stammen, hilft die beste operative Historie nicht gegen eine Prognosekappung.

Für die kommende Woche zählt für globale Portfolios vor allem zweierlei: Nvidias Quartalszahlen am Mittwoch und der Auftakt des Notenbanktreffens in Jackson Hole am Donnerstag – beide dürften die Richtung an den globalen Aktienmärkten mitbestimmen. Die deutschen Sondersituationen – UniCredits letzte 0,35 Prozentpunkte bis zur Mehrheitsschwelle, Delivery Heros Übernahmepoker, Fielmanns Konsum-Kennziffern – laufen davon unabhängig in ihrem eigenen Tempo weiter, und gerade das macht sie für Stock-Picker abseits der großen US-Termine interessant.

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Der Sonntag geht zu Ende, die neue Handelswoche startet bereits mit vollem Terminkalender.

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