Strategische Neuausrichtung bei Marvell Technology: Der weite Weg zum AI-Umsatzziel 2028

Marvell erzielt 2,739 Milliarden US-Dollar Umsatz, doch Erlöse aus der Google-Kooperation werden erst ab dem Geschäftsjahr 2029 erwartet.

Die Kernpunkte:
  • Datenzentren steigern Umsatz um 46 Prozent
  • Geschäftsjahr 2028 mit 18 Milliarden geplant
  • Google-Erlöse erst ab 2029 erwartet
  • Formuepleje reduziert Marvell-Position um 74 Prozent

Marvell Technology steht an einer kritischen Schwelle. Während der Halbleitersektor weiterhin von der Nachfrage nach künstlicher Intelligenz (KI) getrieben wird, stellt sich für Anleger die Frage, wie schnell die ambitionierten Wachstumsversprechen des US-Konzerns in die Bilanz einfließen.

Mit der Vorlage der Ergebnisse für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 hat das Unternehmen zwar Rekordwerte erreicht, doch die Marktreaktion am vergangenen Freitag verdeutlichte eine wachsende Ungeduld hinsichtlich der zeitlichen Umsetzung großer Kundenprojekte.

1. AUSGANGSLAGE

Der jüngste Quartalsbericht von Marvell markiert einen Wendepunkt in der operativen Dynamik. Mit einem Rekordumsatz von 2,739 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal des Fiskaljahres 2027 hat das Unternehmen die Erwartungen unterstrichen. Besonders der Bereich der Datenzentren erweist sich als massiver Wachstumsmotor: Dieser Teilbereich steigerte seinen Umsatz um 46 Prozent und macht mittlerweile 79 Prozent des gesamten Umsatzmixes aus. Diese Konzentration auf das High-End-Segment der KI-Infrastruktur ist das Resultat einer jahrelangen Transformation weg von klassischen Speicher- und Netzwerkkomponenten hin zu spezialisierten Chipsätzen für Cloud-Anbieter.

Das Management hat zudem die langfristigen Ziele deutlich nach oben geschraubt. Für das gesamte Geschäftsjahr 2027 wird nun ein Umsatz von rund 12 Milliarden US-Dollar angestrebt, während für das Geschäftsjahr 2028 bereits ein Sprung auf etwa 18 Milliarden US-Dollar prognostiziert wird.

Trotz dieser optimistischen Prognosen gaben die Notierungen nach der Bekanntgabe nach. Der Schlusskurs von gestern lag bei 193,50 €, was einer Performance seit Jahresbeginn von 165 Prozent entspricht. Dass das Papier dennoch etwa 33 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 290,35 € notiert, unterstreicht die aktuelle Neubewertung der Zeitpläne durch die Investoren.

2. DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE

Die zentrale Herausforderung für die Bewertung von Marvell liegt nicht in der generellen Nachfrage, sondern in der zeitlichen Realisierung der Erlöse aus der erweiterten Google-Kooperation. Medienberichten zufolge ist diese Partnerschaft für kundenspezifische Silizium-Lösungen ein Kernpfeiler der künftigen Strategie. Google hält im Rahmen dieser Vereinbarung sogar Optionsscheine, die den Erwerb von bis zu 7 Prozent der Marvell-Anteile ermöglichen – gekoppelt an das Erreichen bestimmter Umsatzmeilensteine.

Doch genau hier liegt der Knackpunkt: Das Management stellte klar, dass materielle Umsätze aus dieser spezifischen Beziehung erst für das Geschäftsjahr 2029 erwartet werden. Anleger müssen sich also entscheiden, ob sie bereit sind, die aktuelle Bewertung auf Basis von Erwartungen zu tragen, die erst in mehr als zwei Jahren ihre volle Wirkung entfalten.

Die KI-Auftragslage wird zwar als außergewöhnlich robust bezeichnet, doch die Lücke zwischen dem aktuellen Trend und der tatsächlichen Cashflow-Generierung aus den größten Einzelprojekten bleibt das bestimmende Thema an der Börse.

3. BULLISCHES SZENARIO

Optimisten blicken vor allem auf die technologische Alleinstellung, die Marvell durch Zukäufe und Eigenentwicklungen im Bereich der optischen Konnektivität und Photonik zementiert hat. Die Integration von Celestial AI ist hierbei ein wesentlicher Bestandteil der Strategie, um im Bereich der KI-fokussierten Vernetzung eine führende Rolle einzunehmen. Diese Technologie ist entscheidend, um die massiven Datenmengen innerhalb von KI-Clustern effizient zu bewegen. Wenn Marvell es schafft, die Effizienzgewinne bei der optischen Verbindungstechnik schneller als erwartet zu skalieren, könnte das Unternehmen seine Marktanteile gegenüber Mitbewerbern im Datacenter-Bereich weiter ausbauen.

Ein weiterer stützender Faktor ist das Vertrauen in die eigene Finanzkraft. Marvell hat am vergangenen Donnerstag den Abschluss eines 4,56 Milliarden US-Dollar schweren Aktienrückkaufprogramms bekannt gegeben, das bereits im Jahr 2016 initiiert worden war. Solche Programme signalisieren dem Markt eine disziplinierte Kapitalallokation.

Zudem zeigt die Prognose für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2027 mit einem erwarteten Umsatz von 3,15 Milliarden US-Dollar (plus/minus 5 Prozent), dass die kurzfristige Wachstumsrate intakt bleibt. Sollten die Margen durch die Skalierung der 5-Nanometer- und 3-Nanometer-Produktion schneller steigen als gedacht, würde dies den Hebel auf den Gewinn pro Aktie erhöhen.

4. BÄRISCHES SZENARIO/RISIKO

Das größte Risiko für die Aktie ist die Gefahr einer Enttäuschung, falls die hohen Erwartungen an das Geschäftsjahr 2028 aufgrund von Verschiebungen bei den Kundenprojekten nicht haltbar sind. Die Skepsis einiger institutioneller Anleger ist bereits spürbar. So meldete der Vermögensverwalter Formuepleje A S am Montag, seine Position bei Marvell im zweiten Quartal um 74 Prozent reduziert zu haben. Solche Verkäufe durch Profi-Investoren können den Verkaufsdruck erhöhen, wenn das Momentum bei den KI-Titeln insgesamt nachlässt.

Zudem bleibt die Abhängigkeit von wenigen Großkunden wie Google ein zweischneidiges Schwert. Verzögerungen in deren Infrastruktur-Rollouts wirken sich unmittelbar auf Marvells Planungssicherheit aus. Die hohe Volatilität des Wertes macht deutlich, dass jede Abweichung von der Guidance an der Börse oft hart bestraft wird.

Sollte der Gesamtmarkt in eine Phase der Risikoaversion eintreten, könnte die Aktie aufgrund ihrer starken Performance seit Jahresbeginn verstärkt als Ziel für Gewinnmitnahmen dienen, da die aktuelle Bewertung bereits viel von der künftigen Entwicklung vorweggenommen hat.

5. AUSBLICK

Die nähere Zukunft von Marvell wird maßgeblich von der Umsetzung der Guidance für das dritte Quartal bestimmt. Anleger sollten besonders darauf achten, ob das Unternehmen die Marke von 3,15 Milliarden US-Dollar Umsatz erreichen kann, während für den bereinigten Gewinn pro Aktie ein Wert von etwa 1,10 US-Dollar anvisiert wird. Solange der Bereich der Datenzentren seine Dynamik beibehält und die KI-Bookings weiterhin auf hohem Niveau verharren, bleibt die Wachstumsstory grundsätzlich intakt.

Ein kritischer Faktor wird die Bestätigung der Ziele für das Geschäftsjahr 2028 sein. Kippt die Zuversicht in dieses Umsatzziel von 18 Milliarden US-Dollar, ist mit einer weiteren Konsolidierung zu rechnen.

Der nächste konkrete Katalysator neben den operativen Fortschritten bei der optischen Konnektivität wird die weitere Kommunikation zu den Meilensteinen der Google-Vereinbarung sein. Anleger, die jetzt investieren, setzen darauf, dass Marvell die Phase bis zum massiven Umsatzsprung im Jahr 2029 ohne größere Rückschläge bei den bestehenden Cloud-Projekten überbrücken kann.

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