Tech-Aktien drehen nach oben: Broadcom, AMD und Corning im Aufwind

Nach einem Kursrutsch erholen sich Halbleiterwerte. Broadcom profitiert von Apple-Deal, Corning von Analystenlob.

Die Kernpunkte:
  • Broadcom schließt Milliarden-Deal mit Apple
  • Corning erhält positive Analystenbewertung
  • AMD erholt sich trotz Gewinnmitnahmen
  • Ams Osram verkauft Sensorgeschäft an Infineon

Ein einziger Prozentpunkt genügte, um halb Asien und die globale Chipbranche ins Wanken zu bringen. Als Samsungs Quartalszahlen die Erwartungen nur um rund 6 Prozent übertrafen, reichte das aus, um Zweifel an der gesamten KI-Chip-Story zu säen. Diese Woche zeigt sich der Sektor gespalten: Während Corning nach Analystenlob durchstartet und Broadcom von einem Milliarden-Deal mit Apple profitiert, kämpfen Micron und AMD mit Gewinnmitnahmen nach ihrer furiosen Rally.

Sektorüberblick: Nervosität nach der Rally

Die Stimmung bei Halbleiter- und Technologiewerten ist merklich angespannter geworden, nachdem die Kurse im ersten Halbjahr historische Höhen erklommen hatten. Der Samsung-Kommentar eines Deutsche-Bank-Strategen löste zuletzt einen breiten Ausverkauf bei Chipwerten aus, obwohl die großen Indizes stabil blieben.

Trotz der Nervosität bleibt der Halbleitersektor der zentrale Gewinntreiber der Technologiebranche. Prognosen für das zweite Quartal sehen ein Gewinnwachstum von 131 Prozent gegenüber dem Vorjahr für Halbleiter und Halbleiterausrüstung – deutlich mehr als die für den gesamten IT-Sektor erwarteten 63,3 Prozent. Micron, Corning, Ams Osram, Broadcom und AMD navigieren dabei durch fünf völlig unterschiedliche Kapitel derselben KI-Infrastruktur-Geschichte: Speicherknappheit, Glasfaserboom, Sensor-Konsolidierung, Custom-Silicon-Partnerschaften und CPU-Marktanteile.

Micron: Speicher-Boom trifft auf Zyklus-Ängste

Micron sprang heute um 5,99 Prozent auf 880,80 Euro, nachdem die Aktie gestern noch bei 831,00 Euro geschlossen hatte. Der Titel bleibt damit gut 20 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 1.103,80 Euro, notiert aber immer noch weit über dem 50-Tage-Durchschnitt von 795,27 Euro.

Die fundamentalen Zahlen sind beeindruckend: Der Umsatz im dritten Geschäftsquartal schoss um fast das 4,5-Fache gegenüber dem Vorjahr auf 41,5 Milliarden Dollar, weit über den Erwartungen von 35,1 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie verdreizehnfachte sich auf 25,11 Dollar. Für das vierte Quartal stellte das Management sogar Erlöse von 50 Milliarden Dollar in Aussicht.

Dennoch blieb die Stimmung angeschlagen. Die Aktie war Ende Juni um mehr als 13 Prozent eingebrochen, nachdem Südkoreas Finanzaufsicht vor riskanten gehebelten ETFs auf Speicherchip-Werte gewarnt hatte. Investor Michael Burry sorgte mit wiederholten Warnungen vor Micron zusätzlich für Unruhe. Auf der positiven Seite steht die vertiefte Partnerschaft mit Anthropic: Micron liefert Speicher- und Storage-Lösungen für neue KI-Systeme und entwickelt gemeinsam HBM-Speicher für die Workload-Anforderungen des KI-Unternehmens. Bewertungstechnisch bleibt die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,7 auf Basis der Gewinnschätzungen erstaunlich günstig für ein Unternehmen mit derart hohem Wachstumstempo.

Corning: Glasfaser-Boom mit Nebenwirkungen

Corning legte heute um 5,83 Prozent auf 171,00 Euro zu, nach einem Schlusskurs von 161,58 Euro am Vortag. Die Aktie bewegt sich damit fast genau auf ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 166,69 Euro, bleibt aber knapp 28 Prozent unter ihrem Rekordhoch entfernt.

Die Rally des Jahres war nicht ohne Schrecksekunden zu haben. Anfang Juli brach die Aktie an einem einzigen Handelstag um 13,6 Prozent ein – ein Rücksetzer, den viele als ersten Riss in der Glasfaser-These werteten, nachdem der Kurs zuvor parabolisch gestiegen war. Bank of America hält dennoch an ihrer positiven Einschätzung fest: Analyst Wamsi Mohan bestätigte sein Kaufrating und erhöhte sein Kursziel von 223 auf 243 Dollar. Sein Optimismus stützt sich auf das Optical-Communications-Geschäft, das von den Ausbautrends der KI-Infrastruktur profitiert und im zweiten Quartal einen Umsatz von 2,05 Milliarden Dollar erzielen soll – ein Plus von 30,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Als Belastungsfaktor identifizierte die Bank das Solargeschäft, wo ein Wafer-Übergang im zweiten Quartal Zusatzkosten von rund 30 Millionen Dollar verursachen dürfte. Insiderverkäufe kurz vor dem Kursrutsch – darunter ein Aktienpaket der Personalchefin – haben zusätzlich für Diskussionsstoff gesorgt. Die nächsten Quartalszahlen werden am 28. Juli erwartet.

Ams Osram: Sensor-Verkauf schärft den Photonik-Fokus

Ams Osram kletterte heute um 3,82 Prozent auf 20,40 Euro, nach 19,65 Euro am Vortag – nur noch knapp über dem 50-Tage-Durchschnitt von 20,05 Euro. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.

Anfang Juli schloss das Unternehmen den Verkauf seines nicht-optischen Analog/Mixed-Signal-Sensorgeschäfts an Infineon für 570 Millionen Euro in bar ab. CEO Aldo Kamper bezeichnete den Deal als entscheidenden Schritt zur Stärkung der Bilanz und zur weiteren Schärfung der strategischen Ausrichtung auf digitale Photonik. Die Transformation reiht sich in eine bereits im Februar angekündigte Neuausrichtung ein, mit der sich Ams Osram als globaler Marktführer in der Digital-Photonik positionieren will.

Für Infineon stärkt die übernommene Einheit das Sensorportfolio für Industrie- und Automobilanwendungen und erweitert die Präsenz im Medizinmarkt. Die akquirierte Sparte soll im laufenden Kalenderjahr einen Umsatz von rund 230 Millionen Euro erwirtschaften, rund 230 Mitarbeiter wechseln zu Infineon. Der Mittelzufluss soll bei Ams Osram den Schuldenabbau beschleunigen. Die nächsten Zahlen stehen Anfang August an.

Broadcom: Apple vertieft die Custom-Silicon-Wette

Broadcom war der klare Nachrichtenlieferant der Woche. Die Aktie stieg heute um 4,06 Prozent auf 354,80 Euro, nach 340,95 Euro am Vortag, und hat allein in den vergangenen sieben Handelstagen mehr als 12 Prozent zugelegt.

Auslöser war eine erweiterte Mehrjahresvereinbarung mit Apple im Wert von über 30 Milliarden Dollar zur Entwicklung und Fertigung von Custom-Silicon-Komponenten und Funktechnologie in den USA – das bislang größte Engagement unter Apples amerikanischem Fertigungsprogramm. Geplant ist die Produktion von mehr als 15 Milliarden Chips auf US-Boden, inklusive einer Erweiterung des Broadcom-Werks in Fort Collins, Colorado, um 1,5 Milliarden Dollar. Die Partnerschaft läuft nun bis 2031 und umfasst gemeinsame ASIC-Entwicklungen.

Der Markt reagierte prompt: Die Aktie sprang nach der Ankündigung um rund 5 Prozent, nachdem sie bereits zuvor auf erste Berichte über die verlängerte Partnerschaft mit einem Kurssprung reagiert hatte. Die Marktkapitalisierung liegt inzwischen bei umgerechnet rund 1,85 Billionen Dollar, nachdem Broadcom im April kurzzeitig die Zwei-Billionen-Dollar-Marke überschritten hatte – als erst sechstes Unternehmen der Geschichte. Im Geschäftsjahr 2025 wuchs der Umsatz um 23,87 Prozent auf 63,89 Milliarden Dollar, der Gewinn schoss um 292,3 Prozent nach oben. Von 48 Analysten liegt die durchschnittliche Einschätzung bei „Strong Buy“, mit einem Kursziel von 523,73 Dollar auf Zwölfmonatssicht. Erste Group bildet mit einer Herabstufung auf „Hold“ wegen Bewertungsbedenken eine Ausnahme.

AMD: Zwischen Goldman-Euphorie und Chip-Reset

AMD gewann heute 3,47 Prozent auf 469,40 Euro, nach 453,65 Euro am Vortag – ein Kursniveau gut 11 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 421,63 Euro, aber noch rund 8 Prozent unter dem Rekordhoch.

Die jüngste Volatilität zeigt exemplarisch, wie nervös der Sektor derzeit reagiert. Nach dem Samsung-bedingten Chip-Reset fiel die Aktie zwischenzeitlich deutlich zurück, nachdem sie zuvor an einem einzigen Handelstag um 8,3 Prozent gesprungen war. Auslöser dafür war Goldman-Sachs-Analyst James Schneider, der sein Kursziel für 2026 von 450 auf 640 Dollar anhob und seine Kaufempfehlung bekräftigte. Begründet wird die Anhebung mit der gemeinsamen Entwicklung von Helios-basierter Rack-Scale-KI-Infrastruktur mit TCS, der Zusammenarbeit mit Samsung bei HBM4-Speicher für die nächste GPU-Generation sowie dem Produktionsstart der EPYC-Venice-CPU.

Für das zweite Quartal rechnet AMD mit einem Umsatz von rund 11,2 Milliarden Dollar – ein Plus von etwa 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bei einer non-GAAP-Bruttomarge von rund 56 Prozent. Die Zahlen werden am 4. August veröffentlicht. Cantor Fitzgerald hält mit 700 Dollar das höchste Kursziel am Markt, während die Bandbreite der Schätzungen von 460 bis 700 Dollar reicht – ein Zeichen echter Uneinigkeit darüber, wie weit der CPU-Aufschwung noch trägt. Aufmerksamkeit erhält auch der für den 22. und 23. Juli geplante Investorenevent „Advancing AI“, von dem Analysten neue Ankündigungen erwarten. Nicht alle prominenten Investoren bleiben überzeugt: Cathie Wood verkaufte kürzlich AMD-Aktien im Wert von 8 Millionen Dollar an einem einzigen Tag.

Sektordynamik im Überblick

  • Micron und AMD: Beide kämpfen nach dreistelligen Kursgewinnen mit Bewertungsängsten und reagieren empfindlich auf jedes Signal einer nachlassenden KI-Investitionsdynamik.
  • Corning: Ähnlich exponiert wie die Chipwerte, aber über die Glasfaser-Nachfrage der Hyperscaler an das Ausbautempo der Rechenzentren gekoppelt.
  • Broadcom: Profitiert von einer eigenständigen Wachstumsstory rund um die vertiefte Apple-Partnerschaft, die zugleich als Absicherung gegen geopolitische Risiken dient.
  • Ams Osram: Losgelöst vom reinen KI-Trade, stattdessen eine klassische Restrukturierungsgeschichte mit Fokus auf Entschuldung und Photonik.
  • Über alle fünf Werte hinweg bleibt die Analystenstimmung mehrheitlich konstruktiv, doch die Toleranz für Enttäuschungen ist nach der Rally des ersten Halbjahres spürbar gesunken.

Ausblick: Dichter Terminkalender bis in den August

Die kommenden Wochen bringen gleich mehrere Belastungsproben für den Sektor. Corning legt am 28. Juli Zahlen vor, von denen Analysten eine Bestätigung der starken Optical-Communications-Dynamik erwarten. AMDs „Advancing AI“-Summit am 22. und 23. Juli könnte neue Kundendetails liefern, bevor am 4. August die Quartalszahlen folgen. Broadcom muss zeigen, ob sich die erweiterte Apple-Partnerschaft in nachhaltigem Momentum niederschlägt. Micron meldet erst im September wieder Zahlen und bleibt bis dahin anfällig für Stimmungsschwankungen rund um Konkurrenten wie Samsung und SK Hynix. Bei Ams Osram richtet sich der Blick darauf, wie effizient das nun schuldenärmere Unternehmen seine Photonik-Strategie umsetzt.

Für die gesamte Branche bleibt die zentrale Frage, ob die KI-getriebene Nachfrage nach Speicher, optischer Konnektivität, Custom Silicon und CPUs weiterhin schneller wächst als die ohnehin hohen Markterwartungen – oder ob die kommende Berichtssaison erste Risse in dieser Erzählung offenlegt.

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