Telekom steht vor milliardenschwerer KI-Entscheidung
Die Telekom erwägt angesichts voll ausgelasteter KI-Kapazitäten neue Chip-Investitionen und prüft die EU-Gigafactory-Ausschreibung, während der Aktienrückkauf auf 5 Milliarden Euro steigt.

- Münchner KI-Rechenzentrum komplett ausgelastet
- Nvidia-Gespräche über zusätzliche KI-Chips
- EU-Gigafactory-Beteiligung wird geprüft
- Aktienrückkauf auf 5 Milliarden Euro erhöht
Ausgangslage
CEO Tim Höttges hat am Donnerstag eine Kapazitätsgrenze offengelegt: Das KI-Rechenzentrum des Konzerns in München ist vollständig ausgelastet, die Nachfrage bleibe sehr stark. Höttges bestätigte Gespräche mit Nvidia über zusätzliche Grafikprozessoren – jene Chips, die als Rückgrat für KI-Training und -Verarbeitung gelten. Parallel wägt der Konzern eine Beteiligung an der milliardenschweren Ausschreibung der EU-Kommission für eine „KI-Gigafactory“ ab. Das Programm sei durch klarere Vergabebedingungen attraktiver geworden, sagte Höttges, eine endgültige Entscheidung über eine Teilnahme stehe aber noch aus. Damit rückt eine neue Kapitalfrage in den Vordergrund, während der Konzern erst gestern die Aufstockung seines Aktienrückkaufprogramms auf bis zu 5 Milliarden Euro bekanntgegeben hatte und seit der Ablehnung einer vollständigen Übernahme der T-Mobile-US-Minderheitsanteile am vergangenen Montag um 3,2 Prozent zugelegt hat.
Die Zahlen, die der Konzern am Donnerstag zusammen mit der Rückkauf-Nachricht vorlegte, liefern den Hintergrund. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 4,4 Prozent auf 29,9 Milliarden Euro, das bereinigte EBITDA AL wuchs organisch um 7,3 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro. Die Prognose für den freien Cashflow AL 2026 wanderte von „mehr als 19,8“ auf „rund 20,0 Milliarden Euro“ nach oben – ausgelöst durch eine Anhebung bei der US-Tochter T-Mobile US, deren EBITDA organisch um 9,6 Prozent zulegte. Am Freitag schloss die Aktie bei 29,00 Euro, ein Minus von 0,58 Prozent zum Vortag, nachdem sie zuvor kräftig gestiegen war.
Die entscheidende Frage
Kann Telekom die anstehenden KI-Investitionen stemmen, ohne den Verschuldungsgrad aus dem Ruder laufen zu lassen und ohne das erweiterte Rückkaufversprechen zu gefährden? Finanzvorstand Christian Illek bezifferte den Leverage inklusive Leasing zuletzt auf 2,65, ohne Leasing auf 2,3 – und bekräftigte, auch mit dem aufgestockten Rückkaufprogramm unter der Zielmarke von 2,75 zu bleiben. An genau dieser Kennzahl entscheidet sich, wie viel Spielraum für zusätzliche Nvidia-Bestellungen oder eine mögliche Gigafactory-Beteiligung bleibt, ohne dass Rating oder Rückkauftempo leiden.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die Ertragsdynamik: Der bereinigte Nettogewinn kletterte um 11,1 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, während T-Mobile US weiter als Wachstumsmotor des Konzerns gilt. Die Beteiligung an der US-Tochter wuchs zudem passiv auf 54,3 Prozent zum 17. Juli, weil Telekom nicht am eigenen Rückkaufprogramm von T-Mobile US teilnahm – ein Effekt, der künftige Cashflow-Anteile am US-Geschäft automatisch erhöht. JPMorgan-Analyst Akhil Dattani bestätigte am Donnerstag das Rating „Overweight“ mit einem Kursziel von 38 Euro, Bernstein sah die Aktie bei 37 Euro, Goldman Sachs und die Deutsche Bank trauten dem Papier sogar 40 Euro zu. Oddo-BHF-Analyst Stéphane Beyazian bezeichnete die überraschende Rückkauf-Erhöhung inmitten der jüngsten Kursschwäche als „sehr positiv“ und verwies auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 10 gegenüber einem Branchendurchschnitt von 14. Rückenwind liefern zusätzlich die zuvor angehobenen Bonitätsnoten von Fitch und MSCI, die Finanzierungskosten für neue Investitionen tendenziell senken.
Bärisches Szenario
Die Kehrseite: Der ausgewiesene Nettogewinn sank im zweiten Quartal um 6,3 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro, belastet durch Integrationskosten bei T-Mobile US im Zusammenhang mit der UScellular-Übernahme – ein Vorgeschmack darauf, wie teuer Wachstum und Konsolidierung sein können. Sollte sich Telekom für eine Teilnahme an der 10-Milliarden-Euro-Gigafactory-Ausschreibung entscheiden und gleichzeitig zusätzliche Nvidia-Kapazitäten ordern, könnte der Investitionsbedarf schneller wachsen als der freie Cashflow. Berenberg-Analyst Paul Sidney, der die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 35,20 Euro bestätigte, wertete die zusätzlichen Rückkäufe zugleich als Signal, dass eine vollständige Verschmelzung mit T-Mobile US unwahrscheinlicher geworden sei. Das zeigt Anlegern, dass der Konzern sein Kapital derzeit eher an Aktionäre zurückgibt, statt es in weitere Übernahmen oder aggressive Infrastrukturwetten zu stecken – ein Nachteil, sollte KI-Infrastruktur zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden und Rivalen schneller investieren. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 36,38 Prozent zeigt zudem, dass der Markt die weitere Richtung keineswegs als ausgemacht betrachtet.
Ausblick
Solange der Leverage unterhalb der Zielmarke von 2,75 bleibt und T-Mobile US seinen Wachstumskurs hält, dürfte der Konzern sowohl das Rückkaufprogramm als auch punktuelle KI-Investitionen stemmen können, ohne seine Bonität zu gefährden. Kippt diese Balance – etwa durch eine kostspielige Gigafactory-Beteiligung oder eine Verschlechterung der US-Integration – dürfte die Diskussion um Kapitaldisziplin schnell zurückkehren. Konkretere Antworten erwarten Anleger beim KI-Investorentag am 5. Oktober 2026, wenn der Konzern seine KI-Strategie und mögliche Investitionsentscheidungen darlegen will. Die nächste harte Zahlenbasis liefern die Ergebnisse zum dritten Quartal am 5. November 2026.
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