Thyssenkrupp Aktie: Drei Kursziele an einem Tag

Trotz dreier Kurszielanhebungen bleibt die Thyssenkrupp-Aktie für Analysten kein Schnäppchen. Der Konzernumbau treibt die Bewertung, operative Risiken in der Stahlsparte begrenzen jedoch das Aufwärtspotenzial.

Die Kernpunkte:
  • Drei Banken erhöhen Kursziele
  • Kurs nahe 52-Wochen-Hoch
  • TKMS-Auftrag stützt Bewertung
  • Stahlsparten-Risiken bleiben bestehen

Drei Kursziel-Anhebungen an einem einzigen Tag, und trotzdem klingt kaum einer der Analysten euphorisch. Das ist die eigentliche Geschichte hinter dem heutigen Thyssenkrupp-Tag.

Deutsche Bank Research bestätigt „Buy“ mit Kursziel 16 Euro, BofA Securities hebt von 18 auf 19 Euro an, und selbst JPMorgan zieht sein Ziel von 12,80 auf 15 Euro nach – bleibt aber bei „Neutral“. Für mich ergibt sich daraus ein klares Bild: Der Konzernumbau wird honoriert, aber niemand traut sich, die Aktie nach dem jüngsten Lauf noch als Schnäppchen zu bezeichnen.

Die Story ist eingepreist, nicht ausgeschöpft

Der aktuelle Kurs von 13,79 Euro liegt nur 1,5 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 14,00 Euro, das erst gestern markiert wurde. Wer die Kursziele der drei Häuser nebeneinanderlegt, sieht: Selbst das optimistischste Ziel von BofA bei 19 Euro impliziert zwar noch Luft nach oben, doch JPMorgans 15 Euro liegen nur knapp über dem, wo die Aktie bereits steht. Das ist meiner Lesart nach der eigentliche Kern der Botschaft: Die positiven Treiber – Effizienzprogramm, TKMS-Boom, Perspektive auf Zollquoten in der Stahlsparte – sind größtenteils schon im Kurs enthalten. Wer jetzt einsteigt, kauft nicht mehr die Trendwende, sondern die Fortsetzung einer bereits gelaufenen Story.

Besonders aufschlussreich finde ich die Begründung von BofA: Das höhere Kursziel stützt sich explizit auf die anstehende Abspaltung der Materials Services-Sparte und auf höhere Stahlmargen dank neuer EU-Zollquoten.

JPMorgan-Analyst Dominic O’Kane geht sogar noch weiter und verweist darauf, dass das Management eine Abspaltung der Steel Europe-Sparte signalisiert habe – vergleichbar mit der bereits erfolgten Verselbstständigung von TKMS und Accelis. Eine Entscheidung könnte auf dem Kapitalmarkttag im September fallen.

Bemerkenswert: Diese Fantasie treibt die Kursziele nach oben, obwohl Thyssenkrupp im dritten Quartal die Erwartungen laut BofA verfehlt hat. Für mich zeigt das, wie stark die Story inzwischen von der Konzern-Zerlegung getragen wird – und wie wenig vom operativen Tagesgeschäft.

TKMS liefert, die Stahlsparte bleibt die offene Baustelle

Die Marinesparte TKMS ist der Fels in der Brandung. Der milliardenschwere Auftrag aus Kanada für bis zu zwölf U-Boote – laut Berichten der größte Rüstungsauftrag der Geschichte mit einem Volumen von 20 bis 30 Milliarden kanadischen Dollar für die Boote allein – zeigt, warum Investoren dieser Sparte zunehmend eine eigene Bewertung zutrauen.

Genau diese Substanz macht die angedachte Abspaltung von Steel Europe plausibel: Man trennt das verlässliche Rüstungsgeschäft konzeptionell von der strukturell schwächeren Stahlproduktion.

Und dort liegt für mich der Wermutstropfen der ganzen Erfolgsgeschichte. Die geplatzten Verhandlungen mit Daniel Kretinskys EP Group um ein Gemeinschaftsunternehmen für die Stahlsparte werfen einen langen Schatten.

EP Group hat ihren 20-Prozent-Anteil zurückgegeben, Gespräche mit Jindal Steel International laufen zwar, aber bis zu 11.000 von 27.000 Stellen stehen weiterhin zur Disposition. Das ist keine Randnotiz, das ist ein sozialer und operativer Sprengsatz, der jede Bewertungsdiskussion begleitet.

Die Investition in eine 8-Megawatt-Photovoltaikanlage bei der Tochter Rasselstein mag als Zeichen für Fortschritt bei der Dekarbonisierung gelesen werden, ändert an dieser Grundproblematik aber wenig.

Mein Fazit

Die Analysten-Reaktionen heute sprechen eine klare Sprache: Die Anlagestory bleibt intakt, aber das Aufwärtspotenzial ist begrenzter geworden, je näher der Kurs an die oberen Kursziele rückt.

Deutsche-Bank-Analyst Bastian Synagowitz bringt es aus meiner Sicht treffend auf den Punkt, wenn er von „kurzfristigem Gegenwind“ spricht, der die Anlagestory nicht aus der Spur bringe – impliziert aber zugleich, dass eben doch Gegenwind da ist.

Die Rally der vergangenen Wochen hat viel vorwegnehmen, was jetzt erst an Nachrichten eintrifft: den Kanada-Auftrag, die Zollquoten-Perspektive, die Abspaltungsfantasie. Wer glaubt, dass die im September erwartete Entscheidung zu Steel Europe tatsächlich fällt und positiv ausfällt, für den bleibt die Aktie interessant.

Wer die ungelöste Personalfrage in der Stahlsparte als Risiko gewichtet, wird die aktuellen Kursziele eher als fair denn als Einladung lesen. Beide Sichtweisen finden in den heutigen Analysen ihre Stütze – das allein sollte skeptisch machen gegenüber allzu einfachen Schlussfolgerungen.

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