Thyssenkrupp Aktie: Rückenwind aus China vor Bewährungsprobe

Thyssenkrupp profitiert von Chinas angekündigten Stahlkürzungen, doch Margen, Restrukturierung und der Jindal-Verkauf bleiben unsicher.

Die Kernpunkte:
  • Aktie gewinnt 2,5 Prozent
  • China plant strengere Stahlbegrenzungen
  • EBIT-Prognose auf 600 bis 900 Millionen Euro
  • Jindal-Verkauf weiterhin nicht vollzogen

Der Kurs von Thyssenkrupp klettert am heutigen Handelstag um 2,5 Prozent auf 15,69 Euro. Getragen wird die Bewegung von einem veränderten Branchenumfeld auf den internationalen Rohstoffmärkten.

Medienberichten zufolge haben führende chinesische Stahlhersteller am Dienstag gemeinsame Initiativen für strengere Produktionsbeschränkungen und einen beschleunigten Lagerabbau angekündigt. Die dortige Industrie trete damit in eine Phase der Reduzierung und Optimierung ein.

Für den Essener Industriekonzern kommt dieses Signal zu einem kritischen Zeitpunkt: Nach einer langen Phase operativer Umbrüche und tiefgreifender Sanierungsschritte reagiert die Aktie hochsensibel auf globale Angebotssignale.

Anleger stehen nun vor der Frage, ob der jüngste Aufschwung den Beginn einer dauerhaften Neubewertung markiert oder lediglich ein kurzes Aufatmen im zyklischen Tief darstellt.

Tragfähigkeit der Margen im Stahlgeschäft

Der entscheidende Faktor für die weitere Kursentwicklung bleibt die nachhaltige Ertragskraft der Sparte Steel Europe. Zwar hatte der Konzern vor über einem Monat seine Prognose für das bereinigte EBIT des Geschäftsjahres 2025/2026 auf 600 bis 900 Millionen Euro angehoben, nachdem zuvor lediglich ein Mindestwert von 500 Millionen Euro avisiert worden war.

Doch diese Spanne verdeutlicht zugleich die anhaltende Unsicherheit im europäischen Stahlmarkt. Im dritten Geschäftsquartal, das von April bis Juni 2026 lief, verbesserte sich das bereinigte operative Ergebnis im Jahresvergleich zwar um 28 Millionen Euro auf 183 Millionen Euro.

Dieser Zuwachs speiste sich jedoch nicht allein aus dem Stahlbereich, sondern wurde maßgeblich auch von Materials Services und Marine Systems getragen.

Damit die avisierte Zielspanne am oberen Ende erreicht werden kann, müssen sich die europäischen Stahlpreise spürbar stabilisieren. Greifen die angekündigten Produktionskürzungen in Asien tatsächlich, sinkt der Druck durch Billigimporte auf den europäischen Heimatmarkt.

Bleibt dieser Effekt hingegen aus, drohen die Margen im europäischen Walzstahlgeschäft erneut unter die Räder zu geraten, bevor die laufenden Sparmaßnahmen ihre volle Wirkung entfalten können.

Befreiungsschlag durch Entflechtung und Angebotsdisziplin

Im optimistischen Szenario greift die strategische Transformation des Konzerns nahtlos mit der weltweiten Angebotsdisziplin ineinander. Gelingt es den chinesischen Produzenten, den Markt nachhaltig zu verknappen, dürften die globalen Notierungen anziehen und den europäischen Produzenten dringend benötigten Spielraum bei den Verkaufspreisen verschaffen.

Zugleich schreitet der Umbau des Mischkonzerns voran: Die Aktionäre hatten vor rund zwei Wochen der Abspaltung der Werkstoffhandelssparte TK Accelis zugestimmt. Durch diese Trennung schärft das Unternehmen sein Profil und reduziert die Abhängigkeit vom klassischen Handelsgeschäft.

Flankiert wird dieser strukturelle Wandel von der operativen Bereinigung des Kerngeschäfts. Sollte die Entflechtung wie geplant gelingen, würde Thyssenkrupp schrittweise von konglomeratstypischen Bewertungsabschlägen befreit.

Altlasten und ungelöste Eigentümerstrukturen

Dem Erholungsszenario stehen jedoch erhebliche strukturelle Risiken gegenüber. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass freiwillige Produktionsdrosselungen einzelner Stahlregionen oft nur von kurzer Dauer sind.

Sollte die internationale Nachfrage schwach bleiben, könnten Marktteilnehmer ihre Produktionsdisziplin rasch wieder aufgeben und die Exportmengen erneut erhöhen. Ein solcher Rückschlag würde Thyssenkrupp inmitten einer kostspieligen Neuaufstellung treffen.

Zudem belasten die Restrukturierungsaufwendungen das Gesamtergebnis erheblich.

Zwar existiert seit dem 16. Dezember 2025 eine gesicherte Restrukturierungsvereinbarung mit der IG Metall, die bis zum 30. September 2030 läuft und den finanziellen Rahmen absteckt. Dennoch bleibt die Zukunft der Stahlsparte komplex: Der geplante Verkauf an Jindal Steel ist weiterhin nicht final vollzogen.

Solange die vertragliche Trennung und die künftigen Eigentumsverhältnisse nicht verbindlich besiegelt sind, tragen die Anteilseigner das volle operative Risiko eines konjunkturellen Abschwungs.

Weichenstellung für die kommenden Monate

Die weitere Entwicklung des Papiers hängt nun von der Stabilität der jüngsten Gewinne ab. Solange die Notierung oberhalb des 50-Tage-Durchschnitts von 13,31 Euro verharrt, bleibt der mittelfristige Aufwärtstrend intakt.

In diesem Fall eröffnet das aktuelle Marktumfeld die Chance, das 52-Wochen-Hoch weiter zu testen. Kippt die Branchenstimmung hingegen und verpuffen die Signale zur Produktionsbeschränkung, droht ein erneuter Rückfall in Richtung der charttechnischen Unterstützungen im Bereich der Zwölf-Euro-Marke.

Als nächster wesentlicher Katalysator für die Bewertung gilt der weitere Fortschritt bei der operativen Umsetzung der TK-Accelis-Abspaltung sowie belastbare Details zu den Verhandlungen über den Verkauf der Stahlsparte an Jindal Steel. Erst wenn hier rechtssichere Fakten geschaffen sind, wird sich zeigen, ob der jüngste Anstieg fundamental untermauert ist.

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