Thyssenkrupp nach der Kurszielrallye: Wie tragfähig ist das 18-Euro-Szenario?

Thyssenkrupp verbessert das bereinigte EBIT, doch Einmaleffekte und sinkende Umsätze stellen die Nachhaltigkeit der Erholung infrage.

Die Kernpunkte:
  • Deutsche Bank hebt Kursziel auf 18 Euro
  • Aktie steigt binnen Jahresfrist um 63 Prozent
  • Bereinigtes EBIT wächst im dritten Quartal
  • Börsennotierung von tk accelis vorgesehen

Ausgangslage

Die Deutsche Bank hat gestern ihr Kursziel für Thyssenkrupp auf 18 Euro angehoben und die Einstufung „Buy“ bestätigt. Die Aktie reagierte mit einem Sprung um 6,0 Prozent und schloss bei 15,20 Euro – nur noch 0,7 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 15,30 Euro. Damit hat sich die Kurszielanhebung als unmittelbarer Auslöser des jüngsten Kurssprungs erwiesen, doch die eigentliche Frage für Anleger reicht weiter: Trägt die fundamentale Basis diese Neubewertung, oder ist der Markt der Analystenmeinung bereits vorausgeeilt?

Der Blick auf die Kennzahlen zeigt eine Aktie im Höhenflug: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 63 Prozent zu Buche, allein in den vergangenen 30 Tagen legte der Kurs um 21 Prozent zu.

Der Relative-Stärke-Index von 68,8 signalisiert, dass die Aktie technisch nahe an überkauftem Terrain notiert. Eine Korrektur wäre nach einer solchen Rally keine Überraschung – die Frage ist, ob die Fundamentaldaten einen höheren Bewertungsansatz weiterhin stützen.

Die entscheidende Frage

Im Zentrum steht die Nachhaltigkeit der operativen Verbesserung, die Thyssenkrupp vor gut drei Wochen mit der Anhebung der Gewinnprognose signalisiert hat.

Der bereinigte operative Gewinn im dritten Quartal legte um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro zu, auf Neunmonatssicht stieg das bereinigte EBIT um 62 Prozent auf 591 Millionen Euro. Der Konzern engte die Guidance für das bereinigte EBIT auf eine Spanne von 600 bis 900 Millionen Euro nach oben ein.

Entscheidend ist, ob diese Verbesserung aus struktureller Kostendisziplin stammt oder aus Sondereffekten. Ein Teil des positiven Nettoergebnisses von 34 Millionen Euro im Quartal – nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahr – geht auf einen bilanziellen Effekt von 131 Millionen Euro aus dem Verkauf der HKM-Anteile an Salzgitter zurück.

Zieht man diesen Einmaleffekt ab, bleibt eine deutlich schmalere operative Verbesserung. Ob Stahlgeschäft, Marinesparte und Materialhandel diese Dynamik ohne weitere Sondereffekte fortsetzen können, wird die kommenden Quartale zeigen.

Bullisches Szenario

Für optimistische Anleger sprechen mehrere Faktoren zusammen. Die Analysten-Upgrade-Welle ist breit abgestützt: Die DZ Bank hob Mitte des Monats ihre Einstufung von Hold auf Buy mit einem neuen Kursziel von 16 Euro, die Bank of America erhöhte ihr Ziel auf 22 Euro. Diese Bandbreite an Kurszielen von 16 bis 22 Euro deutet darauf hin, dass selbst nach der jüngsten Rally noch Aufwärtspotenzial gesehen wird.

Hinzu kommt die geplante Verselbstständigung der Werkstoffsparte tk accelis, deren Börsennotierung für Ende Oktober vorgesehen ist – ein Schritt, der die Konzernstruktur vereinfachen und Kapital freisetzen könnte. Sollte das Effizienzprogramm die Kostenbasis nachhaltig senken und die Stahlsparte trotz schwierigem Marktumfeld stabile Margen liefern, wäre der Weg zu höheren Kurszielen frei.

Bärisches Szenario

Die Risiken sind ebenso konkret. Der Konzern senkte gleichzeitig mit der EBIT-Anhebung die Umsatzguidance auf einen erwarteten Rückgang von 1 bis 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Zeichen, dass die operative Verbesserung nicht aus Wachstum, sondern aus Kostensenkung stammt.

Die Automotive-Sparte verzeichnete im dritten Quartal einen Umsatzrückgang von 3 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro, ein Warnsignal für die Konjunkturabhängigkeit des Konzerns.

Zusätzlich belastet das extreme Niedrigwasser des Rheins die Rohstoffversorgung des Duisburger Stahlwerks. Finanzvorstand Axel Hamann versicherte zwar, die Kundenversorgung sei nicht gefährdet, doch der Konzern musste eigens eine Taskforce einrichten, um die Lage zu beobachten – ein Hinweis darauf, dass das Risiko nicht ausgeräumt ist.

Sollte sich die Wasserstandslage verschärfen, könnte die Produktion in Duisburg empfindlich getroffen werden, kurz nachdem die operative Erholung erst begonnen hat.

Auch die gescheiterten Verhandlungen mit Jindal Steel über eine Beteiligung an Thyssenkrupp Steel Europe im Frühjahr zeigen, dass die strategische Neuordnung der Stahlsparte kein geradliniger Prozess ist. Der seither verfolgte Spin-off-Ansatz für die Stahltochter bleibt eine Option unter mehreren, keine beschlossene Sache.

Ausblick

Solange die operative Verbesserung über die kommenden Quartale ohne neue Sondereffekte anhält und die Rheinschifffahrt die Rohstoffversorgung in Duisburg nicht ernsthaft unterbricht, dürfte das bullische Lager mit Kurszielen bis 22 Euro recht behalten.

Kippt jedoch die zugrunde liegende Ergebnisqualität – etwa weil der HKM-Effekt im kommenden Quartal fehlt und die Automotive-Schwäche auf andere Segmente übergreift – droht der RSI-Wert von 68,8 zur Warnung vor einer technischen Korrektur zu werden.

Der nächste konkrete Prüfstein ist die für Ende Oktober geplante Börsennotierung von tk accelis, die zeigen wird, ob die Kapitalmarktstory des Konzerns auch ohne Sondereffekte überzeugt.

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