Thyssenkrupp vor der Bewertungsprobe: Trägt der Aufschwung die neuen Kursziele?
Thyssenkrupp klettert nach höheren Analystenzielen auf 15,20 Euro. Ergebnisfortschritte und Konzernumbau stehen schwacher Nachfrage gegenüber.

- Aktie steigt auf 15,20 Euro
- BofA und Deutsche Bank erhöhen Ziele
- Bereinigtes EBIT wächst um zehn Prozent
- Auftragseingang und Ergebnis bleiben belastet
Ausgangslage
Thyssenkrupp hat am Freitag ein neues Fünf-Jahres-Hoch markiert und schloss bei 15,20 Euro, ein Plus von 6,0 Prozent auf Tagessicht. Auslöser waren zwei Analystenaktionen vom Freitag: Bank of America hob ihr Kursziel von 19 auf 22 Euro an, die Deutsche Bank von 16 auf 18 Euro. Damit liegt die Aktie nur noch 0,7 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 15,30 Euro, das erst am Freitag selbst erreicht wurde.
Parallel wurde bekannt, dass Konzernchef Miguel López zum Präsidenten von Hydrogen Europe berufen wurde, einer Brüsseler Organisation für Wasserstoffwirtschaft und Dekarbonisierung – ein Prestigegewinn, der die Sichtbarkeit des Managements erhöht, aber operativ zunächst keine Zahlen liefert.
Der Zeitpunkt der Kurszielanhebungen ist bemerkenswert: Noch im August lag der Analystenkonsens bei lediglich 14,20 Euro, bei nur vier bewertenden Häusern und einer gespaltenen Einschätzung zwischen Kauf und Halten. Innerhalb weniger Wochen hat sich das Bild also deutlich gewandelt.
Für Anleger stellt sich damit die Frage, ob dieser Sprung eine fundamentale Neubewertung der Transformation widerspiegelt – oder ob der Markt einer Rally hinterherläuft, die sich technisch bereits weit von ihrer Basis entfernt hat.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor ist, ob sich die operative Ergebnisverbesserung bei Thyssenkrupp so verstetigt, dass sie die aufgerufenen Bewertungen rechtfertigt.
Im ersten Quartal 2025/2026 stieg das bereinigte EBIT um 10 Prozent auf 211 Millionen Euro, während der Auftragseingang von 12,5 auf 7,7 Milliarden Euro einbrach und der Konzern unterm Strich einen Verlust von 334 Millionen Euro auswies, nach nur 33 Millionen Euro im Vorjahresquartal.
Die Konzernprognose für das Gesamtjahr, ein bereinigtes EBIT zwischen 500 und 900 Millionen Euro bei einem negativen Free Cashflow vor M&A von bis zu 600 Millionen Euro, wurde bestätigt, bleibt aber eine Spanne mit erheblicher Bandbreite. Ob Thyssenkrupp sich in Richtung des oberen Endes dieser Prognose bewegt, dürfte darüber entscheiden, ob die jüngsten Kurszielanhebungen Bestand haben.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die fortschreitende Entflechtung des Konzerns. Die Marineeinheit TKMS ist erfolgreich an die Börse gebracht, für den Werkstoffhändler TK Accelis haben die Aktionäre der Abspaltung zugestimmt, ein Börsengang ist noch für 2026 vorgesehen.
Der Verkauf der Automation Engineering an Agile Robots sowie ein Sanierungstarifvertrag bei Steel Europe zeigen, dass die Restrukturierung an mehreren Fronten vorankommt.
Sollte sich die Stahlsparte durch die vereinbarten Eckpunkte mit Salzgitter zur Zukunft des Hüttenwerks HKM sowie durch verbesserte Betriebsbedingungen weiter stabilisieren, könnte das bereinigte EBIT im Konzern schneller wachsen als bislang eingepreist.
Die Kurszielanhebungen von BofA und Deutsche Bank deuten darauf hin, dass zumindest zwei Häuser diesem Szenario bereits folgen. López‘ neue Rolle bei Hydrogen Europe könnte zudem die strategische Positionierung im Wasserstoffgeschäft stärken, sollte sich daraus mittelfristig eine kommerzielle Anschlussfähigkeit ergeben.
Bärisches Szenario
Dagegen steht, dass der operative Verlust im ersten Quartal deutlich zugenommen hat und der Auftragseingang spürbar zurückging. Die geplatzten Verhandlungen mit Jindal Steel International über einen Stahlsparten-Stake im Mai zeigen zudem, dass strukturelle Lösungen für die margenschwache Stahlsparte weiterhin unsicher sind.
Auch technisch mahnt die Marktlage zur Vorsicht: Der RSI liegt bei 68,8 und signalisiert eine überkaufte Aktie, während die annualisierte 30-Tage-Volatilität mit 48 Prozent auf erhebliche Kursschwankungen in beide Richtungen hindeutet.
Bleibt der freie Cashflow im negativen Bereich, wie von Thyssenkrupp selbst für das laufende Geschäftsjahr in Aussicht gestellt, könnte die Bilanz belastet werden, während die aktuelle Bewertung bereits einen deutlichen operativen Fortschritt vorwegnimmt. Sollten kommende Quartalszahlen die Erwartungen verfehlen, droht eine Korrektur der zuletzt stark gestiegenen Kursziele.
Ausblick
Solange Thyssenkrupp seine EBIT-Prognose bestätigt und die Entflechtung des Konzerns – etwa der geplante Börsengang von TK Accelis – planmäßig voranschreitet, dürfte das positive Sentiment der Analysten tragfähig bleiben.
Kippt jedoch der Auftragseingang weiter ab oder verschlechtert sich der Cashflow stärker als in der Prognosespanne vorgesehen, dürfte die Bewertungslücke zwischen aktuellem Kurs und operativer Realität schnell wieder sichtbar werden.
Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger sind die kommenden Quartalszahlen, an denen sich zeigen muss, ob die im ersten Quartal begonnene Ergebnisverbesserung anhält oder ob der jüngste Kursanstieg der Realität vorausgeeilt ist.
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