TKMS Aktie: 20,1 Milliarden Euro Backlog nach Kanada-Deal

TKMS meldet Rekordauftragsbestand von 20,1 Mrd. Euro und hebt Prognose deutlich an. Der Kanada-Deal treibt Umsatz und Gewinn im U-Boot-Geschäft.

Die Kernpunkte:
  • Rekordauftragsbestand von 20,1 Milliarden Euro
  • U-Boot-Gewinn verdreifacht auf 46 Millionen Euro
  • Kanada-Deal: Größter Einzelauftrag der Firmengeschichte
  • Prognose für Umsatzwachstum deutlich angehoben

Es gibt Momente, in denen eine einzelne Bilanz mehr über eine Volkswirtschaft erzählt als jeder Konjunkturbericht. TKMS liefert gerade so einen Moment.

Während der deutsche Maschinenbau im Juni auf den niedrigsten Produktionsstand seit einem Jahr fiel, meldet der Kieler U-Boot- und Fregattenbauer eine Auftragslage, die man sich vor wenigen Jahren kaum hätte vorstellen können: 20,1 Milliarden Euro Backlog, ein U-Boot-Segment, dessen Gewinn sich verdreifacht hat, und eine Jahresprognose, die von 2 bis 5 Prozent Umsatzwachstum auf 10 bis 12 Prozent angehoben wurde.

Der Auslöser ist konkret. Kanada hat TKMS als bevorzugten Lieferanten für bis zu zwölf U-Boote ausgewählt – der größte Einzelauftrag der Firmengeschichte. In den neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres kletterte der Umsatz um 19 Prozent auf 1,89 Milliarden Euro, das Ergebnis im U-Boot-Geschäft stieg um 300 Prozent auf 46 Millionen Euro.

Der Markt hat reagiert: Der Kurs sprang nach den Zahlen zeitweise um 18 Prozent, Analysten heben ihre Schätzungen an – für 2027 werden nun 2,80 Milliarden Euro Umsatz und ein Gewinn je Aktie von 2,70 Euro erwartet, mehr als eine Verdopplung gegenüber der bisherigen Prognose.

Kiel, Wismar und die neue Nachfrage aus Übersee

Man muss sich klarmachen, was da eigentlich passiert. Kiel und Wismar, zwei Werftstandorte, die über Jahrzehnte im Schatten der zivilen Schifffahrtskrise standen, werden nun zu Zentren einer globalen Nachrufrüstung. Der Kanada-Deal ist dabei nur die sichtbarste Spitze.

Parallel verhandelt TKMS mit Indien über sechs plus drei weitere U-Boote, bietet Rheinmetall eine Beteiligung am zweiten Los der F128-Fregatten an und bringt mit dem SeaSpider-Torpedo ein Produkt in Stellung, das ab 2027 auch an die US Navy verkauft werden soll. Wer glaubt, deutsche Industriepolitik erschöpfe sich im Verwalten des Niedergangs, sollte einen Blick auf diese Auftragspipeline werfen.

Diese Entwicklung steht nicht isoliert da. Die deutsche Industriestatistik für Juni zeigt ein Land in zwei Geschwindigkeiten: Während der Maschinenbau-Index auf 84,2 Punkte fiel, ein Minus von 16 Prozent gegenüber 2021, kletterte der Index für Waffen und Munition auf 273,5 Punkte – ein Plus von fast 174 Prozent im selben Vergleich. Das ist keine zyklische Delle, das ist eine strukturelle Verschiebung der industriellen Basis.

Die Bundeswehr selbst treibt diesen Trend: Für die zweite Jahreshälfte sind rund 100 weitere Rüstungsprojekte mit einem Volumen von jeweils mehr als 25 Millionen Euro geplant, nach 100 im Vorjahr sollen es 2027 bis zu 170 werden.

Was bleibt vom Bewertungsargument?

Hier drängt sich die eigentliche Frage auf: Trägt dieses Wachstum die Bewertung, die der Markt der Aktie inzwischen zugesteht? Der Kurs schloss am Freitag bei 105,00 Euro, ein Plus von 1,9 Prozent an diesem Tag, nach einem Wochenzuwachs von 19 Prozent und einem Monatsplus von 29 Prozent.

Seit Jahresbeginn steht ein Kursgewinn von 59 Prozent zu Buche, die Marktkapitalisierung liegt bei 5,60 Milliarden Euro. Ein Analystenkonsens sieht das Kursziel bei rund 111 Euro, mit einer Spanne von 95 bis 140 Euro – Ausdruck einer Unsicherheit darüber, wie nachhaltig das aktuelle Tempo ist.

Diese Unsicherheit ist berechtigt, denn Rüstungsaufträge dieser Größenordnung sind politische Entscheidungen, keine reinen Marktvorgänge. Der Kanada-Deal muss noch final verhandelt werden, ebenso das Indien-Geschäft.

Und die Finanzierung der deutschen Aufrüstung selbst steht auf wackligen Beinen: Mit dem geplanten Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und von der Schuldenbremse ausgenommenen Verteidigungsausgaben dürfte die deutsche Schuldenquote von derzeit 62,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf Schätzungen zufolge bis zu 105 Prozent im Jahr 2034 steigen. TKMS profitiert von einem Umbau der deutschen Fiskalpolitik, dessen langfristige Tragfähigkeit selbst umstritten ist.

Was bleibt, ist ein Unternehmen, das binnen weniger Monate von einem Nischenanbieter zu einem der gefragtesten Rüstungskonzerne Europas aufgestiegen ist – getragen von einer geopolitischen Lage, die sich nicht so schnell entspannen dürfte, wie sie entstanden ist.

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