TKMS nach der Rekord-Auftragsflut: Wovon die nächste Kursetappe abhängt

TKMS verzeichnet dank Kanada-Deal Rekordauftragsbestand und hebt Prognose an. Der freie Cashflow bleibt jedoch negativ, was die Finanzierung künftiger Großprojekte zur Schlüsselfrage macht.

Die Kernpunkte:
  • Kanada-Auftrag: 20 Mrd. Euro Volumen
  • Prognose angehoben: Umsatzplus bis 12 Prozent
  • Auftragsbestand erreicht 20,1 Mrd. Euro
  • Freier Cashflow bleibt negativ

Ausgangslage

Kanada hat sich am 7. Juli für die U-Boot-Klasse 212CD von TKMS entschieden – bis zu zwölf Boote, ein Auftragsvolumen von rund 20 Milliarden Euro allein für Bau und Service, über Jahrzehnte gerechnet sogar rund 62 Milliarden Euro. Es ist der größte Einzelauftrag der Unternehmensgeschichte.

Seither steht TKMS nicht mehr nur als Rüstungsprofiteur da, sondern als Anbieter, der westlichen Marinen gegen die südkoreanische Konkurrenz von Hanwha Ocean den Zuschlag abringen kann.

Am 12. August folgte mit den Neunmonatszahlen die zweite Guidance-Anhebung des Jahres – Umsatzwachstum nun mit 10 bis 12 Prozent statt zuvor 2 bis 5 Prozent avisiert, die bereinigte EBIT-Marge soll bis zu 6,5 Prozent erreichen.

Der Auftragsbestand kletterte zum 30. Juni auf 20,1 Milliarden Euro, die Book-to-Bill-Ratio liegt bei 2,0x – TKMS nimmt also doppelt so viele neue Aufträge herein, wie es abarbeitet.

Die Aktie hat diese Nachrichtenkette honoriert: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 49 Prozent, in den vergangenen 30 Tagen kamen 24 Prozent hinzu. Am heutigen Dienstag notiert das Papier bei 98,70 Euro, leicht unter dem Vortagesschluss von 99,20 Euro. Damit zählt die Frage, ob Kanada, Indien und die deutschen Marineprogramme tatsächlich in belastbare Zahlungsströme münden, jetzt mehr als jede einzelne Nachricht der vergangenen Wochen.

Die entscheidende Frage

Der Knackpunkt ist der freie Cashflow. In den ersten neun Monaten lag er bei minus 204 Millionen Euro – im Vorjahr standen noch plus 631 Millionen Euro zu Buche. Der Auftragsberg wächst schneller als das Geld, das er tatsächlich einbringt, weil Großprojekte wie Kanada oder ein mögliches Indien-Geschäft erst Vorleistungen, Werftkapazitäten und Materialbeschaffung verlangen, bevor Zahlungen fließen.

Die Nettofinanzposition sank von 1,313 Milliarden Euro Ende September auf 834 Millionen Euro zum 30. Juni, auch wegen einer Einmalzahlung von rund 285 Millionen Euro an die frühere Konzernmutter thyssenkrupp im Zuge der Abspaltung.

Die Nettoverschuldung bleibt mit 37 Millionen Euro niedrig, die Liquidität von 1,218 Milliarden Euro komfortabel – aber die Richtung des Cashflows entscheidet, ob TKMS die Auftragsflut aus eigener Kraft finanzieren kann oder ob Kapitalbedarf entsteht, sobald Kanada und Indien in die Bauphase gehen.

Bullisches Szenario

Bestätigt sich das Bild eines Verkäufermarkts, wie es Vorstandschef Oliver Burkhard beschreibt, dürfte sich die Preissetzungsmacht von TKMS weiter verbessern. Neue Nachfrage aus den Anrainerstaaten des Persischen Golfs für Minenräumfähigkeiten infolge des Iran-Konflikts käme zur bestehenden Pipeline hinzu.

Setzt sich TKMS zusätzlich als bevorzugter Bieter für das indische P-75I-Programm (6 plus 3 U-Boote) sowie für die deutschen Fregattenprogramme F127 und A-200 durch, wüchse der Auftragsbestand über die aktuellen 20,1 Milliarden Euro deutlich hinaus.

Bernstein hob das Kursziel am 12. August von 76 auf 125 Euro an und stufte die Aktie auf Outperform hoch, Bankhaus Metzler bestätigte am selben Tag ein Buy-Rating mit einem auf 115 Euro angehobenen Kursziel. Beide Häuser gehen also von weiterem Kurspotenzial aus, sollte sich die operative Entwicklung fortsetzen.

Bärisches Szenario

Der Auftragseingang der ersten neun Monate lag mit 3,6 Milliarden Euro deutlich unter den 8,6 Milliarden Euro des Vorjahreszeitraums, der noch sechs U-Boot-Aufträge und den Polarstern-Vertrag enthielt – ein Hinweis darauf, wie unregelmäßig Großaufträge im Rüstungsgeschäft anfallen und wie sehr Einzeljahre von Ausreißern geprägt sein können.

Bleibt der freie Cashflow negativ, während gleichzeitig Capex für den Kapazitätsausbau in Kiel und Wismar steigt, könnte TKMS gezwungen sein, Finanzierungsspielräume stärker zu nutzen als bislang gedacht.

Zudem ist der kanadische Auftrag bislang als bevorzugter Bieter vergeben, ebenso wie die indische und die deutschen Fregattenprogramme – vertragliche Unterzeichnungen und damit belastbare Zahlungspläne stehen noch aus. Die annualisierte Volatilität von 52 Prozent zeigt zudem, wie nervös der Markt auf neue Nachrichten reagiert, was Rücksetzer bei ausbleibenden Bestätigungen wahrscheinlicher macht.

Ausblick

Solange sich der Auftragsbestand weiter oberhalb der Umsatzrealisierung bewegt und die als bevorzugter Bieter geführten Programme in Kanada, Indien und Deutschland tatsächlich in unterschriftsreife Verträge münden, bleibt das Wachstumsnarrativ intakt.

Kippt hingegen der freie Cashflow nicht in den positiven Bereich, sobald die Großprojekte in die Bauphase übergehen, dürfte die Finanzierungsfrage stärker in den Vordergrund rücken als die reine Auftragsdynamik. Der nächste konkrete Prüfstein ist der Jahresabschluss zum 30. September 2026, mit dem sich zeigen wird, ob die zweite Guidance-Anhebung des Jahres tatsächlich Bestand hat.

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