Valneva Aktie: Stammsitz in Nantes für 6,2 Millionen verkauft

Valneva veräußert seinen Standort in Nantes, während der Nettoverlust im ersten Halbjahr auf 63,3 Millionen Euro steigt. Die Prognose für 2026 bleibt bestehen.

Die Kernpunkte:
  • Verkauf des Firmensitzes in Nantes
  • Nettoverlust steigt auf 63,3 Millionen
  • IXCHIQ-Impfkampagne in Brasilien gestartet
  • Zulassungsentscheidung für Lyme-Kandidat erwartet

Manchmal erkennt man den Charakter eines Unternehmens nicht an dem, was es aufbaut, sondern an dem, was es abzustoßen bereit ist. Valneva hat diese Woche seinen Stammsitz in Nantes zum Verkauf gestellt – für 6,2 Millionen Euro an die Metropolregion Nantes, Abschluss im September geplant. Wer ein Unternehmen kennt, das über Jahre an seinem historischen Standort festhält, spürt hier eine Zäsur.

Die Hauptversammlung im Juni hatte den Umzug des Firmensitzes nach Lyon bereits beschlossen, dort wurde auch Gerd Zettlmeissl zum neuen Vorsitzenden des Board of Directors bestellt. Ein biotechnologisches Unternehmen, das seine physische Vergangenheit verkauft, um seine Pipeline zu finanzieren – das ist die eigentliche Geschichte hinter den Zahlen, die Valneva am Donnerstag vorgelegt hat.

Und die Zahlen sind hart. Der Nettoverlust verdreifachte sich im ersten Halbjahr auf 63,3 Millionen Euro, verglichen mit 20,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Belastet haben niedrigere Bruttomargen durch schwächere Verkaufs- und Produktionsvolumen sowie Einmaleffekte – darunter Kosten für die Beendigung eines Vertrags rund um den Chikungunya-Impfstoff IXCHIQ® und Abschreibungen auf Lagerbestände.

Gleichzeitig wuchs die Kassenposition auf 121,5 Millionen Euro, nach 109,7 Millionen Euro zum Jahresende 2025. Das ist die Paradoxie kleiner Impfstoffhersteller in einer Phase geopolitischer Unsicherheit: Man verbrennt mehr Geld, hält aber gleichzeitig mehr Liquidität vor, weil man weiß, dass der nächste Rückschlag nicht weit ist.

Reisetourismus als Belastungsfaktor eines globalen Trends

Valneva bestätigte trotz allem seine Prognose für 2026: Produktumsätze zwischen 135 und 150 Millionen Euro, Gesamterlöse zwischen 145 und 160 Millionen Euro. Bemerkenswert ist die Formulierung, mit der das Unternehmen diese Zahlen verteidigt – „geopolitische Gegenwinde auf Reise-Impfstoffe“.

Wer in den vergangenen Jahren beobachtet hat, wie eng globale Mobilität, geopolitische Spannungen und Gesundheitsvorsorge miteinander verwoben sind, erkennt hier ein strukturelles Muster, das über Valneva hinausweist: Impfstoffe gegen Reisekrankheiten sind ein Geschäft, das an der Weltlage hängt, nicht nur an der eigenen Forschung.

Immerhin gibt es Fortschritte im Feld. In Brasilien läuft die erste großangelegte öffentliche Impfkampagne mit IXCHIQ®, getragen vom brasilianischen Gesundheitsministerium gemeinsam mit Valneva und dem Instituto Butantan. Rund 50.000 Erwachsene zwischen 18 und 59 Jahren wurden bislang geimpft – ein Beleg dafür, dass der Impfstoff trotz der Vertragsbeendigung anderswo noch Rückenwind bekommt.

Die Lyme-Borreliose-Wette mit Pfizer bleibt der große Hebel

Der strategisch bedeutsamste Baustein bleibt die Partnerschaft mit Pfizer rund um den Lyme-Borreliose-Impfstoffkandidaten LB6V. Die Phase-3-Studie VALOR hatte im März eine Wirksamkeit von 73,2 Prozent ab 28 Tagen nach der vierten Dosis in der zweiten Saison gezeigt, beziehungsweise 74,8 Prozent bereits einen Tag nach der vierten Dosis – bei guter Verträglichkeit ohne erkennbare Sicherheitsbedenken.

Pfizer hat sich inzwischen mit Regulierungsbehörden abgestimmt, um mögliche Wege zur Zulassung zu klären, und zeigt sich optimistisch. Eine regulatorische Entscheidung wird innerhalb der kommenden zwölf Monate erwartet. Für ein Unternehmen dieser Größe wäre eine Zulassung ein Ereignis, das die gesamte Bewertung neu justieren könnte.

Daneben treibt Valneva mit S4V2, einem tetravalenten Shigella-Impfstoffkandidaten, das nach eigener Aussage weltweit am weitesten fortgeschrittene Programm dieser Art voran. Zwei Studien laufen parallel – eine Phase-2-Sicherheitsstudie an Säuglingen sowie eine von LimmaTech Biologics gesponserte Phase-2b-Humanchallenge-Studie. Ergebnisse aus beiden werden im dritten Quartal erwartet.

Was der Kurs von der Geschichte hält

Der Aktienkurs schloss gestern bei 2,41 Euro, nach einem Minus von 1,3 Prozent am Vortag. Auf Sicht von 30 Tagen steht dennoch ein Plus von 9,1 Prozent zu Buche – der Markt hat die Restrukturierung offenbar nicht durchweg negativ bewertet. Zum 52-Wochen-Hoch von 5,36 Euro, erreicht im August vergangenen Jahres, klafft weiterhin eine erhebliche Lücke.

Wer die Aktie über zwölf Monate verfolgt, sieht ein Minus von 45 Prozent – ein Kursverlauf, der die Risiken der Branche im Kleinen abbildet: Kapitalintensive Forschung, Abhängigkeit von Zulassungsentscheidungen, und ein Geschäft mit Reise-Impfstoffen, das an der Weltlage hängt wie ein Segel am Wind.

Die im April abgeschlossene Kapitalerhöhung über 84 Millionen Euro, angeführt von Frazier Life Sciences mit Beteiligung unter anderem von TCGX und Perceptive Advisors, zeigt zumindest, dass spezialisierte Investoren der Story noch etwas zutrauen.

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