Verbio bricht ein, Siemens Energy wackelt – grüne Aktien uneins

Ein US-Quartalsbericht verunsichert den Ökostrom-Sektor. Siemens Energy erholt sich, während Verbio erneut fällt. ABO Wind und Vulcan Energy bleiben unter Druck.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy erholt sich von GE-Vernova-Schock
  • Verbio erleidet erneuten Kursrücksetzer
  • ABO Wind setzt Sanierung mit Projektverkäufen fort
  • Energiekontor sichert Grünstrom-Deal mit dm

Ein einziger Quartalsbericht aus den USA hat gereicht, um den europäischen Ökostrom-Sektor durcheinanderzuwirbeln. Während sich Siemens Energy von einem heftigen Rücksetzer erholt, rutscht Verbio erneut ab – und zeigt damit, wie unterschiedlich Anleger dieselbe Branche derzeit bewerten. Fünf Aktien, fünf völlig verschiedene Geschichten.

Sektorüberblick: Ein US-Beben schwappt nach Europa

Auslöser der jüngsten Turbulenzen war ein Name, der auf den ersten Blick nichts mit deutschen Ökostrom-Werten zu tun hat: GE Vernova. Der US-Konzern hatte seine Umsatzprognose angehoben, verfehlte damit aber offenbar die noch höheren Erwartungen der Investoren an die Margenentwicklung im Offshore-Windgeschäft. Die Aktie brach daraufhin deutlich ein.

Weil GE Vernovas Windsparte in direkter Konkurrenz zu Siemens Energys Tochter Gamesa steht, sprang die Verunsicherung prompt auf Europa über. Großkonzerne mit ambitionierten Bewertungen gerieten unter Druck, während kleinere Projektentwickler wie ABO Wind und Energiekontor mit ihren eigenen, hausgemachten Themen kämpfen. Biokraftstoff-Produzent Verbio bleibt ohnehin einer der volatilsten Werte im deutschen Nebenwerte-Segment, und Lithium-Geothermie-Spezialist Vulcan Energy dümpelt still vor sich hin, nahe seiner Mehrjahrestiefs.

Siemens Energy: Erholung nach dem Schreckmoment

Nach dem Nervositätsschub durch GE Vernova zeigt sich bei Siemens Energy heute eine Gegenbewegung. Die Aktie legt um 0,61 Prozent auf 150,86 Euro zu, nach einem Schlusskurs von 149,94 Euro am Vortag. Auf Wochensicht steht sogar ein Plus von 1,89 Prozent zu Buche – trotz eines Rückgangs von 5,12 Prozent auf Monatssicht.

Der Blick auf die längere Frist relativiert die Nervosität der vergangenen Tage. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 25,30 Prozent gewonnen, binnen zwölf Monaten sogar 55,72 Prozent. Vom Rekordhoch bei 195,54 Euro, erreicht im April, trennen sie derzeit noch 22,85 Prozent.

JPMorgan-Analyst Phil Buller stufte den Kursrückgang von bis zu neun Prozent als übertrieben ein und bekräftigte die Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 235 Euro. Er rät, die Schwäche zum Einstieg zu nutzen. Barclays sieht das differenzierter: Die Bank erhöhte ihr Kursziel zwar von 110 auf 130 Euro, stufte die Aktie aber gleichzeitig herab, weil sie ab 2026 eine Normalisierung der Gasturbinen-Bestellungen auf 80 bis 90 Gigawatt pro Jahr erwartet – mit einem bereits erreichten Höhepunkt beim freien Cashflow.

Operativ bleibt das Geschäft robust. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 verbuchte Siemens Energy Aufträge im Volumen von 17,7 Milliarden Euro und hob die Jahresprognose an: Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent, ein Nettogewinn von rund 4 Milliarden Euro und ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu 2 Milliarden Euro sind das Ziel. Am 5. August steht mit den Zahlen zum dritten Quartal der nächste wichtige Termin an.

ABO Wind: Sanierung läuft, der Kurs leidet weiter

Während Siemens Energy sich stabilisiert, geht es bei ABO Wind – inzwischen unter dem Namen ABO Energy firmierend – heute deutlich bergab. Die Aktie verliert 6,28 Prozent auf 3,35 Euro, nach einem Vortagesschluss von 3,58 Euro. Auf Wochensicht summiert sich das Minus auf 7,83 Prozent, über 30 Tage sind es 9,93 Prozent.

Operativ tut sich trotz der laufenden Restrukturierung einiges. Das Unternehmen verkaufte zuletzt zwei deutsche Windprojekte – ein Repowering-Vorhaben im saarländischen Marpingen ging an Encavis, eine Anlage im hessischen Großenlüder an KB Renewables. Beide sollen bis Mitte 2027 ans Netz gehen.

Auch im Solar- und Batteriegeschäft kommt Bewegung ins Portfolio: Der Solarpark Würges befindet sich im Bau, das Projekt Schlangenbad steht kurz vor Baubeginn, Ober-Olm wurde genehmigt, und Schömberg soll noch in diesem Monat ans Netz gehen. International verkaufte ABO Energy zudem ein Solarportfolio mit 37,8 Megawatt in Kolumbien an die NOVVA Group, das ab 2028 Strom liefern soll.

Bei einer Marktkapitalisierung von nur noch rund 32 Millionen Euro bleibt ABO Energy ein Sanierungsfall mit erheblicher Nettoverschuldung im Verhältnis zum Eigenkapitalwert. Die Hauptversammlung am 13. August dürfte zeigen, wie glaubwürdig das Management die Wende kommunizieren kann.

Vulcan Energy: Stille Talfahrt nahe Mehrjahrestief

Kaum Nachrichten, aber ein Kurs, der immer weiter abrutscht: Vulcan Energy notiert aktuell bei 1,62 Euro, ein Minus von 1,88 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss von 1,65 Euro. Über sieben Tage beträgt der Rückgang 3,11 Prozent, über 30 Tage sogar 18,57 Prozent.

Die längerfristige Bilanz fällt entsprechend trist aus. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 36,44 Prozent verloren, binnen zwölf Monaten 33,31 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 3,98 Euro, markiert im Oktober, trennen mittlerweile 59,27 Prozent – während der Kurs seinem frischen Jahrestief bei 1,60 Euro nur noch hauchdünn entfernt notiert.

Fundamentale Impulse bleiben rar. Eine Stimmrechtsmitteilung zeigte zuletzt, dass State Street Corporation seinen Anteil zum 1. Juli auf 3,01 Prozent erhöht und damit die Meldeschwelle überschritten hat, nachdem frühere Meldungen zwischen 2,90 und 3,04 Prozent schwankten. Am Zero-Carbon-Lithium-Projekt im Oberrheingraben, das Geothermie-Energiegewinnung mit Lithiumhydroxid-Produktion verbindet, hält Vulcan fest – der kommerzielle Hochlauf hinkt aber wiederholt hinter den ursprünglichen Zeitplänen hinterher. Ein charttechnisch wichtiger Unterstützungsbereich um 1,78 Euro wurde damit bereits unterschritten.

Energiekontor: Grünstrom-Deal als Lichtblick

Nach einem schwierigen Frühjahr zeigt Energiekontor zumindest Ansätze einer Stabilisierung, auch wenn der heutige Handelstag wieder rot ausfällt. Die Aktie notiert bei 35,60 Euro, ein Rückgang von 1,66 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss von 36,20 Euro. Über 30 Tage beträgt das Minus 8,13 Prozent, seit Jahresbeginn liegt die Aktie mit 0,97 Prozent nahezu unverändert.

Der eigentliche Lichtblick kam operativ: Energiekontor vereinbarte mit EHA und der Drogeriekette dm eine langfristige Grünstrom-Belieferung aus dem Solarpark Kolitzheim-Herlheim. Ergänzt wird das durch ein neues Aktienrückkaufprogramm über bis zu 80.000 Aktien mit einem Volumen von bis zu 9 Millionen Euro, nachdem zuvor bereits 47.314 eigene Aktien aus einem älteren Programm eingezogen worden waren.

Bei einem KGV von 12,17 und einer Dividendenrendite von 2,80 Prozent gilt die Aktie in Anlegerkreisen als vergleichsweise günstig bewertet – insbesondere mit Blick auf die Projektpipeline von rund 12 Gigawatt. Zwei Solarparks mit zusammen etwa 110 Megawatt sollen in Kürze über langfristige Stromabnahmeverträge in Betrieb gehen.

Verbio: Erneuter Ausverkauf unterbricht die Erholung

Der klare Verlierer des Tages ist Verbio. Die Aktie fällt um 4,19 Prozent auf 32,44 Euro, nach einem Schlusskurs von 33,86 Euro am Vortag. Damit setzt sich ein Muster fort, das den Wert schon seit Wochen prägt: heftige Ausschläge in beide Richtungen.

Auf Wochensicht steht trotz des heutigen Rücksetzers noch ein Plus von 1,19 Prozent zu Buche, über 30 Tage sogar von 10,04 Prozent. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 53,02 Prozent gewonnen, binnen zwölf Monaten liegt das Plus bei bemerkenswerten 159,73 Prozent – nach einem bereits turbulenten Juni mit deutlichen Verlusten im Monatsverlauf.

Die Diskussion um regulatorische Faktoren wie die RED-III-Richtlinie, die E20-Beimischungsquote und die Biomasse-Nachfrage bestimmt weiterhin das Bild. Hinzu kommen Spekulationen über mögliche Partnerschaften mit BASF oder Evonik. Bei einem für 2026 geschätzten KGV von rund 39 ist die Bewertung mittlerweile so anspruchsvoll, dass schon kleinere Enttäuschungen bei Wachstum oder Margen empfindliche Kursreaktionen auslösen können. Neue Analysten-Einschätzungen begleiteten den heutigen Rückgang nicht – vieles spricht daher für klassische Gewinnmitnahmen nach der starken Rally der vergangenen Monate.

Sektordynamik im Überblick

  • Siemens Energy: Erholung nach GE-Vernova-Schock, JPMorgan sieht Kaufgelegenheit, Barclays warnt vor Normalisierung der Auftragslage
  • ABO Wind: Fortlaufende Sanierung, operative Projektverkäufe in Deutschland und Kolumbien, Kurs bleibt unter Druck
  • Vulcan Energy: Nachrichtenarme Talfahrt, technische Unterstützung durchbrochen, kommerzieller Hochlauf verzögert sich
  • Energiekontor: Neuer Grünstrom-Liefervertrag mit dm, Aktienrückkauf läuft, Bewertung gilt als moderat
  • Verbio: Hohe Volatilität trotz starker Jahresperformance, anspruchsvolle Bewertung erhöht Schwankungsanfälligkeit

Ausblick: Worauf Anleger jetzt achten

Der nächste Prüfstein für den Sektor ist der Quartalsbericht von Siemens Energy am 5. August, der zeigen muss, ob die Auftragsdynamik die Sorgen um eine Normalisierung im Turbinengeschäft aufwiegen kann. Der Analysten-Konsens erwartet dabei einen Gewinn je Aktie von 1,15 Euro bei einem Umsatz von 11,19 Milliarden Euro.

Für ABO Wind wird die Hauptversammlung am 13. August zeigen, wie überzeugend das Management die Sanierung kommunizieren kann. Bei Energiekontor entscheidet die Umsetzung der Projektpipeline in tatsächliche Betriebskapazität über die weitere Kursentwicklung, während Vulcan Energy vor allem beweisen muss, dass die kommerzielle Lithiumproduktion endlich in Gang kommt. Verbio wiederum dürfte weiterhin an regulatorischen Entscheidungen rund um Beimischungsquoten und möglichen Fortschritten bei Industriepartnerschaften gemessen werden – Themen, die in den kommenden Wochen für weitere Ausschläge sorgen könnten.

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