Verbios Kurssprung überstrahlt Sorgenkind ABO Wind im Grünstrom-Sektor

Verbio legt zweistellig zu, während ABO Wind bis Ende Juli eine Sanierungsfinanzierung benötigt. Siemens Energy und RWE zeigen stabile Aufwärtstrends.

Die Kernpunkte:
  • Verbio mit kräftiger Wochenerholung
  • ABO Wind vor existenzieller Finanzierungsfrist
  • Siemens Energy und RWE im Aufwind
  • Energiekontor trotz Aktienrückkaufs schwach

Fünf Aktien, fünf völlig unterschiedliche Geschichten: Während Verbio binnen einer Woche zweistellig zulegt, steuert ABO Wind auf eine Frist zu, die über die Existenz des Unternehmens entscheiden könnte. Dazwischen behaupten sich Siemens Energy und RWE mit soliden Aufwärtstrends, während Energiekontor trotz Rückkaufprogramm nicht vom Fleck kommt. Der Grünstrom-Sektor zeigt sich derzeit so gespalten wie selten.

Siemens Energy: Erholung nach Rücksetzer, Bewertung bleibt ambitioniert

Die Aktie hat sich zuletzt kräftig erholt. Nach dem Schlusskurs von 164,98 Euro liegt der Titel binnen sieben Handelstagen um 6,94 Prozent im Plus, auf Monatssicht stehen 3,49 Prozent zu Buche. Seit Jahresbeginn summiert sich der Gewinn auf 34,35 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar auf 78,36 Prozent.

Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro, erreicht am 24. April, trennen den Kurs aktuell noch 15,63 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 141,16 Euro liegt dagegen deutlich im positiven Bereich, ein Zeichen für den intakten langfristigen Aufwärtstrend. Der RSI von 51,9 signalisiert dabei weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand.

Bewertungstechnisch bleibt der Titel jedoch ambitioniert gepreist. Analysten trauen der Aktie auf Sicht von zwölf Monaten im Schnitt ein Kursziel von rund 194,52 bis 205 Euro zu, wobei die Einschätzungen weit auseinanderfallen: Die niedrigste Zielmarke liegt bei 100 Euro, die höchste bei 250 Euro. Frische Impulse dürften am 5. August folgen, wenn Siemens Energy die Zahlen für das dritte Quartal vorlegt.

ABO Wind: Der Countdown läuft bis Ende Juli

Für ABO Wind (mittlerweile als ABO Energy firmierend) wird der Sommer zur Nagelprobe. Die Stillhaltevereinbarung mit den Kreditgebern läuft Ende Juli aus. Bis dahin braucht das Unternehmen ein langfristiges Finanzierungspaket – ohne Einigung steigt das Risiko, dass die Sanierung scheitert.

Der Kurs spiegelt die Nervosität wider. Beim Schlusskurs von 3,68 Euro verlor die Aktie binnen einer Woche 7,88 Prozent, auf Monatssicht summiert sich das Minus auf 36,99 Prozent. Der RSI von 31,8 deutet auf eine überverkaufte Situation hin, während die annualisierte Volatilität von 89,46 Prozent das Ausmaß der Unsicherheit unterstreicht.

Belastend wirkt zusätzlich der verschärfte Wettbewerbsdruck in der Windbranche. Für 2025 erwartet das Unternehmen einen Verlust von rund 170 Millionen Euro, Wertberichtigungen von 35 Millionen Euro und gesunkene Einspeisevergütungen drücken zusätzlich auf das Ergebnis. Operativ bleibt ABO Wind trotzdem aktiv: Im baden-württembergischen Külsheim laufen bereits die Tiefbauarbeiten für ein Repowering-Projekt, bei dem ältere Anlagen durch moderne Turbinen ersetzt werden sollen, mit geplanter Inbetriebnahme im Sommer 2027.

Als zusätzliches Warnsignal werteten Beobachter, dass die Gründerfamilien Anfang Mai rund 1,86 Millionen Aktien als Kreditsicherheit verpfändet haben. Dr. Jochen Ahn und Matthias Bockholt halten gemeinsam weiterhin rund 52 Prozent der Anteile. Ob die Sanierungsfinanzierung rechtzeitig steht, dürfte auch für die Stimmung im übrigen Sektor als Barometer dienen.

Energiekontor: Rückkauf ohne durchschlagende Wirkung

Trotz eines aktiven Kapitalmarktsignals kommt die Aktie nicht recht vom Fleck. Beim Schlusskurs von 36,85 Euro steht zwar ein Wochenplus von 2,22 Prozent zu Buche, auf Monatssicht bleibt aber ein Minus von 12,57 Prozent. Seit Jahresbeginn notiert der Titel mit 2,25 Prozent im Minus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 20,41 Prozent.

Vom 52-Wochen-Hoch bei 52,40 Euro, markiert im August vergangenen Jahres, trennen den Kurs weiterhin 29,68 Prozent. Zum jüngsten Jahrestief bei 30,00 Euro besteht dagegen ein Polster von 22,83 Prozent. Ein neues Rückkaufprogramm soll bis spätestens Mai 2027 bis zu 80.000 eigene Aktien vom Markt nehmen, der maximale Gesamtkaufpreis liegt bei neun Millionen Euro.

Operativ expandiert das Unternehmen unterdessen weiter. Im Juni ging der Windpark Holtumer Moor mit sieben Megawatt ans Netz, womit Energiekontor nun rund 455 Megawatt im Eigenbestand verwaltet. Die Projektpipeline wuchs auf 12,2 Gigawatt, darunter 21 Projekte mit 640 Megawatt im Bau oder mit erreichtem Financial Close.

Für 2026 hält das Management an seinem Ziel eines Konzernergebnisses vor Steuern zwischen 40 und 60 Millionen Euro fest, langfristig soll bis 2028 ein EBT von 120 Millionen Euro erreicht werden. Analysten sehen dabei deutliches Aufwärtspotenzial: Die DZ Bank taxiert das Kursziel auf 59 Euro, Warburg Research sogar auf 77 Euro. Der nächste konkrete Datenpunkt für Anleger folgt mit dem Halbjahresbericht im August.

RWE: Hitzewelle und Netzausbau als Kurstreiber

Bei RWE zeigt sich eine ruhigere, aber stetig positive Dynamik. Beim Schlusskurs von 56,86 Euro legte die Aktie binnen einer Woche um 4,83 Prozent zu, während sich der Kurs auf Monatssicht mit 0,35 Prozent kaum verändert hat. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 21,37 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sogar von 56,64 Prozent.

Vom 52-Wochen-Hoch bei 62,00 Euro, erreicht Ende April, trennen den Kurs nur noch 8,29 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 50,84 Euro liegt deutlich im Plus – ein Zeichen für den intakten langfristigen Trend.

Ein kurzfristiger Treiber liegt im Wetter: Hält die aktuelle Hitzewelle über mehrere Wochen an, dürften steigende Strompreise die Kursfantasie weiter befeuern. Die 60-Euro-Marke gilt dabei als entscheidende Hürde für die nächste Kursphase. Strukturell profitiert der Versorger zudem vom fortschreitenden Netzausbau: Mit der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der Stromtrasse Suedlink zwischen Scheeßel und dem Landkreis Stade ist ein wichtiger Meilenstein erreicht. Die 700 Kilometer lange Verbindung soll ab 2028 Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Süden transportieren, was Erzeugern mit Kapazitäten in Wind und Erneuerbaren bessere Vermarktungsmöglichkeiten verschafft.

Verbio: Kräftige Erholung nach scharfer Korrektur

Kein anderer Wert im Sektor zeigt derzeit eine derart ausgeprägte Kursdynamik wie Verbio. Beim Schlusskurs von 30,88 Euro steht binnen einer Woche ein Plus von 10,36 Prozent zu Buche – auf Monatssicht bleibt allerdings noch ein Minus von 21,54 Prozent, ein Beleg für die scharfe Korrektur der vergangenen Wochen. Seit Jahresbeginn liegt der Titel mit 38,72 Prozent im Plus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 135,01 Prozent.

Vom 52-Wochen-Hoch bei 46,98 Euro, markiert Ende März, trennen den Kurs derzeit noch 34,27 Prozent. Zum Jahrestief bei 9,84 Euro vom vergangenen September besteht dagegen ein gewaltiges Polster von 213,98 Prozent – ein Hinweis darauf, wie volatil sich die Aktie seit dem Herbst entwickelt hat.

Im Fokus der Anlegerdiskussion stehen aktuell Short-Positionen institutioneller Adressen, die TecDAX-Aufnahme als kaum kursrelevanter Faktor sowie fundamentale Impulse durch erneuerbare Chemikalien und Geschäftsentwicklungen in Indien. Zusätzlich wirkt der zuletzt gestiegene Ölpreis unterstützend auf die Wettbewerbsfähigkeit von Biokraftstoffen, während eine schwächere Nachfrage nach Alternativkraftstoffen im Zuge von Kaufanreizen für Verbrennungsmotoren als belastender Faktor im Blick bleibt.

Vergleichende Sektordynamik: Drei Geschwindigkeiten

Der Blick auf alle fünf Werte offenbart klar unterschiedliche Entwicklungstempi:

  • Etablierte Großkonzerne wie Siemens Energy und RWE profitieren von strukturellen Rückenwinden – Netzausbau, steigender Strombedarf, hohe Auftragsbestände – und werden von Analysten mit moderatem Aufwärtspotenzial bewertet.
  • ABO Wind kämpft mit einer existenziellen Finanzierungsfrist, deren Ausgang bis Ende Juli über die Zukunft des Unternehmens entscheidet – ein Extremfall, der die Risiken fremdfinanzierter Projektentwickler verdeutlicht.
  • Energiekontor bewegt sich dazwischen: operativ solide, mit wachsender Pipeline und klaren Ergebniszielen, aber charttechnisch bislang unfähig, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.
  • Verbio zeigt, wie stark Biokraftstoff-Aktien von externen Faktoren wie Ölpreis und Regulierung abhängen – mit entsprechend hoher Kursvolatilität in beide Richtungen.

Grünstrom-Sektor zwischen Bewährungsprobe und Rückenwind

Die kommenden Wochen dürften richtungsweisend werden. Bei ABO Wind entscheidet sich bis Ende Juli, ob die Sanierungsfinanzierung steht oder das Unternehmen in eine noch tiefere Krise rutscht – ein Termin, der auch die für den 13. August angesetzte außerordentliche Hauptversammlung prägen dürfte. Energiekontor legt im August seinen Halbjahresbericht vor, der zeigen muss, ob die operative Stärke endlich auch den Kurs erreicht.

Bei Siemens Energy bleibt die Diskrepanz zwischen hohem Auftragsbestand und ambitionierter Bewertung ein zentrales Thema, während RWE von der aktuellen Hitzewelle und dem fortschreitenden Netzausbau profitieren könnte. Verbio dürfte weiterhin stark auf Ölpreisbewegungen und regulatorische Signale zu Beimischungsquoten reagieren. Der Sektor spaltet sich zunehmend zwischen Unternehmen mit robusten Bilanzen und solchen, die um ihre Refinanzierung kämpfen.

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