Volkswagen Aktie: Gotion-Wette auf Erfolg?
Volkswagen will mit Gotion Investitionsrisiken teilen; Genehmigungen und Aktionärszustimmung für die Batterieprojekte stehen noch aus.

- Gotion soll 49 Prozent in Sagunt übernehmen
- PowerCo plant Beteiligungen in drei Ländern
- Produktionsstart in Valencia auf 2027 verschoben
- Genehmigungen und Aktionärsvotum stehen noch aus
Milliardenschwerer Umbau der europäischen Batteriestrategie
Der Wolfsburger Automobilkonzern stellt seine Pläne für die Elektrifizierung neu auf. Volkswagen vertieft die Partnerschaft mit dem chinesischen Zellhersteller Gotion High-Tech und plant Investitionen von rund 3,22 Milliarden Euro in drei Gemeinschaftsunternehmen in Spanien, der Slowakei und Marokko.
Kern des Vorhabens ist der Teilverkauf der spanischen Batteriezellfabrik in Sagunt nahe Valencia: Gotion soll rund 1,1 Milliarden Euro investieren und dafür 49 Prozent der Anteile übernehmen, während die Konzerntochter PowerCo mit 51 Prozent die Mehrheit behält.
Zeitgleich beteiligt sich PowerCo mit jeweils 49 Prozent an einem geplanten Gotion-Zellwerk im slowakischen Šurany sowie an einer Fabrik für LFP-Kathodenmaterial im marokkanischen Kenitra.
Die Neuordnung kommt zu einem sensiblen Zeitpunkt. Die Aktie notiert mit 71,56 Euro nur knapp über ihren Jahrestiefs.
Neben der verhaltenen Nachfrage belasten operative Rückschläge das Tagesgeschäft. Parallel dazu leitet Volkswagen bei den Fahrzeugen den Abschied von der reinen ID-Nomenklatur ein.
Anfang Oktober folgt die Weltpremiere des ID. Tiguan, der ab Anfang 2027 die bisherigen Modelle ID.4 und ID.5 ablösen soll. Anleger stehen vor der Frage, ob das Teilen von Investitionsrisiken mit Gotion die Margen stabilisieren kann.
Der Kostendruck bei Lithium-Eisenphosphat-Zellen
Für den Erfolg der Neuausrichtung ist vor allem ein Faktor ausschlaggebend: Gelingt es Volkswagen, die Produktionskosten für Elektrofahrzeuge im Volumensegment durch den Umstieg auf Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP) entscheidend zu senken?
Nach Konzerneinschätzungen könnte der europäische Marktanteil von LFP-Zellen bis 2030 von derzeit rund 10 Prozent auf 40 bis 60 Prozent steigen. Während die bisherigen Vorzeigestandorte in Salzgitter und im kanadischen St. Thomas von der Vereinbarung unberührt bleiben, signalisiert der Deal in Valencia ein Umdenken bei der Kapitalallokation.
Statt die immensen Aufwendungen für Zellchemie und Rohstoffverarbeitung allein zu tragen, holt Volkswagen Gotion als industriellen Partner an Bord. Der chinesische Hersteller, an dem Volkswagen China Investment 24,28 Prozent hält, verfügt über Technologie und Skaleneffekte bei LFP-Zellen.
PowerCo-Chef Thomas Schmall stellte bereits klar, dass das Werk in der Slowakei erst dann anlaufen soll, wenn die spanische Fertigung voll ausgelastet ist. Ob die Einsparungen bei Zellmaterialien und Vorprodukten aus Marokko ausreichen, um gegen die chinesische Konkurrenz auf dem europäischen Heimatmarkt zu bestehen, bleibt die zentrale wirtschaftliche Messgröße für die kommenden Jahre.
Effiziente Kapitalnutzung stärkt das Volumensegment
Im optimistischen Szenario zahlt sich die Zusammenarbeit für Volkswagen operativ und finanziell rasch aus. Durch den Zufluss von 1,1 Milliarden Euro durch Gotion für die Fabrik in Sagunt reduziert PowerCo die eigene Investitionslast bei einem Gesamtprojektvolumen von 2,26 Milliarden Euro erheblich.
Die vertikale Integration reicht bis nach Marokko, wo die geplante Anlage jährlich 100.000 Tonnen Kathodenmaterial produzieren soll. Dies verringert bestehende Versorgungsrisiken entlang der Lieferkette spürbar.
Zugleich erhält der Konzern direkten Zugriff auf Gotions Fertigungskompetenz für kostengünstige LFP-Batterien. Dies bildet das Fundament für die Modelloffensive ab 2027. Mit dem neuen ID. Tiguan und weiteren Volumenmodellen könnte Volkswagen Marktanteile zurückgewinnen, wenn wettbewerbsfähige Zellpreise attraktive Endkundenpreise ermöglichen.
Sollte die Verschiebung des Produktionsstarts in Valencia auf 2027 genutzt werden, um zwei hochmoderne Fertigungsblöcke mit knapp 30 Gigawattstunden Jahreskapazität reibungslos hochzufahren, würde dies die Rendite der Pkw-Sparte nachhaltig stützen.
Abhängigkeiten und Verzögerungen bergen Umsetzungsrisiken
Im negativen Szenario offenbart die Transaktion strategische Schwächen bei der eigenen Batterieentwicklung. Der Teilverkauf der Gigafactory in Sagunt markiert eine Abkehr vom ursprünglichen Plan, europäische Zellkapazitäten weitgehend in eigener Regie zu steuern.
Zudem ist das Gesamtvorhaben noch nicht formell besiegelt: Sowohl behördliche Genehmigungen als auch die finale Zustimmung der Gotion-Aktionäre stehen aus, während feste Abnahmegarantien und Mengengerüste für die Zellen noch verhandelt werden müssen.
Verzögerungen beim Werksaufbau könnten die Wettbewerbsposition weiter schwächen. Der Starttermin in Valencia wurde bereits von 2026 auf 2027 verschoben. Sollte die Nachfrage nach reinen Elektrofahrzeugen in Europa verhalten bleiben, droht eine Unterauslastung der ersten Ausbaustufe. Dies würde nach den Vorgaben der Konzernführung auch den Baubeginn der Fabrik im slowakischen Šurany blockieren.
Zusätzliche Belastungen durch laufende Qualitätsprobleme und teure Werkstattaktionen binden Managementkapazitäten und Kapital, das für die Transformation benötigt wird.
Wichtige Signale durch Modellpräsentation und Genehmigungen
Solange die Aktie das 52-Wochen-Tief bei 69,20 Euro verteidigen kann, bleibt Raum für eine operative Konsolidierung auf ermäßigtem Bewertungsniveau. Bricht diese Unterstützung jedoch nachhaltig weg, droht eine Fortsetzung der übergeordneten Abwärtsbewegung, da der Markt zunehmend strukturelle Rentabilitätsrisiken einpreisen dürfte.
Der nächste konkrete Katalysator für Anleger ist die Weltpremiere des ID. Tiguan am 9. Oktober 2026. Dort wird sich zeigen, welche technischen Fortschritte Volkswagen bei Reichweiten und Ladezeiten in der volumenstarken SUV-Klasse ankündigt.
Auf der Unternehmensseite richten sich die Blicke auf den formalen Vollzug der Joint-Venture-Verträge mit Gotion sowie die ausstehenden behördlichen Freigaben in den beteiligten Ländern, die die Basis für den Produktionsanlauf im Jahr 2027 bilden.
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