Volkswagen vor der Belegschaft: Hält der Umbau, was er verspricht?

Volkswagen meldet Fortschritte beim Konzernumbau, doch Werkekonflikte, China-Schwäche und gesenkte Ziele belasten die weitere Umsetzung.

Die Kernpunkte:
  • Rund 6.000 Beschäftigte in Kassel
  • Betriebsrat weist Kündigungen zurück
  • Everllence-Verkauf stärkt die Bilanz
  • China-Auslieferungen sinken um 37 Prozent

Ausgangslage

Volkswagen steckt mitten im größten Konzernumbau seiner Geschichte – und die Belegschaft macht mobil. Am Freitag versammelten sich in Kassel rund 6.000 Beschäftigte zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung. Betriebsratsvorsitzender Carsten Büchling forderte die Einhaltung des Tarifabschlusses von 2024 sowie werksspezifischer Zusagen zu Investitionen, Produkten und Beschäftigung.

Sein Satz „Verlässlichkeit und Vertragstreue sind keine Verhandlungsmasse“ markiert den Ton, in dem der Konflikt derzeit geführt wird. Tags zuvor war eine geplante Betriebsversammlung in Dresden ausgefallen, während Niedersachsen einen möglichen Einstieg beim Werk Osnabrück prüft.

Diese Gemengelage trifft auf einen Vorstand, der Tempo macht: Konzernchef Oliver Blume besuchte diese Woche die Werke Emden und Zwickau, parallel plant der Konzern eine Reduktion des Managements um ein Viertel.

Der Betriebsrat lehnt Kündigungen und Werksschließungen ab. Damit verdichtet sich die Frage, ob der Sparkurs sozialverträglich umsetzbar bleibt oder an Widerstand in der Belegschaft und in den Ländern scheitert.

Die Aktie schloss am Freitag bei 77,04 Euro, ein Plus von 3,1 Prozent – getragen von einer breiteren Sektor-Rally, ausgelöst durch eine positive Branchen-Einschätzung von Citigroup für Autowerte, nicht durch einen VW-spezifischen Auslöser.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Faktor für die kommenden Wochen ist nicht die Kursbewegung selbst, sondern ob es dem Vorstand gelingt, den angekündigten Stellen- und Kostenabbau ohne offenen Bruch mit Betriebsrat und Standortregierungen durchzusetzen.

Scheitert das Aushandeln an einzelnen Werken – wie zuletzt in Dresden sichtbar –, drohen Verzögerungen bei der Umsetzung des „Group Target Picture 2030“, jenes Programms, mit dem Volkswagen Overhead-Kosten und Komplexität reduzieren will.

Gelingt der Interessenausgleich, hätte der Konzern einen wichtigen Baustein für die im Juli gesenkte, aber weiterhin gültige Margen-Guidance von 4,0 bis 5,5 Prozent gesichert.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht, dass Volkswagen bereits konkrete Fortschritte liefert. Der Verkauf von 51 Prozent der Großmotorentochter Everllence an Bain Capital wurde von der EU-Kommission genehmigt, der Erlös von 7,4 Milliarden Euro soll die Bilanz stärken, während fünf deutsche Standorte bis 2030 gesichert bleiben und betriebsbedingte Kündigungen dort ausgeschlossen sind – ein Signal, dass sich Stellenabbau und Standorterhalt nicht zwangsläufig ausschließen.

Auch operativ zeigt der Konzern Substanz: Das Ergebnis der Kernmarke Volkswagen lag im ersten Halbjahr bei 3,6 Milliarden Euro, ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zugleich expandiert der Konzern in Wachstumsmärkten weiter, etwa mit dem neuen Pickup-Modell Tukan, der ab 2027 in Brasilien den Saveiro nach 45 Jahren ablösen soll – Teil einer geplanten Produktoffensive mit 21 Modellen bis 2028 für Lateinamerika. Sollte sich die Sektor-Stimmung, wie von Citigroup-Analyst Harald Hendrikse skizziert, weiter aufhellen, könnte die Aktie von einer branchenweiten Erholung profitieren, ohne dass VW selbst liefern muss.

Bärisches Szenario

Die Risikoseite ist ebenso konkret. Die Konzern-Guidance für 2026 wurde bereits revidiert: Statt eines Umsatzplus von bis zu 3 Prozent erwartet der Vorstand nun einen Rückgang zwischen 0 und 3 Prozent, die Auslieferungen sollen um 3 bis 7 Prozent sinken. Die China-Schwäche bleibt gravierend – im zweiten Quartal brachen die dortigen Auslieferungen um 37 Prozent ein.

Tochter Audi hat ihre Prognose ebenfalls deutlich gekappt und rechnet mit rund 5 Milliarden Euro weniger Umsatz wegen der Schwäche in China und den USA. Hinzu kommt politischer Gegenwind: Ein Einstieg Niedersachsens bei Osnabrück wäre ein ungewöhnlicher Eingriff, der zeigt, wie ernst die Lage an einzelnen Standorten ist.

Analystenseitig bleibt das Bild verhalten – Goldman Sachs senkte das Kursziel für die Vorzugsaktie Ende August von 89 auf 88 Euro und beließ die Einstufung bei „Neutral“, mit Verweis auf China-Risiken und die Entwicklung bei Porsche AG und Traton.

Ausblick

Solange Volkswagen es schafft, den Managementabbau und die Werksgespräche ohne offene Eskalation – etwa erneut abgesagte Betriebsversammlungen oder einen Bruch mit einzelnen Landesregierungen – über die Bühne zu bringen, bleibt das Bild einer kontrollierten Transformation intakt, und die jüngste Kurserholung von Freitag hätte Substanz jenseits der reinen Sektor-Rally.

Kippt jedoch der soziale Frieden, drohen neue Verzögerungen bei der Kostenreduktion und damit Zweifel an der Erreichbarkeit der ohnehin schon gesenkten Margen-Guidance. Der Kurs notiert derzeit rund 4,0 Prozent über seinem 50-Tage-Durchschnitt, aber weiterhin rund 15 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Hinweis darauf, dass die mittelfristige Erholung noch nicht gesichert ist.

Als nächster konkreter Prüfstein gilt der weitere Verlauf der Werksgespräche in den kommenden Wochen sowie der geplante Abschluss des Everllence-Verkaufs, der für Ende 2026 vorgesehen ist.

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