Volkswagen vor der Kostenwende: Wie viel Zukunft steckt schon im Kurs?
Volkswagen senkt die Prognose, plant Einschnitte und verkauft Everllence. China belastet das Ergebnis, während der Konzern auf Kostensenkungen setzt.

- Umsatzprognose für 2026 nach unten korrigiert
- Bis zu 50.000 weitere Stellen gefährdet
- Everllence-Verkauf für Ende 2026 vorgesehen
- China-Auslieferungen im zweiten Quartal rückläufig
Ausgangslage: Der Konzernumbau nimmt Fahrt auf
Volkswagen befindet sich in einer entscheidenden Umbauphase. Am 24. Juli senkte der Konzern die Umsatzprognose für 2026 von zuvor 0 bis +3 % auf minus 3 bis 0 %, die Auslieferungen sollen nun um 3 bis 7 % zurückgehen.
Gleichzeitig verkündete das Management sein „Group Target Picture 2030″: Die Overhead-Kosten sollen von rund 45 Milliarden Euro (16 % des Automobilumsatzes) auf etwa 34 Milliarden Euro (12 %) sinken, die Modellpalette von rund 150 auf unter 100 Fahrzeuge schrumpfen. Bis zu 50.000 zusätzliche Stellen könnten wegfallen – zusätzlich zu bereits geplanten Kürzungen in ähnlicher Größenordnung.
Konkreter wurde es Mitte August: Die EU-Kommission genehmigte den Verkauf von 51 % der Großmotorentochter Everllence (früher MAN Energy Solutions) an Bain Capital. Der Erlös von 7,4 Milliarden Euro soll die Bilanz stärken, fünf deutsche Standorte bleiben laut Vereinbarung mindestens bis 2030 gesichert, betriebsbedingte Kündigungen sind für diesen Bereich ausgeschlossen.
Der Abschluss der Transaktion ist für Ende 2026 geplant. Vergangene Woche bekräftigte Konzernchef Oliver Blume, dass mindestens die Hälfte der globalen Stellenkürzungen in Deutschland erfolgen soll – Gespräche mit Standortvertretern in Hannover, Osnabrück, Emden und Zwickau stehen an.
Der Kurs notierte am Donnerstag bei 74,88 Euro, nach einem Tagesplus von 3,6 %. Ein konkreter Auslöser für diesen Sprung lässt sich nicht identifizieren, die Aktie bewegt sich damit nah am 50-Tage-Durchschnitt von 74,18 Euro und rund 8,2 % über ihrem 52-Wochen-Tief von 69,20 Euro, das erst Anfang Juli markiert wurde.
Die entscheidende Frage: Trägt der Konzernumbau schneller als der Nachfrageeinbruch belastet?
Für Anleger läuft die Entscheidung auf einen Wettlauf hinaus: Kann Volkswagen die angekündigten Strukturmaßnahmen – Stellenabbau, Modellstraffung, Portfoliobereinigung durch Verkäufe wie Everllence – schneller in die Marge tragen, als die operative Schwäche im Kerngeschäft zehrt?
Im ersten Halbjahr lag das operative Ergebnis bei 5,9 Milliarden Euro, ein Rückgang von 12 % gegenüber dem Vorjahr, bei einer operativen Marge von 3,8 %. Besonders schwer wiegt der Einbruch in China, wo die Auslieferungen um 26 % fielen, im zweiten Quartal sogar um 37 %.
Die Tochter Audi hatte bereits vor rund einem Monat ihre Guidance gekürzt und den Quartalsgewinn um 21 % einbrechen sehen – seither hat sich die Audi-Aktie um 5,4 % erholt, ein Hinweis darauf, dass der Markt schlechte Nachrichten teils schon eingepreist hat.
Bullisches Szenario
Gelingt die Kostenreduktion wie skizziert, sinkt die Overhead-Quote bis 2030 auf 12 %, die operative Marge könnte sich langfristig Richtung 8 bis 10 % bewegen – mehr als das Doppelte der aktuellen bereinigten Marge von 4,3 %. Der Everllence-Verkauf bringt frisches Kapital und verbessert die Nettoliquidität, die für 2026 mit 32 bis 34 Milliarden Euro veranschlagt wird.
Der positive Automotive-Netto-Cashflow von 3,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr, nach einem negativen Vorjahreswert, zeigt, dass die Kapitalallokation bereits Wirkung zeigt. Neue Modelle wie der Tukan-Pickup für Lateinamerika oder die Hybridversionen von Golf und T-Roc sollen zusätzliche Erlösquellen erschließen, ohne dass der Konzern auf teure reine E-Fahrzeug-Investitionen allein setzen muss.
Bärisches Szenario
Der Stellenabbau trifft auf erheblichen sozialen Widerstand in Deutschland, wo mindestens die Hälfte der Kürzungen ansetzen soll. Verzögerungen durch Verhandlungen mit Standorten sind wahrscheinlich, was die Kosteneinsparungen später als geplant wirksam werden lässt.
China bleibt ein offenes Risiko: Ein Auslieferungsrückgang von 37 % im zweiten Quartal ist kein einmaliger Ausreißer, sondern deutet auf strukturelle Wettbewerbsnachteile gegenüber lokalen Herstellern hin – auch BYD gewann in Deutschland zuletzt deutlich Marktanteile hinzu.
Zudem belastet ein laufendes US-Insiderhandelsverfahren gegen zwei ehemalige VW-Ingenieure im Zusammenhang mit der Rivian-Kooperation zwar nicht die operative Substanz, wirft aber ein Schlaglicht auf Governance-Fragen im Konzernumfeld.
Ausblick
Solange der Everllence-Abschluss Ende 2026 wie geplant vollzogen wird und die Verhandlungen mit den deutschen Standorten ohne größere Eskalation verlaufen, bleibt das Sanierungsnarrativ intakt – der Kurs würde dann wohl seine Stabilisierung nahe der 74-Euro-Marke fortsetzen.
Kippt jedoch der China-Trend nicht, oder verzögern Arbeitskämpfe die Kostensenkung spürbar, dürfte die Guidance-Bandbreite von minus 3 bis 0 % Umsatz erneut unter Druck geraten. Nächster konkreter Prüfstein ist der Fortgang der Stellenabbau-Gespräche in den kommenden Wochen sowie der für Ende 2026 terminierte Vollzug des Everllence-Verkaufs.
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