Volkswagen- vs. Mercedes-Benz-Aktie: Substanz gegen Klasse

VW setzt auf Masse und Rivian-Partnerschaft, Mercedes auf Luxus und Dividende. Beide Aktien sind günstig bewertet, unterscheiden sich aber stark im Risikoprofil.

Die Kernpunkte:
  • VW mit extrem niedrigem KGV von 2,54
  • Mercedes lockt mit 6,7 Prozent Dividendenrendite
  • Rivian-Joint-Venture als VW-Zukunftshoffnung
  • Mercedes startet Modelloffensive mit 40 Varianten

Zwei DAX-Schwergewichte, zwei radikal verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Wie überlebt ein deutscher Autobauer die größte Branchenumwälzung seit Jahrzehnten? Volkswagen setzt auf Masse, Partnerschaften und einen schmerzhaften Umbau. Mercedes-Benz vertraut auf Luxus, Margen und Aktionärsrendite. Beide Aktien notieren historisch günstig — die Gründe dafür könnten unterschiedlicher kaum sein.

Bewertung: Volkswagen am Boden, Mercedes mit Puffer

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Volkswagen wird mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,28 gehandelt — weit unter dem Sektordurchschnitt von 0,75. Der Markt preist hier nicht nur kurzfristige Probleme ein, sondern strukturelle Zweifel am Geschäftsmodell. Bei einem KGV von 2,54 müsste man fast schon von einem Ausverkauf sprechen.

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Mercedes-Benz steht mit einem KBV von 0,62 und einem KGV von 8,59 ebenfalls unter dem Branchenschnitt, bewegt sich aber in einer anderen Liga. Die Stuttgarter werden zwar günstig bewertet, genießen aber deutlich mehr Vertrauen.

KennzahlVolkswagen (Vz)Mercedes-BenzSektordurchschnitt
KGV (2026e)2,548,599,10
KBV (P/B)0,280,620,75
Div. Rendite5,81 %6,70 %4,20 %
Free Cash Flow Yield12,1 %9,0 %7,5 %

Punktsieg für Mercedes bei der Qualität der Bewertung. Volkswagen gewinnt beim reinen Discount — wer den Mut aufbringt, greift hier tiefer ins Regal.

Operative Stärke: Vorteil Stuttgart

Beim Blick auf die Profitabilität zieht Mercedes-Benz klar davon. Eine Eigenkapitalrendite von 10,2 % gegenüber 5,4 % bei Volkswagen zeigt, wie effizient die Stuttgarter ihr Kapital einsetzen. Auch bei der EBITDA-Marge liegt Mercedes mit 12,4 % vor Volkswagen (11,3 %). Der Verschuldungsgrad fällt niedriger aus.

Allerdings schrumpfen die Gewinne bei beiden. Mercedes verzeichnet einen Rückgang des Gewinns je Aktie um 17,2 % — noch stärker als Volkswagens Minus von 14,3 %. Die Luxusstrategie schützt vor Preiskämpfen im Massenmarkt, nicht aber vor der Kaufzurückhaltung wohlhabender Kunden in China. Dort brach der Mercedes-Absatz im ersten Quartal um 27 % ein.

Volkswagen hielt in China zwar die Marktführerschaft bei Verbrennern. Im entscheidenden Zukunftsfeld der vollelektrischen Fahrzeuge sieht es düster aus: Gerade einmal 9.400 BEV-Auslieferungen bei über einer halben Million Gesamtverkäufen — ein Anteil von 1,7 %. Chinesische Hersteller wie BYD dominieren dieses Segment längst.

Katalysatoren: Software-Hoffnung gegen Modelloffensive

Volkswagens größte Wette heißt Rivian. Das gemeinsame Software-Joint-Venture „RV Tech“ soll die technologische Architektur des Konzerns modernisieren. Erste Prototypen haben die Wintertests bestanden, die Serienintegration in VW-Modelle ist für 2027 geplant. Parallel läuft ein massives Sparprogramm mit dem Abbau von 50.000 Stellen bis 2030. Dass die Familien Porsche und Piëch im ersten Quartal Aktien zugekauft haben, sendet ein Signal: Die Eigentümer glauben an den Turnaround.

Mercedes-Benz kontert mit einer breiten Modelloffensive. Über 40 neue Varianten stehen für 2026 auf dem Plan, darunter die elektrische C-Klasse. Analysten von RBC und JP Morgan sehen den fairen Wert zwischen 61 und 65 EUR — deutlich über dem aktuellen Kurs von 52,24 EUR. Die Kapitalrückführung bleibt das stärkste Argument für Einkommensinvestoren: Eine Dividende von 3,50 EUR je Aktie ergibt eine Rendite von 6,7 %. Ergänzend laufen Aktienrückkäufe.

Risikoprofil: Komplexität gegen Konzentration

Volkswagens Risiken sind systemischer Natur. Politische Zölle in den USA und China, Gewerkschaftskonflikte beim geplanten Stellenabbau und der drohende Verlust weiterer BEV-Marktanteile in Asien bilden ein explosives Gemisch. Die komplexe Governance-Struktur mit dem Land Niedersachsen als Großaktionär erschwert schnelle Entscheidungen zusätzlich.

Mercedes-Benz trägt ein anderes Klumpenrisiko. Die konsequente Luxusfokussierung macht das Unternehmen abhängig von der Konsumlaune vermögender Käufer — gerade in China ein fragiles Fundament. Sinkende Restwerte bei Leasing-Flotten und strengere ESG-Vorgaben in der EU könnten die Margen zusätzlich belasten. Das Pkw-Segment rutschte im ersten Quartal bereits auf eine bereinigte Umsatzrendite von 3,5 % ab.

Scorecard: Der direkte Vergleich

KategorieVolkswagenMercedes-Benz
Bewertungsdiscount★★★★★★★★☆☆
Operative Qualität★★☆☆☆★★★★☆
Dividendenstärke★★★★☆★★★★★
Zukunftskatalysatoren★★★☆☆★★★★☆
Risikoprofil★★☆☆☆★★★☆☆
Gesamtscore64/10072/100

Tiefes Value oder solide Qualität — eine Frage des Temperaments

Volkswagen ist ein Contrarian-Investment in Reinform. Wer hier einsteigt, kauft einen Konzern unter Substanzwert und wettet darauf, dass die Rivian-Partnerschaft, das Sparprogramm und eine Erholung in China ab 2027 zusammenwirken. Das Aufwärtspotenzial bei Gelingen ist erheblich — die Wartezeit bis zur operativen Trendwende allerdings auch.

Mercedes-Benz bietet das ruhigere Fahrwasser. Starke Bilanz, verlässliche Dividende, klare Positionierung im margenstarken Luxussegment. Die Modelloffensive 2026 und das Kursziel-Upside von rund 20 % liefern zusätzliche Argumente. Für Anleger, die regelmäßige Erträge und eine defensive Aufstellung im Automobilsektor suchen, ist die Aktie die naheliegendere Wahl.

Beide Titel handeln weit unter ihren historischen Bewertungsniveaus. Der entscheidende Unterschied: Bei Mercedes-Benz zahlt der Markt für bewährte Qualität einen moderaten Abschlag. Bei Volkswagen verlangt er eine Risikoprämie für einen Umbau, dessen Ausgang offen bleibt.

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