Volumen statt Zinsspanne: Warum Kartennetzwerke 5,26 Prozent besser aushalten
American Express und Mastercard profitieren vom Zahlungsvolumen, während Banken und kreditfinanzierte Rechenzentren unter höheren Renditen leiden.

- US-Staatsanleiherendite erreicht höchsten Stand seit 2007
- American Express steigert Kartenvolumen um neun Prozent
- Banken verlieren im September deutlich an Wert
- Oracle stoppt Zahlungen für Rechenzentrumsprojekt
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Donald Trump hat das iranische Sieben-Tage-Angebot zur Öffnung der Straße von Hormus abgelehnt. Brent kletterte daraufhin wieder über die 100-Dollar-Marke. Am Montag übernahm der US-Anleihemarkt das Kommando an den Börsen.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg um 10 Basispunkte auf 5,26 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007, die dreißigjährige auf 5,58 Prozent und damit auf ein Niveau von 2004. Die Terminmärkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 68 bis 70 Prozent für eine weitere Fed-Zinserhöhung im Oktober.
Genau diese Aussicht trennt Gewinner und Verlierer entlang einer Frage: Wer verdient am Zahlungsstrom, und wer hängt an der Zinsspanne oder am Fremdkapital?
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Zahlungsnetzwerke gegen Banken: Wer das Zinsumfeld aushält
Die Kartennetzwerke verdienen am Volumen, nicht an der Zinsdifferenz. American Express hat heute die Marke von 190 Millionen Akzeptanzstellen weltweit überschritten. Außerhalb der USA hat sich die Akzeptanz in vier Jahren mehr als verdoppelt. Im jüngsten Quartal wuchs das abgerechnete Kartenvolumen um 9 Prozent auf 455,8 Milliarden Dollar, der Umsatz um 10 Prozent auf 19,6 Milliarden Dollar.
Mastercard startete parallel eine KI-Plattform für Lieferantenzahlungen im Firmenkundengeschäft, mit Absa und Emirates NBD als ersten Partnerbanken. Fast die Hälfte der Lieferanten erwartet demnach häufigere Kartenzahlungsanfragen ihrer Einkäufer. Dieses Geschäftsmodell macht Visa-Konkurrenten wie Mastercard und American Express in einer Phase steigender Renditen robuster als klassische Banken.
Ganz anders die Lage im Bankensektor. Der US-Banken-ETF von Invesco (KBW Bank) hat im September 5,7 Prozent verloren, den schwächsten Monat seit März 2025, und drei Wochen in Folge nachgegeben. Bank of America liegt auf 30-Tage-Sicht 8,5 Prozent im Minus, Morgan Stanley 8,1 Prozent.
Apollo-Chefökonom Torsten Slok warnte heute zusätzlich vor einem „Bank-Run durch KI-Agenten“. Autonome Assistenten könnten Einlagen von US-Girokonten mit durchschnittlich 0,1 Prozent Zins automatisch zu Fintechs mit 3,3 bis 5,0 Prozent verschieben. Das griffe die billigste Refinanzierungsquelle der Banken direkt an.
Auch die Deutsche Bank hat in 30 Tagen 9 Prozent verloren, obwohl sie heute eine Partnerschaft mit IPID zur Betrugserkennung im globalen Zahlungsverkehr bekanntgab. Für Anleger heißt das nicht, Banken pauschal zu meiden, aber die Kursverluste zeigen, wo der Markt die Einlagenbasis als verwundbar einstuft.
Ein Vorbehalt bleibt: American Express notiert trotz der Wachstumszahlen seit Jahresbeginn 16 Prozent tiefer. Der Markt zweifelt weniger am Geschäftsmodell als an der Kauflaune, wenn US-Benzin fast 4,48 Dollar je Gallone kostet. Ein Jahr zuvor waren es 3,13 Dollar.
Die KI-Finanzierungskette bekommt erste Risse
Wo Rechenzentren auf Kredit gebaut werden, schlägt der Zins jetzt durch. Oracle hat die Mietzahlungen für das 18 Milliarden Dollar teure Rechenzentrumsprojekt „Jupiter“ in New Mexico per Force Majeure gestoppt. Die Baustelle des 2,45-Gigawatt-Standorts, geplant für einen OpenAI-Supercomputer ab 2028, steht still.
Der Kredit von Santander, Jefferies und BNP Paribas notiert am Zweitmarkt nur noch bei 89 bis 91 Cent je Dollar. Die Oracle-Aktie gab am Montag im Verlauf 3,2 Prozent nach und hat auf Zwölfmonatssicht mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Der Finanzierungspartner Blue Owl Capital notiert bei rund 9 Dollar, nach einem 52-Wochen-Hoch von 18 Dollar vor fast einem Jahr.
Die strukturelle Zahl dahinter liefert Morgan Stanley: Bis 2028 braucht der globale Rechenzentrumsausbau 2,9 Billionen Dollar, die operativen Cloud-Cashflows decken nur 1,4 Billionen.
Die Lücke von 1,5 Billionen Dollar muss über Kredite und Anleihen geschlossen werden – und 78 von 91 in diesem Jahr begebenen Hyperscaler-Anleihen notieren bereits mit Abschlag. Bernstein hält von der nordamerikanischen Pipeline von 404 Gigawatt nur 35 Prozent für realisierbar.
Bei Renditen über 5 Prozent trennt sich das Feld. Nvidia stockte heute sein Aktienrückkaufprogramm um 150 Milliarden Dollar auf insgesamt 235 Milliarden auf. Die Nvidia-Aktie stieg im Verlauf 2,4 Prozent und markierte bei 205,25 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch. Wer Geld zurückgibt, gewinnt; wer Geld leihen muss, zahlt den Preis.
Am Rande der Branche sorgte ein Personalwechsel für Bewegung. MongoDB-Chef CJ Desai wechselt zu Meta und führt dort die neue Meta Enterprise Platform, die die Muse-KI für Unternehmen öffnet. MongoDB brach im Verlauf um 18 Prozent ein, Meta gab 4 Prozent nach.
Während Oracle und Blue Owl unter der Last ihrer KI-Finanzierungen ächzen, kauft Nvidia in einem 235-Milliarden-Dollar-Programm eigene Aktien zurück – ein Beleg, wie unterschiedlich der Zugang zu Kapital über den Erfolg im KI-Sektor entscheidet. Ein Spezialreport stellt die zehn Big-Data-Unternehmen vor, die aus Sicht der Analyse den Megatrend Künstliche Intelligenz tatsächlich tragen. Jetzt die Top-KI-Aktien entdecken
Deutschland: Der Arbeitsmarkt stabilisiert sich, aber er baut um
Die Beschäftigungspläne der Unternehmen drehen nach oben. Das ifo-Beschäftigungsbarometer stieg im September zum dritten Mal in Folge auf 95,1 Punkte, den höchsten Stand seit August 2025. Der Saldo im Verarbeitenden Gewerbe verbesserte sich binnen zwei Monaten von minus 18,2 auf minus 9,4, die Dienstleister planen wieder Netto-Aufbau. Tesla erhöht ab 1. Oktober die Löhne in Grünheide um 4 bis 5 Prozent und will 3.500 neue Stellen für den Batteriezellausbau schaffen.
Die Gegenbewegung kommt von Biontech. Nach erfolgloser Käufersuche schließt Biontech die Werke Tübingen (Ende 2027), Marburg (Anfang 2028) und Idar-Oberstein (Ende 2028); rund 1.800 Beschäftigte sind betroffen. Der berichtete Halbjahresverlust lag bei 1,35 Milliarden Euro nach 802,4 Millionen im Vorjahr.
Die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci verlassen das Unternehmen spätestens Ende 2026, Guido Oelkers übernimmt zum 1. Februar 2027. Die Biontech-Aktie reagiert kaum und notiert bei 86,40 Euro, seit Jahresbeginn 6,2 Prozent im Plus. Der Markt liest die Schließungen als Kostenbereinigung, nicht als Bruch – bewertet wird Biontech längst über die Onkologie-Pipeline, nicht über Impfstoffkapazität.
Rückkauf, Squeeze-out, Green Bond: Was Kapital jetzt kostet
Ein Rückkaufprogramm ersetzt keinen Rückenwind. Die Deutsche Telekom hat seit Programmstart am 10. August 17,3 Millionen eigene Aktien zurückgekauft, zuletzt zu Durchschnittskursen um 27 Euro. Die Telekom-Aktie notiert zuletzt bei 26,66 Euro und liegt auf 30-Tage-Sicht 6,5 Prozent tiefer – der Rückkauf stützt, aber er dreht den Trend nicht.
Die Vienna Insurance Group treibt den Squeeze-out bei der Nürnberger Beteiligungs-AG voran: 120 Euro je Aktie Barabfindung bei einem Anteil von 99,29 Prozent. Montega bestätigte für LPKF die Kaufempfehlung mit Kursziel 22 Euro, nachdem ein asiatischer Advanced-Packaging-Hersteller eine Absichtserklärung über LIDE-Systeme im mittleren einstelligen Millionenbereich unterschrieb. Umsatzwirksam wird das erst im ersten Halbjahr 2027.
Aufschlussreich ist der Green Bond der UBM Development: 7 Prozent Kupon für fünf Jahre, Zeichnung ab 6. Oktober auch in Deutschland. Bei einer Bundrendite von 3,64 Prozent zeigt der Aufschlag von rund 3,4 Prozentpunkten, was Immobilienentwickler heute für Kapital zahlen müssen. Wer zeichnet, kauft ein Kreditrisiko, keinen Zinsvorteil.
Der globale Kompass
Die indirekten US-Iran-Gespräche sollen laut Reuters bereits heute oder morgen in den USA wieder aufgenommen werden; Vermittler arbeiten an einer modifizierten Fassung des Sieben-Tage-Plans. Solange das offen ist, bleibt der Ölpreis der Treiber der Renditen und die Renditen der Treiber der Aktienrotation.
In dieser Woche sprechen mit Waller, Jefferson, Cook und Kashkari gleich vier Fed-Vertreter. TD Securities erwartet durchweg falkenhafte Töne und rechnet mit Zinserhöhungen im Oktober und Januar. Die anstehenden US-Inflationsdaten (PCE) für August werden bei 3,8 Prozent erwartet.
Für das Depot heißt das: Die Kurstafel des Montags trennt sauber nach Geldquelle. American Express und Mastercard verdienen am Volumen, Nvidia finanziert 235 Milliarden Dollar Rückkauf aus eigener Kraft. Oracle, Blue Owl und die Einlagenbanken zeigen dagegen, was geliehenes oder billig eingesammeltes Geld wert ist, wenn die zehnjährige Rendite über 5 Prozent steht.
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