Vor der Fed-Sitzung: Brent explodiert, Gold ächzt, Kaffee trotzt allem
Brent Crude steigt dank Iran-Konflikt, während Gold und Silber unter Zinssorgen leiden. Kaffee und Kupfer folgen eigenen Mustern.

- Brent Crude erreicht Monatshoch
- Gold und Silber unter Druck
- Kaffee trotzt geopolitischen Trends
- Kupfer zwischen Angebot und Zinsangst
Zehn Tage vor der nächsten Fed-Zinsentscheidung zerfällt der Rohstoffmarkt in zwei Lager. Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und dem Iran treibt die Ölpreise nach oben, während Gold und Silber unter die Räder geraten. Kaffee und Kupfer folgen derweil einer ganz eigenen Logik – ein Beleg dafür, wie unterschiedlich Rohstoffe selbst in derselben Krisenwoche reagieren können.
Sektor-Überblick: Zinssorgen treffen auf Kriegsprämie
Zwei Kräfte ziehen den Rohstoffsektor derzeit in entgegengesetzte Richtungen. Die Eskalation an der Straße von Hormus schiebt Energiepreise nach oben und schürt neue Inflationsängste. Gleichzeitig belastet die Aussicht auf eine länger restriktive US-Geldpolitik ausgerechnet jene Anlageklassen, die traditionell als Krisenschutz gelten.
Gold und Silber gerieten zuletzt spürbar unter Druck. Analysten diagnostizieren einen Wandel: Der Goldpreis reagiert derzeit stärker auf Realzinsen und Fed-Erwartungen als auf geopolitische Risiken. Energie und Industriemetalle hingegen folgen der realen Angebotsstörung im Nahen Osten. Die Fed-Sitzung am 29. Juli dürfte zeigen, welche Kraft sich in den kommenden Wochen durchsetzt.
Gold: Death Cross und gespaltene Analysten
Der Goldpreis schloss am Freitag bei 4.021,30 US-Dollar je Feinunze, nach einem Tagesplus von 1,03 Prozent. Auf Monatssicht bleibt die Bilanz jedoch negativ: Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 7,19 Prozent zu Buche, der 30-Tage-Rückgang beträgt fast 6 Prozent.
Bei den großen Häusern gehen die Einschätzungen weit auseinander. Goldman Sachs hält an seinem Kursziel von 4.900 Dollar für Ende 2026 fest und verweist auf die anhaltende Diversifizierung von Schwellenländer-Notenbanken weg vom Dollar. JPMorgan senkte sein Ziel für das vierte Quartal dagegen um rund ein Viertel auf 4.500 Dollar, während die Bank of America vor weiteren Rückschlägen warnt und historische Parallelen zu den Hochphasen von 1980 und 2011 zieht.
Charttechnisch bleibt das Bild angeschlagen. Ende Juni fiel der 50-Tage-Durchschnitt unter den 200-Tage-Durchschnitt – ein sogenanntes Death Cross, das in der Vergangenheit häufig weitere Kursverluste ankündigte. Der RSI notiert derzeit bei 40,6 und damit im neutralen bis leicht angeschlagenen Bereich. Die Bank of America spricht trotz der Warnsignale keine Verkaufsempfehlung aus, sondern sieht in den gedrückten Kursen eher eine Gelegenheit zum schrittweisen Positionsaufbau. Wie belastbar diese These ist, dürfte sich spätestens nach der Fed-Entscheidung zeigen.
Silber: Kampf um die 55-Dollar-Marke
Silber trifft es noch härter als Gold. Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 56,22 US-Dollar, trotz eines Tagesplus von 0,82 Prozent. Auf Wochensicht bleibt ein Verlust von 6,70 Prozent, auf Monatssicht summiert sich der Rückgang auf 17,32 Prozent. Seit Jahresbeginn steht Silber mit über 20 Prozent im Minus.
Der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt beträgt inzwischen mehr als 16 Prozent – ein deutliches Zeichen für den charttechnischen Bruch der vorherigen Aufwärtsbewegung. Der RSI von 34,6 signalisiert eine überverkaufte Marktlage, in der viele Trader auf eine technische Gegenreaktion setzen. Zum 52-Wochen-Tief bei 45,51 Dollar bleibt allerdings noch Luft von gut 23 Prozent. Sollte sich der Abwärtstrend fortsetzen, dürfte die Marke rund um 55 Dollar zur entscheidenden Bewährungsprobe werden.
Brent Crude: Kriegsprämie treibt Preis auf Monatshoch
Während Edelmetalle schwächeln, profitiert Brent Crude eindeutig von der Eskalation im Nahen Osten. Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 88,09 US-Dollar, nach einem Tagesplus von 3,81 Prozent. Auf Wochensicht summiert sich der Anstieg auf fast 16 Prozent, seit Jahresbeginn steht ein Plus von 44,72 Prozent zu Buche – eine der stärksten Bewegungen im gesamten Rohstoffsektor.
Auslöser der jüngsten Kursexplosion war die Ankündigung von US-Präsident Trump, erneut eine Blockade gegen iranische Schiffe an der Straße von Hormus zu verhängen und für alle übrigen Frachtschiffe eine Passagegebühr von 20 Prozent zu erheben. Kuwait meldete zudem einen iranischen Angriff auf eine Strom- und Wasserentsalzungsanlage, während Teheran mit Vergeltungsschlägen gegen US-Ziele in Bahrain, Jordanien, Kuwait, Oman, Katar und Syrien reagierte. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge bleibt dadurch spürbar eingeschränkt.
Verstärkt wird die Rally durch fallende Treasury-Renditen und einen schwächeren Dollar, der Brent für Käufer außerhalb der USA zusätzlich verbilligt. Mit einem RSI von 61,1 ist der Markt zwar erhitzt, aber noch nicht überkauft. Ob die Kriegsprämie bleibt, hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Lage an der Straße von Hormus in den kommenden Tagen entwickelt.
Kaffeepreis: Erntesorgen halten den Markt in Atem
Der Kaffeemarkt bewegt sich weitgehend losgelöst von der geopolitischen Großwetterlage. Der Schlusskurs lag am Freitag bei 321,10 US-Dollar, nahezu unverändert zum Vortag. Auf Monatssicht steht dennoch ein deutliches Plus von 15,57 Prozent zu Buche, während sich die Jahresbilanz mit minus 7,93 Prozent noch im negativen Bereich bewegt.
Fundamental bleibt die Lage angespannt. Die brasilianische Ernte lag Ende Juni bei 44 Prozent des erwarteten Volumens – deutlich unter dem Vorjahreswert von 51 Prozent und dem Fünfjahresdurchschnitt von 47 Prozent. Gleichzeitig schrumpfen die zertifizierten Arabica-Bestände an der ICE auf den niedrigsten Stand seit März 2024. Diese Kombination aus verzögerter Ernte und schwindenden Lagerreserven erklärt einen Großteil der zuletzt gestiegenen Nervosität am Terminmarkt. Mit einem RSI von 54,1 bewegt sich Kaffee derzeit in einer eher neutralen Zone, ohne klare Überhitzung nach oben oder unten.
Kupfermarkt: Zwischen Chile-Ausfällen und Zins-Angst
Kupfer zeigt sich im Vergleich zu den übrigen Rohstoffen erstaunlich stabil. Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 6,26 US-Dollar je Pfund, ein moderates Minus von 0,39 Prozent. Auf Wochensicht bewegt sich der Kurs kaum vom Fleck, seit Jahresbeginn steht dagegen ein Plus von 11,28 Prozent zu Buche.
Belastend wirkt vor allem die Furcht vor länger hohen Zinsen, die durch die ölpreisgetriebenen Inflationsrisiken zusätzlich genährt wird. Gegenläufig wirkt die angespannte Angebotslage in Chile: Ein schwerer Sturm traf zentrale Förderregionen, und Antofagasta meldete für das erste Halbjahr einen Produktionsrückgang von 9,5 Prozent auf 285.000 Tonnen. BHP warnte zudem vor einem weiteren Rückgang der chilenischen Förderung im kommenden Jahr – ein Warnsignal mit Gewicht, da das Land rund die Hälfte der weltweiten Kupferexporte stellt. Mit einem RSI von 49,8 notiert Kupfer derzeit in einer ausgeglichenen Zone zwischen diesen gegenläufigen Kräften.
Vergleichende Sektordynamik: Fünf Rohstoffe, ein Spannungsfeld
Die fünf betrachteten Rohstoffe reagieren derzeit auf ein gemeinsames Umfeld – allerdings mit entgegengesetzten Vorzeichen. Die zentralen Treiber lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Fed-Zinserwartungen: belasten Gold und Silber, weil höhere Realzinsen zinslose Anlagen unattraktiver machen
- Iran-Konflikt: treibt Brent Crude direkt nach oben, wirkt auf Kupfer über den Inflations- und Zinskanal eher dämpfend
- Chile-Angebotsstörungen: stützen den Kupferpreis trotz Konjunktursorgen
- Brasilien-Ernte und ICE-Lagerbestände: bestimmen den Kaffeepreis weitgehend unabhängig von Zins- und Geopolitik-Themen
- Dollar-Schwäche: begünstigt Brent zusätzlich, wirkt bei Edelmetallen bislang nicht stark genug, um die Zinsbelastung auszugleichen
Diese Gemengelage zeigt: Wer den Sektor als Ganzes verfolgt, kommt an mindestens drei unabhängigen Analyserastern nicht vorbei – Geldpolitik, Geopolitik und rohstoffspezifische Angebotslage.
Rohstoffmärkte zwischen Kriegsprämie und Zinsschock
Die kommenden zwei Wochen dürften richtungsweisend werden. Die Fed-Entscheidung am 29. Juli wird zeigen, ob sich die Inflationssorgen tatsächlich in einer strafferen Geldpolitik niederschlagen – ein Szenario, das Gold und Silber weiter belasten und über den Dollar-Kanal auch auf Kupfer drücken könnte. Bei Brent bleibt die Entwicklung an der Straße von Hormus die entscheidende Variable: Normalisiert sich der Schiffsverkehr, könnte ein Teil der Kriegsprämie ebenso schnell wieder verschwinden, wie er entstanden ist.
Beim Kaffeepreis richtet sich der Blick auf den weiteren Ernteverlauf in Brasilien, beim Kupfermarkt auf die Produktionsentwicklung in Chile. Für den Rohstoffsektor insgesamt gilt: Die Entkopplung zwischen Energie, Edelmetallen und Agrarrohstoffen dürfte vorerst anhalten – ein einheitliches Bild ist derzeit nicht in Sicht.
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