Vorstandsinterview exklusiv: Steico mit rasantem Wachstum

Steico: „Wir sind zuversichtlich, mit der Inbetriebnahme der zweiten Furnierschichtholzanlage 2018 einen weiteren Wachstumsschub zu realisieren.“

Interview mit Finanzdirektor Dr. David Meyer

© Steico
© Steico

Allen Grund zur Freude hat der Verwaltungsrat der Steico SE. Denn der weltweit größte Hersteller von Holzfaser-Dämmstoffen hat die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2016 mit sehr guten Zahlen abgeschlossen. Der Umsatz lag im Berichtszeitraum mit 157,1 Millionen Euro um 10,2 Prozent über dem Vorjahreswert von 142,6 Millionen Euro. Das EBIT ist sogar um 56,4 Prozent auf 14,7 Millionen Euro gestiegen. Unter dem Strich erzielte Steico einen Nettogewinn von 9,3 Millionen Euro – 34,8 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Nach wie vor profitiert Steico von der anhaltend hohen Nachfrage nach ökologischen Dämmstoffen sowie der positiven Entwicklung bei den Konstruktionsprodukten wie Stegträger und Furnierschichtholz. Lediglich die Entwicklung auf dem britischen Markt dämpft die Wachstumsdynamik.

Sofern kein vorzeitiger Wintereinbruch die Bautätigkeit bremst, erwartet das Direktorium im vierten Quartal 2016 eine Fortsetzung des Wachstums. Die Unternehmensführung geht im Gesamtjahr weiterhin von einem Umsatzwachstum im oberen einstelligen Prozentbereich aus. Beim EBIT wird ein überproportionales Wachstum im deutlich zweistelligen Prozentbereich erwartet.

Die Unternehmensleitung rechnet damit, dass sich die positive Entwicklung im kommenden Jahr fortsetzen lässt. Neben den positiven Effekten aus der Eigenfertigung von Furnierschichtholz dürften auch eine Reihe von neuen Produkten, zum Beispiel aus den Bereichen Fassaden- und Einblasdämmung, zum weiteren Wachstum beitragen. Angesichts dieser erfreulichen Perspektiven hat Börse Global mit Steico-Finanzdirektor Dr. David Meyer ein ausführliches Interview geführt. 

Börse Global: Steico ist der weltweit führende Anbieter von Holzfaser-Dämmstoffen. Könnten Sie bitte kurz über die wichtigsten Meilensteine in der Unternehmensgeschichte von Steico berichten?

Dr. David Meyer / © Steico
Dr. David Meyer / © Steico

Dr. David Meyer: Steico wurde 1986 als Holzhandelsunternehmen gegründet. Unser Gründer und heutiger CEO, Herr Udo Schramek, baute in den darauf folgenden Jahren vielversprechende Geschäftskontakte zu einem polnischen Lieferanten von Holzfaserplatten auf. Im Zuge der polnischen Liberalisierung Ende der 1990er Jahre ergriff Herr Schramek die Chance und übernahm diesen wichtigen Lieferanten. So wandelte sich Steico von einem Handels- zu einem Produktionsunternehmen. Diese Holzfaserplatten erlebten ab dem Beginn der 2000er Jahre einen regelrechten Boom als ökologische Dämmstoffe. In der Folge konnte auch Steico ein starkes Wachstum verzeichnen und investierte regelmäßig in die Modernisierung und Erweiterung der Produktion. Heute ist Steico der weltweit größte Hersteller von Holzfaser-Dämmstoffen. Ein weiterer Meilenstein war der IPO des Unternehmens im Jahr 2007. Das eingeworbene Kapital investierte Steico in weiteres Wachstum und erweiterte sein Angebot um konstruktive Bauprodukte wie die Stegträger, leichte aber hochstabile Tragwerke für den Holzbau. Ab dem Jahr 2008 befand sich dann auch Furnierschichtholz als Handelsware im Steico-Sortiment. Anfang 2016 nahm Steico schließlich die erste eigene Produktionsanlage für Furnierschichtholz in Betrieb. Heute laufen bereits die Bauarbeiten für eine Verdoppelung der Produktionskapazitäten bei Furnierschichtholz.

Börse Global: Aufgrund der im Dezember 2012 in Kraft getretenen EU-Energieeffizienzrichtlinie liegen das Bauen von energieeffizienten Häusern und die optimale Dämmung bereits vorhandener Gebäude in den Staaten der Europäischen Union im Trend. Warum sollten hierfür Holzfaser-Dämmstoffe verwendet werden, die teurer sind als Styropor-Platten?

Dr. David Meyer: Der Trend geht klar in Richtung ökologische Bauprodukte. Daran sind die Hersteller der konventionellen Dämmungen nicht ganz unschuldig. Insbesondere die Hartschaumplatten spüren starken Gegenwind im Markt. Nicht eingelöste Effizienz-Versprechen, Diskussionen um die Feuergefährlichkeit und aktuell noch die Entsorgungsproblematik aufgrund des giftigen Flammschutzmittels Hexabromcyclododecan (HBCD) – gerade private Bauherren suchen nach sinnvollen Alternativen. Hier spielt Qualität wieder eine wichtige Rolle und dabei kann die Holzfaser punkten – sie schützt vor Kälte im Winter und Hitze im Sommer. Sie hält Nässe ab und die Konstruktion trocken. Außerdem verbessert sie den Schallschutz und ist ausgesprochen robust und langlebig. Angesichts dieser Vorteile relativieren sich die Mehrkosten. Außerdem stellen die reinen Materialkosten bei einem Bauvorhaben meist nicht den größten Kostenblock dar. Je nachdem wie die Konstruktion ausgeführt wird, können Sie mit Holzfaser sogar günstiger als mit konventionellen Produkten dämmen.

Börse Global: Das Steico-Sortiment umfasst nicht nur Dämmstoffe, sondern auch Stegträger, Hartfaserplatten und Furnierschichtholz. Daher kann die komplette tragende und dämmende Gebäudehülle mit Steico-Holzprodukten errichtet werden. Warum ist dies vorteilhaft?

Dr. David Meyer: Bauen ist ausgesprochen komplex. Kein Bauvorhaben gleicht dem anderen. Schnell passieren kleine Fehler, die große Auswirkungen haben können. Von daher schätzen Verarbeitungsbetriebe die Arbeit im System. Wenn alle Materialien und zum Teil auch noch die Planungsleistungen aus einer Hand kommen, reduziert das die Komplexität, gibt Sicherheit und beschleunigt die Abläufe auf der Baustelle. Das ist sowohl für den Verarbeitungsbetrieb als auch für den Bauherren wirtschaftlich. Darüber hinaus sind unsere Konstruktionsprodukte sehr innovativ. Mit ihnen lassen sich Bauwerke realisieren, die mit gewachsenem Vollholz so nicht denkbar wären. Damit grenzt sich Steico klar vom Wettbewerb ab und schafft sich eine einzigartige Positionierung.

Börse Global: In welchen Ländern ist der Trend zur Holzbauweise besonders stark?

Dr. David Meyer: Traditionell gehören Deutschland und der Alpenraum zu den besonders starken Holzbaunationen, gefolgt von den skandinavischen Ländern. Bei der technischen Entwicklung sind diese Länder stets um einige Jahre voraus, andere Regionen ziehen dann nach. Holzbau ist daher ein durch und durch europäisches Thema. Da der Holzbau auch eine besonders innovative Branche ist, erwarten wir, dass die Holzbauquote in den kommenden Jahren noch deutlich zulegen wird. Sehen Sie sich nur Referenzobjekte, wie die ersten Hochhäuser in Holzbauweise an. Hier existiert noch wesentliches Entwicklungspotenzial. Wir freuen uns darauf, an dieser Entwicklung mit unseren Produkten teilzuhaben.

Börse Global: Im Juni hat die Bevölkerung in Großbritannien für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Seither hat das britische Pfund deutlich an Wert verloren. In welchem Ausmaß leidet Steico unter dieser Entwicklung und wie halten Sie negative Wechselkurseffekte so gering wie möglich?

Dr. David Meyer: Wir verkaufen in Großbritannien überwiegend in britischen Pfund. Von daher hat die Abwertung der britischen Währung durchaus Auswirkungen auf Umsatz und Ertrag. Wir begegnen dem mit einer verstärkten Währungssicherung, werden aber auch notwendige Preisanpassungen zum Jahresbeginn durchführen. Das ist aber ein sensibles Thema, schließlich wollen wir zu unseren Kunden in Großbritannien weiterhin ein vertrauensvolles Verhältnis pflegen.

Börse Global: Großbritannien ist mit einem Umsatzanteil von 15 Prozent der zweitgrößte Absatzmarkt von Steico. Könnten sich dort die Wachstumsperspektiven von Steico aufgrund des Brexits eintrüben?

Dr. David Meyer: Wir beobachten den britischen Markt sehr intensiv. Aktuell wird unser Geschäft dort nur indirekt über die Währungsthematik beeinflusst. Die Bauwirtschaft selbst hat sich seit dem Referendum überraschend stabil gezeigt. Dies belegen die aktuellen Zahlen der britischen Statistikbehörde „Office for National Statistics“. Insbesondere der private Wohnungsbau, in den viele Steico-Produkte fließen, zeichnet sich weiterhin durch Zuwächse aus. Öffentliche Bauvorhaben gehen seit 2014 hingegen deutlich zurück.

Börse Global: Welche Faktoren werden das Wachstum von Steico künftig beeinflussen? Und wie werden Sie Risiken minimieren

Dr. David Meyer: In Europa hängt viel davon ab, wie sich die Gesamtkonjunktur entwickelt und ob die Eurokrise noch einmal aufflammt. Unser strategischer Ansatz berücksichtigt aber nicht nur die Baukonjunktur einzelner Länder. Wir arbeiten an einer Risiko-Diversifizierung, indem wir nach und nach Absatzmärkte für Produkte außerhalb der Baubranche aufbauen. Sie glauben gar nicht, was man aus Holzfaserplatten, Furnierschichtholz oder Hartfaserplatten alles machen kann. Ein Teil davon geht auch in den Export, so dass wir uns unabhängiger von hiesigen Konjunkturschwankungen machen können.

Börse Global: Wegen einer hohen Nachfrage wollen Sie die jährliche Produktionskapazität im Bereich Furnierschichtholz von 80.000 Kubikmeter auf etwa 160.000 Kubikmeter ausweiten. Wie wird sich die zusätzliche Produktionskapazität, die ab Mitte 2018 zur Verfügung stehen soll, auf den Umsatz und die EBIT-Marge auswirken?

Dr. David Meyer: Wir gehen von ähnlichen positiven Auswirkungen wie bei unserer ersten Anlage aus. Mit einem Unterschied: Mit der ersten Anlage haben wir überwiegend den Bedarf an Furnierschichtholz für unsere Stegträger gedeckt. Furnierschichtholz wird dort als sogenanntes Gurtmaterial eingesetzt und wir konnten die bisherige, teurere Handelsware substituieren. Dementsprechend haben Sie die Auswirkungen weniger beim Umsatz und viel stärker bei den Erträgen gesehen. Mit der zweiten Anlage adressieren wir eher externe Kunden. Daher erwarten wir Steigerungen sowohl beim Umsatz als auch bei den Erträgen.

Börse Global: Welche Neuheiten wird Steico 2017 auf den Markt bringen?

Dr. David Meyer: Ein großes Thema bleibt natürlich Furnierschichtholz. Hier werden wir erstmals „verklebte Träger“ vorstellen. Mit einer speziellen Presse können wir die ohnehin schon großen Furnierschichtholzplatten zu noch größeren Tragwerken zusammenkleben, wie sie zum Beispiel für Hallenkonstruktionen und ähnliches benötigt werden. Dann haben wir gerade die bauaufsichtliche Zulassung für unsere neue Zellulose-Einblasdämmung erhalten. Mit einem Wärmeleitfähigkeitswert von 0,039 sind wir branchenweit führend und können ganz neue Kundengruppen erschließen. Auch für den Bereich der Fassadendämmung werden wir wieder Neuigkeiten präsentieren, hier sehen wir einen der Märkte mit großem Wachstumspotenzial.

Börse Global: Wie schätzen Sie den Wettbewerbsdruck auf den drei größten Absatzmärkten von Steico ein? Besteht die Gefahr, dass Konkurrenten Steico in Deutschland Marktanteile abluchsen werden?

Dr. David Meyer: Der Wettbewerbsdruck bei den Holzfaser-Dämmstoffen ist nach wie vor hoch. Jedes der Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden, um damit umzugehen. Für Steico ist es die Konzentration auf das „integrierte Bausystem“, womit wir unseren Kunden Vorteile bieten können. Für andere Mitbewerber war der Druck auf Dauer zu hoch. So musste Homatherm Ende Oktober Insolvenz anmelden. Das ist insofern bedauerlich, als dass alle Unternehmen in der Holzfaser-Branche einer Qualitätsphilosophie folgen. Die wahren Mitbewerber sind die Hersteller von konventionellen Dämmstoffen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass die ökologische Nische hier noch weitere Marktanteilsgewinne verbuchen kann.

Börse Global: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale und Wettbewerbsvorteile von Steico?

Dr. David Meyer: Das ist zum einem das „integrierte Bausystem“ aus Tragwerk und Dämmung. Dazu kommt aber auch, dass wir über die größten Produktionskapazitäten verfügen und entsprechend Skalenvorteile realisieren können. Damit einher geht das umfangreichste Sortiment. Das bedeutet nicht nur Wahlfreiheit für unsere Kunden sondern auch logistische Vorteile. Bei Steico müssen Händler nicht einen kompletten LKW mit Dämmstoffen bestellen, sondern können kombinieren: mit Stegträgern, Furnierschichtholz und Abdichtungsprodukten. So kann die Lagerhaltung bei unseren Kunden optimiert werden. Darüber hinaus bieten wir die branchenweit umfangreichsten Serviceleistungen: Wir verfügen über eine hoch qualifizierte technische Beratung, das dichteste Außendienst-Netz und bieten mit unserer eigenen Seminar-Reihe, der Steico-Akademie, ein kostenloses Schulungsformat für die Weiterbildung unserer Kunden.

Börse Global: Im Mai 2016 wurde die Schweizer Pavatex-Gruppe von dem französischen Soprema-Konzern übernommen. Kurz zuvor hat der zu Saint-Gobain gehörende Dämmstoffhersteller Isover die Sparte Holzfaserdämmstoffe von Buitex gekauft. Halten Sie es für möglich, dass mittelfristig ein großer Konzern Steico übernehmen will?

Dr. David Meyer: Die Übernahmen zeigen, dass die ökologische Nische mittlerweile auch für die großen Player relevant geworden ist. Als Sortimentsbeimischung sind ökologische Produkte heute quasi unverzichtbar. Als Branchenführer nimmt Steico sicherlich eine herausragende Position ein. Aktuell sehen wir uns nicht als Übernahmekandidat und fokussieren uns auf weiteres gesundes organisches Wachstum.

Börse Global: Welche strategischen Ziele wollen Sie bis Ende 2020 erreichen?

Dr. David Meyer: Wir haben noch etliche Ideen, um das „integrierte Bausystem“ weiterzuentwickeln. Wir sind zuversichtlich, mit der Inbetriebnahme der zweiten Furnierschichtholzanlage 2018 einen weiteren Wachstumsschub zu realisieren. Wenn unsere Kunden letztlich vom „Steico-Haus“ als Synonym für ökologischen Holzbau reden, wäre das für unsere Arbeit das größte Kompliment.

Börse Global: Herr Dr. Meyer, vielen Dank für dieses interessante Interview. (Das Interview führte Martin Münzenmayer)

%d Bloggern gefällt das: