Vorstandsinterview: Francotyp-Postalia auf dem Digitalweg

Francotyp-Postalia will weiter wachsen. Dabei soll nicht nur das bisherige Kerngeschäft mit Frankier- und Kuvertiermaschinen weiter ausgebaut werden. Einen großen Schwerpunkt legt das Unternehmen auch auf die Transformation hin zu mehr digitalen Lösungen. Wie das geschehen soll, wo man aktuell steht und welche Herausforderungen bleiben, erklärt Vorstandschef Rüdiger Andreas Günther im Gespräch mit Martin Münzenmayer für “Börse Global”.

Ihrer Meinung nach verfügt Francotyp-Postalia über ein großes Wachstumspotenzial. Erklären Sie bitte, warum Sie das so sehen.

Vorstandschef Rüdiger Andreas Günther / Francotyp-Postalia

Rüdiger Andreas Günther: Vor gerade einmal 19 Monaten haben wir unsere Wachstumsstrategie ACT vorgestellt. Erst die Hälfte des Transformationsprozesses liegt hinter uns. Aber schon jetzt haben wir eine Vielzahl von Projekten erfolgreich abgeschlossen. Bei der Umsetzung von ACT sind wir voll auf Kurs und haben schon mehr erreicht als uns mancher zugetraut hatte. Wir greifen an im Kerngeschäft und entwickeln neue, digitale Lösungen mit großem Wachstumspotenzial.

Wofür steht das Kürzel ACT?

Rüdiger Andreas Günther: „A“ steht für Attack, Angriff im Kerngeschäft. Wir wachsen weiter im bisherigen Geschäftsmodell, mit Frankieren und sicherem Mail Business. Aber wir wissen auch, dass unsere Kunden zunehmend digitale Lösungen für ihre Kommunikationsprozesse suchen werden. Deshalb „C“, die Customer Journey: Wir begleiten unsere Kunden auf dem Weg von der analogen in die digitale Welt, bringen ihnen digitale Lösungen und Apps, die ihnen die Arbeit erleichtern. Und drittens „T“ für Transformation: innovative Produkte für neue, andere Märkte und Umbau von Francotyp-Postalia zu einem agilen Wachstumsunternehmen.

Wie entwickelt sich denn ihr Kerngeschäft mit Frankiermaschinen? Ist das nicht ein schwieriger, rückläufiger Markt? Wie greifen Sie dort an?

Rüdiger Andreas Günther: Die Digitalisierung führt tatsächlich zu tendenziell sinkendem Briefaufkommen. Aber der Rückgang verlangsamt sich in vielen Ländern. Die mittelständischen Unternehmen, unsere Hauptzielgruppe, werden noch lange sensible Dokumente lieber sicher per Brief versenden. Und solange gibt es auch einen für uns sehr auskömmlichen Markt für Frankiermaschinen. Derzeit sind 80 Prozent unseres Konzernumsatzes wiederkehrende Erlöse. Als Technologieführer mit unseren mehr als 200.000 Kunden können wir auf diesem Markt weiterhin hohe Margen und einen guten Cashflow erzielen.

Es ist ein oligopolistischer Markt mit hohen Zugangsbarrieren. Wir sind der drittgrößte Anbieter und im Rahmen unserer Wachstumsstrategie ACT sehen wir große Chancen, unseren Marktanteil weltweit und insbesondere in Kernmärkten wie den USA, Deutschland und Frankreich auszubauen. Unsere beiden großen Wettbewerber haben seit einigen Jahren andere Prioritäten gesetzt. Ihr traditionelles Geschäft steht nicht mehr im Fokus ihrer Strategie. Wir hingegen gehen in die Offensive, investieren mit ACT wieder in Service, Marketing, Forschung und Entwicklung sowie Vertrieb – und unsere Kunden wissen das sehr zu schätzen. Unseren Weltmarktanteil bei Frankiermaschinen konnten wir im vergangenen Jahr von zehn auf elf Prozent ausbauen. Und wir werden den Wettbewerbern weitere Marktanteile abjagen. Die Zahlen zeigen es: Wir steigern den Umsatz im Kerngeschäft. Und während unsere zwei großen Wettbewerber sinkende Umsätze verzeichnen, nehmen wir ihnen Kunden und Stellplätze ab.

Und welchen Ansatz verfolgen Sie mit den digitalen Produkten?

Rüdiger Andreas Günther:Nach nur 19 Monaten sind wir bereits erstaunlich weit. Wir erproben neue Geschäftsmodelle. Und wir haben schon vielversprechende Produkte entwickelt. Einige stehen vor dem Markteintritt. Manche haben bereits von Branchengrößen wie Amazon Web Services, der Bundesdruckerei und der EU höchste Anerkennung erfahren.

Dabei setzen wir mit unserer Strategie auf unsere Stärken. Das sind unsere Kunden und unsere Kernkompetenzen in Sensorik, Aktorik, Konnektivität und Kryptographie. Unsere Kunden begleiten wir mit nützlichen zusätzlichen Angeboten auf dem Weg in die digitale Zukunft, vertiefen und erweitern so die Zusammenarbeit. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Signaturlösung FP Sign. Rechtssichere Unterschriften auf Knopfdruck statt auf Papier – so sparen unsere Kunden bei kritischen Geschäftsprozessen Zeit und Kosten.

Mehr digitales Geschäft mit bestehenden Kunden ist der eine Teil der Strategie. Neue, zukunftsweisende Lösungen und Geschäftsmodelle unmittelbar aus der Technologie unserer Frankiermaschinen heraus zu entwickeln und sie völlig neuen Kundengruppen anzubieten, ist der zweite Teil.

Was hat Ihre Frankiermaschinentechnik auf diesem Feld zu bieten?

Rüdiger Andreas Günther:Eine Frankiermaschine ist ein Hightech-Produkt mit hohen Anteilen an Sensorik und Aktorik: Es werden Zustände gemessen und Motoren betrieben. Wir drucken Geld, bringen jedes Jahr mehr als ein Milliarde Euro Porto auf Briefumschläge. Das funktioniert nur mit höchster Sicherheit der Datenübertragung dank der von uns entwickelten kryptographischen Verfahren und hardwarebasierter Verschlüsselungs- und Übertragungstechnik. Unser Datenübertragungssystem wurde noch nie gehackt.

Auf unseren Servern in Berlin empfangen wir schon seit Jahrzehnten Daten von den Frankiermaschinen unserer Kunden und übertragen Updates auf diese Maschinen. So sind mehr als 100.000 Maschinen weltweit zu einem der modernsten und sichersten Internet der Dinge (Internet of Things) verknüpft. Diese Kompetenzen in Kryptographie und Konnektivität sind unsere wichtigsten Assets, an denen potenzielle Kunden in verschiedenen Industriebranchen stark interessiert sind. Denn im Bereich des Internets der Dinge müssen Daten zum Beispiel von Maschinen oder Fahrzeugen sicher in die Cloud übertragen werden.

Wie wird sich der Umsatzanteil dieses Digitalbereichs künftig entwickeln?

Rüdiger Andreas Günther:Anfang 2017, als wir mit ACT loslegten, hatten wir in diesem neuen Bereich noch gar keine nennenswerten Umsätze. Jetzt stehen wir unmittelbar vor dem Markteintritt erster neuer digitaler Produkte und Geschäftsmodelle. Deren Umsatzanteil soll schon ab dem kommenden Jahr überproportional steigen. Für 2020 streben wir bereits einen Umsatz von bis zu 30 Millionen Euro an.

Im Zusammenhang mit dem Internet of Things haben Sie vor kurzem eine Akquisition durchgeführt. Was steckt dahinter?

Rüdiger Andreas Günther: Im Mai haben wir den Internet-of-Things-Spezialisten Tixi gekauft. Mitarbeiter und Kundenverträge werden in unsere Internet-of-Things-Aktivitäten integriert und werden künftig einen wichtigen Beitrag zum Wachstum unserer digitalen Geschäftsmodelle leisten. Tixi verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Vernetzung und Kommunikation von Maschinen sowie im Smart-Metering. Mit ihren Gateways, also den Schnittstellen von den Maschinen zur Cloud, ist Tixi schon sehr erfolgreich im Vertrieb.

Die Tixi-Cloud-Gateways sind an fast jede Steuerung und jeden Zähler anschließbar. Mit diesen Hardware-Komponenten lassen sich die Daten vieler verschiedener speicherprogrammierbarer Steuerungen von Maschinen und Anlagen sowie von Strom- und Wasserzählern in die Cloud übertragen und so aus der Ferne auslesen und auswerten.

Tixi erhält Zugang zu unseren Hochsicherheits-Gateways und dem Kryptographie-Know-how von Francotyp-Postalia. Darüber hinaus kann das Unternehmen dank unserer finanziellen Stärke künftig leichter Aufträge weiterer Großkunden gewinnen. Mit der Übernahme von Tixi haben wir uns in dem aussichtsreichen und schnell wachsenden Märkten für Internet-of-Things-Lösungen und Cloud-Technologie auf einen Schlag hervorragend positioniert.

Welche Rolle spielen Akquisitionen wie diese für Ihre Strategie insgesamt?

Rüdiger Andreas Günther:Wir agieren aus einer Position der finanziellen Stärke heraus – dank unserer soliden Bilanz und einer Kreditlinie in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro. Wir werden allerdings nur dann eine Akquisition durchführen, wenn das jeweilige Unternehmen hervorragend zu Francotyp-Postalia passt und der Übernahmepreis nicht zu hoch ist. In der aktuellen Planung sind keine Akquisitionen enthalten. Dennoch werden wir Zukaufgelegenheiten selbstverständlich sorgfältig prüfen. Nach 2020, das haben wir angekündigt, wollen wir Akquisitionen im Umfang von etwa 80 Millionen Euro Umsatz durchführen.

Unabhängig davon werden wir auch künftig Kooperationen mit interessanten Start-Up-Unternehmen vereinbaren und dadurch unsere Kernkompetenzen in Sensorik, Aktorik, Konnektivität und Kryptographie mit innovativem, digitalem Know-how verknüpfen. Berlin ist die Start-up-Hauptstadt Europas, gerade hier bieten sich uns spannende Möglichkeiten.

Laut Ihrer Strategie soll Francotyp-Postalia im Geschäftsjahr 2020 bei einem Umsatz von 250 Millionen Euro eine EBITDA-Marge von 17 Prozent erzielen. Viele Marktteilnehmer haben Zweifel, ob diese Ziele erreicht werden. Halten Sie weiterhin an Ihren Prognosen fest? 

Rüdiger Andreas Günther: In der Tat haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt. Dabei haben wir aber nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Transformation des Unternehmens Zeit benötigt. Wie geplant, dauert sie etwa drei Jahre. Die Potenziale bei Umsatz und Ertrag erschließen sich nach und nach, aber in steigendem Tempo. Wir setzen die Transformation von Francotyp-Postalia professionell und transparent um. Wir haben bisher alles gehalten, was wir versprochen haben. Und mit Hochdruck arbeiten wir dafür, dass das so bleibt.

Welche Rolle spielt Ihr JUMP-Projekt für die Erreichung Ihrer Ziele?

Rüdiger Andreas Günther:JUMPist ein elementarer Bestandteil unserer Wachstumsstrategie ACT und unser wichtigstes Vorhaben zur Steigerung der Profitabilität. Unsere gesamte Organisation wird noch agiler. Wir räumen aus dem Weg, was uns daran hindert, schneller zu wachsen und höhere Margen zu erwirtschaften. Ab 2020 rechnen wir mit jährlichen Ergebnisverbesserungen von sechs Millionen Euro. Die ersten positiven Auswirkungen werden sich schon im kommenden Jahr zeigen.

Wie hoch sind die Kosten, die für die Umsetzung von JUMP anfallen?

Rüdiger Andreas Günther: Die Kosten betragen einmalig sechs bis acht Millionen Euro. Aber dieser Aufwand wird sich spätestens nach zwei Jahren mehr als auszahlen.

Was tun Sie dafür, dass sich diese neue Positionierung am Absatz- und am Kapitalmarkt noch mehr herumspricht?

 Rüdiger Andreas Günther: Im Rahmen unserer Wachstumsstrategie spielt gerade auch die Stärkung unserer Marke FP eine wichtige Rolle. In dem neuen Claim „German Mailgeneering“ fassen wir Tradition und Innovation, deutsche Ingenieursqualität und die organische Entwicklung des Neuen aus unseren Kernkompetenzen zusammen. Wenn unsere Kunden oder Interessenten in fünf Jahren an sicheres Mail-Business oder sichere digitale Kommunikationsprozesse denken, dann soll ihnen als erstes die Marke FP einfallen.

Bislang zahlte Francotyp-Postalia eine relativ hohe Dividende. Werden Sie die aktionärsfreundliche Dividendenpolitik beibehalten?

Rüdiger Andreas Günther: Trotz der finanziellen Belastungen aus der Transformation konnten wir 2017 den Cashflow steigern und für das Geschäftsjahr 2017 eine steuerfreie Dividende von 0,12 Euro pro Aktie ausschütten. Sofern wir weiterhin einen positiven freien Cashflow erzielen, werden wir auch künftig 35 bis 50 Prozent des Nettogewinns unseren Anteilseignern zukommen lassen. Aus meiner Sicht ist der hohe freie Cashflow, den wir in den zurückliegenden Jahren stets erzielt haben, ein Beweis für die Solidität unseres Geschäftsmodells. Im Geschäftsjahr 2018 wird sich der freie Cashflow allerdings unter anderem aufgrund der Investitionen im Rahmen des Effizienzverbesserungsprogramms JUMP verringern.

Was spricht aus Ihrer Sicht außer der attraktiven Dividendenrendite und der günstigen Bewertung der Aktie dafür, einzusteigen und langfristig bei Francotyp-Postalia investiert zu bleiben?

Rüdiger Andreas Günther: Wir greifen an im Kerngeschäft, entwickeln neue digitale Produkte und Geschäftsmodelle, bauen das Unternehmen grundlegend um, zahlen eine Dividende und sind aktuell mit weniger als dem zweifachen EBITDA bewertet. FP ist heute alles andere als ein langweiliger Frankiermaschinenhersteller. Wer das Unternehmen genau analysiert, wird feststellen: Wir erzielen hohe Casflows und eine attraktive EBITDA-Marge, die wir künftig noch deutlich steigern werden. Wir sind solide finanziert und unser Konsortialkredit bietet uns Flexibilität für weiteres Wachstum. Der Kundenstamm von weltweit mehr als 200.000 Kunden ist ein wichtiges Asset, von dem wir im Rahmen der Umsetzung unserer Wachstumsstrategie profitieren werden. Besondere Chancen bieten unsere Aktivitäten im neuen Digitalbereich. Hier verschaffen wir uns jetzt eine sehr gute Ausgangssituation für das geplante starke Umsatz- und Gewinnwachstum.

Hinweis auf Interessenkonflikte gemäß § 34 Wertpapierhandelsgesetz:

Das Interview führte Martin Münzenmayer. Er besitzt Francotyp-Postalia-Aktien.

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