Wachstum allein reicht nicht mehr — der KI-Boom sucht seinen Cashflow
Oracles Rekordquartal reicht nicht: Der Markt fokussiert auf den negativen freien Cashflow und die hohen Kapitalausgaben im KI-Infrastrukturgeschäft.

- Cloud-Wachstum von 93 Prozent
- Freier Cashflow tief negativ
- Milliarden-Finanzierung geplant
- Markt hinterfragt KI-Investitionen
Liebe Leserinnen und Leser,
21 Prozent Umsatzwachstum, 93 Prozent Plus in der Cloud-Infrastruktur, ein Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar. Oracle lieferte am Donnerstag Quartalszahlen, die vor einem Jahr eine Kursrally ausgelöst hätten. Stattdessen verlor die Aktie zeitweise über 10 Prozent. Der Grund steht nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung, sondern in der Kapitalflussrechnung: minus 23,7 Milliarden Dollar freier Cashflow im Geschäftsjahr 2026. Dazu 40 Milliarden Dollar frisches Kapital, das Oracle im kommenden Jahr über Schulden und Aktienemissionen aufnehmen will.
Was bei Oracle passiert ist, betrifft den gesamten KI-Infrastrukturzyklus. Die Frage, die der Markt stellt, hat sich verschoben — weg vom Wachstum, hin zur Finanzierung dieses Wachstums. Und die Antwort fällt in einem Umfeld mit 4,2 Prozent US-Inflation und steigenden Zinserwartungen deutlich schwerer als noch vor sechs Monaten.
Oracles Rekordquartal — und warum es nicht reichte
Die Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026 waren in fast jeder Zeile über den Erwartungen. Der Umsatz erreichte 19,2 Milliarden Dollar, der Non-GAAP-Gewinn je Aktie lag bei 2,11 Dollar. Der Cloud-Umsatz stieg um 47 Prozent auf 9,9 Milliarden Dollar, die Cloud-Infrastruktursparte OCI allein um 93 Prozent auf rund 5,8 Milliarden Dollar.
Doch die Gegenseite der Bilanz hat es in sich. Die Kapitalausgaben explodierten im Geschäftsjahr 2026 auf 55,7 Milliarden Dollar — nach 21,2 Milliarden im Vorjahr. Der freie Cashflow: minus 23,7 Milliarden Dollar für das Gesamtjahr, minus 1,87 Milliarden im vierten Quartal. Und Oracle plant weiter: 40 Milliarden Dollar sollen im Geschäftsjahr 2027 über Fremd- und Eigenkapital hereinkommen, darunter eine Aktienemission von rund 20 Milliarden Dollar.
Für Anleger bedeutet das ein konkretes Verwässerungsrisiko. Oracle wächst wie ein Infrastrukturgewinner, finanziert sich aber wie ein Unternehmen, das noch Jahre vom nachhaltigen freien Cashflow entfernt ist. Die Börse hat am Donnerstag genau diese Rechnung aufgemacht — und die Aktie zeitweise auf rund 182 Dollar gedrückt.
638 Milliarden Dollar Auftragsbestand — beeindruckend, aber konzentriert
Die bullische Seite bleibt beachtlich. Die Remaining Performance Obligations stiegen auf 638 Milliarden Dollar, ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das lag 85 Milliarden Dollar über dem Vorquartal und klar über den Markterwartungen.
Allerdings verteilt sich dieser Auftragsbestand ungleich. Ein OpenAI-Vertrag aus dem Jahr 2025 macht mit rund 300 Milliarden Dollar mehr als die Hälfte des RPO aus. Zusätzlich stecken etwa 75 Milliarden Dollar an vorausbezahlter oder von Kunden bereitgestellter KI-Hardware in den Büchern — Strukturen, die zwar Nachfrage signalisieren, aber die klassische Cloud-Margenlogik verändern. GPU-Hardware, Kundenvorauszahlungen und Bring-Your-Own-Chip-Modelle drücken die Profitabilität pro Dollar Umsatz.
Oracle erwartet für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 ein Cloud-Umsatzwachstum von 58 bis 64 Prozent und will fast ein Gigawatt Rechenkapazität ans Netz bringen — beinahe so viel wie im gesamten abgelaufenen Geschäftsjahr. Das Management bestätigte das Umsatzziel von 90 Milliarden Dollar für FY2027 und hob die Non-GAAP-EPS-Prognose auf 8,05 Dollar an. Die entscheidende Frage bleibt trotzdem offen: Wann schlägt diese Nachfrage in nachhaltigen freien Cashflow um?
Cloud und SaaS unter doppeltem Druck
Die Oracle-Reaktion strahlte auf den gesamten Cloud-Sektor aus. Salesforce gab am Donnerstag nach und notierte nahe dem 52-Wochen-Tief von 163,52 Dollar — obwohl das Unternehmen im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 die Erwartungen mit einem Gewinn je Aktie von 3,88 Dollar und einem Umsatz von 11,13 Milliarden Dollar übertroffen hatte. Agentforce ARR verdreifachte sich auf 1,2 Milliarden Dollar.
Der Druck kommt von zwei Seiten. Erstens: Wenn Oracle als KI-Infrastrukturanbieter Milliarden verbrennt, stellt sich die Frage, wer die Rechnung für die gesamte KI-Wertschöpfungskette trägt. Zweitens diskutiert der Markt zunehmend, ob KI-Agenten klassische SaaS-Abonnements teilweise ersetzen oder zumindest Preisdruck erzeugen könnten. Die sogenannten „SaaSpocalypse“-Ängste mögen übertrieben sein, aber sie verändern die Bewertungslogik: Cloud-Software gilt nicht mehr automatisch als defensiv.
Der Unterschied zwischen den beiden Fällen ist wichtig. Oracle wird als reines Infrastrukturspiel bewertet — mit dem vollen Capex-Risiko. Salesforce wird über die Frage bewertet, ob KI die bestehende Umsatzbasis stärkt oder aushöhlt. In beiden Fällen gilt: Das Etikett „KI“ allein genügt nicht mehr. Der Markt fragt nach Margen, Kapitalbindung und Cashflow.
Inflation und Zinsen machen die Rechnung teurer
Der Zeitpunkt hätte für Oracle kaum ungünstiger sein können. Die US-Inflation lag im Mai bei 4,2 Prozent, dem höchsten Wert seit April 2023. Die Kerninflation kam auf 2,9 Prozent. Gleichzeitig zeigen Daten der Chicago Fed, dass die inflationsbereinigten Ausgaben für Lebensmittel und Dienstleistungen im Mai um 1,3 Prozent zurückgingen. Moody’s-Analytics-Chefökonom Mark Zandi warnt vor wachsenden Rezessionsrisiken — steigende Preise bei nachlassender Nachfrage, eine Kombination, die Unternehmensfinanzierungen verteuert und Konsumausgaben bremst.
Die Finanzmärkte preisen inzwischen mit 52-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein, dass die Fed bis Ende 2026 mindestens einmal die Zinsen anhebt. Für Unternehmen, die Dutzende Milliarden Dollar an frischem Kapital benötigen, wird dieses Umfeld zum Stresstest. Oracle ist der sichtbarste Fall, aber nicht der einzige.
Broadcom liefert, Spotify warnt — die Differenzierung läuft
Nicht alle KI-Profiteure werden gleich behandelt. Broadcom, mit einer Marktkapitalisierung von rund 1,7 Billionen Dollar das Schwergewicht im KI-Halbleitersektor, zeigt, wie die Gegenrechnung aussehen kann: 44 Prozent operative Marge, hohe operative Cashflows und im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 ein KI-Halbleiterumsatz von 10,8 Milliarden Dollar — ein Plus von 143 Prozent. Dazu kamen neue KI-Halbleiterbuchungen von 30 Milliarden Dollar. Die Risiken — Abhängigkeit von wenigen Großkunden, US-China-Spannungen, mögliche Abwanderung nach der VMware-Übernahme — sind real, aber der Cashflow-Nachweis ist erbracht.
Spotify wiederum zeigt die Kehrseite aus einer ganz anderen Branche. Im ersten Quartal 2026 übertraf das Unternehmen die Erwartungen deutlich: 715 Millionen Euro operativer Gewinn, 824 Millionen Euro freier Cashflow, 761 Millionen monatlich aktive Nutzer. Die Aktie fiel dennoch um rund 11 Prozent — weil Spotify für das zweite Quartal nur 630 Millionen Euro operativen Gewinn in Aussicht stellte, unter den erwarteten 684 Millionen Euro. Der Grund: höhere Marketing- und KI-Compute-Ausgaben. CFO Christian Luiga rechnet mit erhöhten Betriebskosten für ein bis zwei Quartale, Entspannung erst im vierten Quartal und 2027.
Die Botschaft ist bei Oracle, Spotify und im gesamten Sektor dieselbe: Investoren akzeptieren KI-Ausgaben nicht mehr als Vertrauensvorschuss. Sie verlangen einen Zeitplan, wann sich diese Ausgaben in Margen und freien Cashflow übersetzen.
Was das für Anleger bedeutet
Oracle hat am Donnerstag eine Grenze sichtbar gemacht, die für den gesamten KI-Zyklus gilt. 93 Prozent Wachstum in der Cloud-Infrastruktur und 638 Milliarden Dollar Auftragsbestand reichen nicht, wenn gleichzeitig 55,7 Milliarden Dollar Capex, minus 23,7 Milliarden Dollar freier Cashflow und 40 Milliarden Dollar neue Finanzierung dagegenstehen.
Die Bewertungsfrage hat sich verschoben. Sie lautet nicht mehr: Wer profitiert von KI? Sie lautet: Wer kann dieses Wachstum finanzieren, ohne Margen, Bilanz und Aktionäre zu überlasten? Cloud, Halbleiter und Plattformen bleiben die zentralen Gewinner des KI-Zyklus. Aber der Markt prüft wieder härter. Auftragsbestand ist gut. Umsatzwachstum ist besser. Freier Cashflow bleibt entscheidend.
Während der Markt KI-Infrastrukturanbieter gerade auf ihre Cashflow-Qualität abklopft, entwickelt sich parallel ein völlig anderer Technologiezyklus — einer, der noch am Anfang seiner Wachstumskurve steht. Morgen, am 12.06.2026, werde ich im Live-Webinar „SpaceX-Domino – 3 Weltraum-Champions für bis zu +17.755,12 % Gewinn“ zeigen, welche Unternehmen rund um den bevorstehenden SpaceX-Börsengang strukturell profitieren könnten — und warum die interessantesten Chancen oft nicht beim Börsenneuling selbst liegen, sondern bei den Zulieferern und Infrastrukturanbietern in der zweiten Reihe. Ich analysiere konkret drei Weltraum-Aktien, die von diesem Zyklus profitieren könnten, und erkläre, welche Bewertungslogik dabei gilt. Jetzt kostenlos zum Live-Webinar anmelden
Herzlichst, Ihr
Felix Baarz
Oracle-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Oracle-Analyse vom 11. Juni liefert die Antwort:
Die neusten Oracle-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Oracle-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 11. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Oracle: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...




