Waffenstillstand drückt Öl, Goldman setzt auf Kupfer-Boom — Gold hält stand
Ölpreise fallen nach Waffenstillstand, während Kupfer dank Goldman Sachs neues Rekorddefizit ins Visier nimmt. Gold bleibt stabil über 4.300 Dollar.

- Brent und WTI unter Druck
- Gold trotzt Korrekturphase
- Silber leidet unter Doppelbelastung
- Goldman hebt Kupferprognose an
Ein Waffenstillstand zwischen Iran und Israel, eine faktisch geschlossene Straße von Hormus und Goldman Sachs mit einer der aggressivsten Kupfer-Prognosen seit Jahren — der Rohstoffmarkt sendet heute widersprüchliche Signale. Während Brent und WTI unter der Entspannung im Nahen Osten leiden, behauptet sich Gold über 4.300 Dollar. Silber kämpft mit Makrodruck, und Kupfer steht vor einem strukturellen Defizit, das die Preise treiben könnte.
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Zwei Kräfte dominieren den Rohstoffmarkt an diesem Dienstag. Die Vereinbarung zwischen Iran und Israel, gegenseitige Angriffe einzustellen, hat die Ölpreise spürbar nach unten gedrückt. Gleichzeitig bleibt die Straße von Hormus unter einer doppelten Blockade faktisch geschlossen — ein Widerspruch, der Händler vor eine schwierige Einordnung stellt.
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Die zweite Kraft kommt aus Washington. Überraschend starke US-Jobdaten haben den Dollar und die Treasury-Renditen nach oben getrieben. Die Märkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent für eine Fed-Zinserhöhung im Dezember ein. Morgen folgen die CPI-Daten für Mai, am Donnerstag die Erzeugerpreise. Beide Veröffentlichungen dürften für alle fünf Rohstoffe richtungsweisend sein.
Gold: Über 4.300 Dollar trotz Korrekturphase
Gold notiert heute bei 4.320,89 Dollar je Feinunze — ein minimales Plus von 0,09 Prozent. Im Monatsvergleich hat das Edelmetall knapp neun Prozent abgegeben, liegt aber weiterhin rund 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Am Montag hatte der Kurs bei etwa 4.307 Dollar eröffnet, deutlich unter dem Freitagsschluss von 4.365 Dollar.
Die Korrektur täuscht über die strukturelle Stärke hinweg. Zentralbanken kauften im ersten Quartal 2026 geschätzte 244 Tonnen Gold netto — mehr als im Vorquartal und über dem Fünfjahresdurchschnitt. Die globale Goldnachfrage inklusive OTC-Handel erreichte 1.231 Tonnen, der Wert schnellte auf ein Rekordniveau von 193 Milliarden Dollar. Chinas Nachfrage allein stieg um 67 Prozent auf 207 Tonnen — ein neuer Quartalsrekord, der den bisherigen Höchststand aus dem zweiten Quartal 2013 pulverisiert.
Goldman Sachs hält am Jahresendziel von 5.400 Dollar je Unze fest, warnt aber vor kurzfristigen Rückschlägen. Der stärkere Dollar und steigende Zinserwartungen belasten. Vor einem Monat lag die eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Dezember-Zinserhöhung noch bei 14 Prozent — heute sind es über 40 Prozent. Kein Wunder, dass Gold kurzfristig unter Druck steht. Die CPI-Daten morgen werden zeigen, ob sich dieser Trend verfestigt.
Silber: Doppelnatur wird zum Handicap
Silber fiel heute auf 67,53 Dollar je Feinunze — ein Tagesverlust von 0,90 Prozent. Die Monatsperformance ist drastisch: minus 21,56 Prozent. Im Jahresvergleich steht dennoch ein Plus von knapp 85 Prozent.
Das Metall leidet unter seiner Zwitterrolle. Als Edelmetall reagiert es empfindlich auf geldpolitische Signale und den starken Dollar. Als Industriemetall — unverzichtbar in der Solarindustrie, Elektronik und Medizintechnik — hängt es an Konjunkturerwartungen. Beide Seiten drücken gerade gleichzeitig.
Die physische Nachfrage erzählt eine andere Geschichte. Das Silver Institute prognostiziert für 2026 einen Anstieg der physischen Investitionen um 20 Prozent auf 227 Millionen Unzen — den höchsten Stand seit vier Jahren, bei gleichzeitigem Angebotsdefizit. Wenn Papierhändler an Futures-Märkten vor Makrodaten verkaufen, hat die physische Käuferbasis in der Vergangenheit solche Rückgänge als Einstiegsfenster genutzt. Algorithmische Prognosen sehen allerdings kurzfristig weiteren Abwärtsdruck — bis zu 17 Prozent innerhalb von sieben Tagen.
Brent Crude: Waffenstillstand löscht den Kriegsaufschlag
Brent bewegte sich heute in einer Spanne zwischen 92,83 und 94,43 Dollar je Barrel — ein deutlicher Rückfall von den über 98 Dollar, die am Montag noch erreicht worden waren. Irans Erklärung, die Militäroperationen gegen Israel beendet zu haben, nahm dem Markt den Risikoaufschlag.
Parallel genehmigte die OPEC+ eine weitere Erhöhung der Juli-Produktionsquoten um 188.000 Barrel pro Tag. Neue Daten deuten zudem auf sinkende chinesische Importe hin — Asiens größter Ölverbraucher greift seit Beginn des Konflikts verstärkt auf Lagerbestände zurück, statt Überseelieferungen zu ordern.
Entscheidend bleibt die Straße von Hormus. Trotz des Waffenstillstands ist die Meerenge faktisch gesperrt, was den Ölpreis strukturell stützt. Fitch Ratings betrachtet die Blockade als temporären Logistikschock und erwartet eine Wiedereröffnung gegen Ende Juli. Für das Gesamtjahr 2026 sieht Fitch Brent im Durchschnitt bei 87 Dollar. Die Argumentation: starkes Angebotswachstum aus Nicht-OPEC-Ländern und eine potenziell aggressivere OPEC-Politik könnten im vierten Quartal wieder eine Überversorgung erzeugen.
Rohöl WTI: Volatilität zwischen Krieg und Diplomatie
WTI schwankte heute in einer breiten Spanne zwischen 91,09 und 95,38 Dollar je Barrel. Am Montag waren die Futures um mehr als vier Prozent auf über 94 Dollar gesprungen — eine Erholung nach zwei Verlustsitzungen, ausgelöst durch erneute Raketenwechsel zwischen Iran und Israel. Am Dienstag kehrte sich die Bewegung um.
Präsident Trump hat beide Seiten zur Deeskalation aufgerufen und auf laufende Gespräche mit Teheran verwiesen. Die doppelte Blockade der Hormus-Straße durch die USA und Iran stört aber weiterhin den Transport von Rohöl, raffinierten Kraftstoffen und Erdgas zu den Weltmärkten.
Die Prognosen spiegeln die extreme Unsicherheit wider:
- Kurzfristig: WTI dürfte sich im Juni in einer Spanne von 71,73 bis 106,74 Dollar bewegen
- Goldman Sachs: Sieht „zweiseitige Risiken“ für sein WTI-Ziel von 83 Dollar im vierten Quartal
- J.P. Morgan: Erwartet weichere Bedingungen und potenzielle Rückgänge Richtung 60 Dollar im späteren Jahresverlauf, sobald sich Handelsströme normalisieren
Solange Hormus geschlossen bleibt, erscheint das untere Ende dieser Szenarien unwahrscheinlich. Eine Öffnung würde den Markt dagegen schlagartig verändern.
Kupfer: Goldman Sachs sieht Rekorddefizit außerhalb der USA
Kupfer notiert heute bei 6,29 Dollar je Pfund — ein marginaler Rückgang nach dem Rekordhoch von 6,60 Dollar am 2. Juni. Im Jahresvergleich liegt das Industriemetall knapp 30 Prozent im Plus.
Die bedeutendste Nachricht der Woche kommt von Goldman Sachs. Die Investmentbank hob ihre Kupferprognosen drastisch an und begründete dies mit einem Markt, der außerhalb der USA deutlich enger geworden sei als erwartet. Zwei Faktoren treiben die Neubewertung: eine langsamere Erholung des Minenangebots und stärker als prognostizierte US-Importe. Goldman sieht Kupferdefizite von 640.000 Tonnen im Jahr 2026 und 170.000 Tonnen in 2027.
Das Jahresendziel für LME-Kupfer wurde auf 13.735 Dollar je Tonne angehoben, die durchschnittliche Preisprognose für 2027 auf 13.800 Dollar.
Ein wenig beachteter Nebeneffekt des Nahostkonflikts verschärft die Lage zusätzlich. Der Stopp von Schwefel- und Schwefelsäureexporten aus der Golfregion hat China veranlasst, eigene Exporte dieser Rohstoffe einzustellen. Die Folge: Engpässe bei Chiles Kupferproduktion, weil knappe Schwefelsäure die Raffineriekapazität begrenzt. Gleichzeitig fielen die Kupferbestände an der Shanghai Futures Exchange auf den niedrigsten Stand des Jahres — ein Zeichen für robuste chinesische Nachfrage.
Langfristig sieht Goldman mehr als 60 Prozent des Kupfernachfragewachstums bis 2030 im Netzausbau und in der Strominfrastruktur. Rechenzentren, KI, Verteidigungsausgaben und Energiesicherheit werden zu zentralen Nachfragetreibern.
Rohstoffmarkt zwischen Inflationsdaten und Blockade-Poker
Der Rohstoffsektor zeigt heute ein klares Muster. Der Waffenstillstand belastet primär Brent und WTI, während die Hormuz-Blockade als strukturelle Preisuntergrenze wirkt. Gold trotzt der Korrektur mit institutioneller Nachfrage, Silber leidet unter seiner Industriekomponente, und Kupfer profitiert von einem fundamentalen Angebotsengpass, den die meisten Marktteilnehmer unterschätzt haben.
Die kommenden 48 Stunden werden entscheidend. Heute stehen der EIA-Energieausblick und der API-Rohöllagerbericht an, morgen folgt der Verbraucherpreisindex für Mai. Überraschend hohe Inflationszahlen würden die Zinserwartungen weiter anheizen — Gold und Silber kurzfristig belasten, aber ihre Funktion als Inflationsschutz langfristig stärken. Für Öl gilt: Solange die Hormus-Blockade anhält, bleibt jeder Preisrückgang auf Entspannungshoffnungen fragil. Und Kupfer? Das Metall dürfte sich als der stille Gewinner dieses Jahres erweisen — vorausgesetzt, die globale Konjunktur hält stand.
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